Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./24. April 1907


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22.IV.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Was aus Eberbach kommt, will gleich beantwortet sein; man vergißt das - ach und denkt an Eberbach und die Pfirsiche, man vergißt das - au und sieht Binau, man vergißt den Ärger - und denkt an den Zwingenberger Schiller, und so gelegentlich natürlich auch - na natürlich an das Kätzchen auf der Chaussee.
Damit es aber keinen Verweis gibt, antworte ich gleich buchstäblich auf die Gewissensfrage. Wie können Sie fragen?! Die Kinder wissen freilich nicht, daß hinter allem Humor etwas Tieferes steckt, und so kleidete auch ich in lächelnde Form das mir werte und liebe Bewußtsein, daß in Heidelberg jemand ist, der tiefinnerlich um Sie besorgt ist. Wie nun, wenn Sie sich in Sachsen zu sehr angestrengt hätten? Sie neigen so leicht dazu, und ich gelte dann als der Verführer. Da Sie aber munter weiter wandern am Neckarstrand, so habe ich wohl im Gericht bestanden und freue mich um so herzlicher der lieben Doppelgrüße, die ich soeben empfing, von den schönen Blumen zu schweigen, über die zu quittieren nicht meines Am
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|tes ist, wennschon ich mich mitfreuen darf. Himmelsschlüsselchen - das verstehe ich als Kenner des Neckarlandes doch noch tiefer als meine Mutter, nicht wahr?
Könnten wir die Tonart unsres Lebens festhalten, d.h. all die Modulationen und "Abweichungen" vergessen, die von Takt zu Takt belebend, spannend, bald bang, bald fröhlich durch das tägliche Sein hindurchklingen, so dürfte ich vielleicht von friedlicher Ruhe sprechen. Es ist nicht ganz so. Aber in der Gesamtauffassung des Menschlichen tritt doch allmählich der hohe Ernst heraus, der nicht fordert, sondern mehr andächtig hinnimmt. So will auch ich nicht klagen, mag auch eine Nervenfurcht schwerer als seit langer Zeit auf mir lasten. Tiefer greift es freilich, daß es mir inzwischen zur schmerzlichen Gewißheit werden mußte: Paulsens Leiden ist unheilbar. Alles deutet h darauf hin, daß es sich um Darmkrebs handelt, und was in diesen Worten für mich liegt, werden Sie still mit mir empfinden. Aber ich wäre ein schlechter Schüler dieses Mannes, wenn das nahe Bevorstehen des Abschiedes mich irre machen könnte in der Auffassung des Lebens, um die auch er wohl jetzt einen harten Endkampf kämpfen muß. Doch ich zweifle nicht, daß er darin siegen wird oder gesiegt hat. Das eben ist der Prüfstein einer Lehre,
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| ob sie gerüstet jedem Schicksal entgegentritt, oder von ihm machtlos umgebogen wird. Ich strebe, so zu leben, daß ich sterben kann. Vertrauen und Glaube ist hier alles. Unser Dasein ein Dienst, aber doch nur vergänglich und nur ein Gleichnis. Mit diesem unergründlichen Dualismus muß sich jeder vertraut machen. Das Geheimnis ist keine Schranke der Gewißheit. So vermag man den hohen Ernst der Lebensstimmung mit der Heiterkeit zu paaren, die in allem Menschlichen etwas Göttliches sieht, und in dem, was uns am Menschen wie eine Offenbarung begeistert, nur den Hinweis auf eine wahre Wirklichkeit erblickt. Das Problematische ist ja dies: Im Leben selbst sollen wir der Realität unverkürzt ins Auge sehen, und doch schwindet vor dem religiösen Bewußtsein diese angebliche Realität in ein Nichts, wegen seiner [über dem Gestrichenem] ihrer inneren Unzulänglichkeit und - verglichen mit der Ahnung des Göttlichen - Wertlosigkeit. Das Wertlose Wertvoll zu machen - das eigentliche Geheimnis des Christentums und vor allem der Seligpreisungen!!
Da wäre dann der Übergang zur Schule. Sie sehen, daß sie mich innerlicher beschäftigt, als die 3. Klasse es gerade braucht. Doch erst ein reizendes kleines Zwischenspiel von der zweiten. Ich stelle 3 Themata zur Wahl: 1) Der griechische Bauspiel Baustil in Berlin. 2) Was erzählen uns die Straßenschilder Berlins von seiner Geschichte? 3) Die Einrichtung eines modernen Warenhauses.
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| Nach 2 Tagen erfolgt das Resultat: Nr I. 0 Stimmen Nr II. 7 Nr. III 10. Ich frage: "Weshalb hat sich denn für das 1. Thema gar kein Liebhaber gefunden?" Erna Ewert: "Ach, da muß man bloß in Berlin herumlaufen und sich alles ansehen." Ich schwieg. Frl. Naumann fand es "schändlich; ganz Berlin NO". In mir gurgelte etwas. Am nächsten Tage die Rede: "Ich bin natürlich entschlossen, Ihre Abstimmung gelten zu lassen, aber einer Kritik an den Motiven kann ich mich doch nicht enthalten. Ist es denn eine so unerhörte Zumutung, einmal in B. spazieren zu gehen, um etwas Neues kennen zu lernen, wozu sich so bald vielleicht keine Gelegenheit wieder bietet? Die vorige IIa hätte das nicht getan. Sie wäre mit mir empor gegangen und hätte Vertrauen zu meiner Führung gehabt. Sie aber streben nach unten und suchen das Bequeme. Es spricht daraus die Tatsache, daß ein Geist in der Klasse herrscht, der mir nicht gefällt. Denn Freude kann das natürlich nur machen, wenn der Wille zu spüren ist: wir wollen auf eine höhere Stufe etc.! Anstoßen, Gebärden etc.
In der nächsten Stunde bespreche ich das Warenhaus. Während sonst großes Interesse für solche Sachen da war, hob sich keine Hand. Vorher eine Murmelstimme, die ich ignorierte. Schließlich sage ich scharf: Na, können Sie nicht, oder wollen Sie nicht? Erna
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| Ewert
mit schmerzlicher Stimme. "Wir können nicht". Fortsetzung. Charlotte Fricke kocht. Charlotte Fricke kocht über: "Die wollen da rein überhaupt ein anderes Thema machen"! Ich "I wo, jetzt hilft es nicht, nun seien Sie nicht wunderlich, immer munter." Es ging besser, aber ohne Freude. Desselbigen Tages haben Sie die Turnlehrerin Frl. Lehmann angestiftet, mir zu sagen, daß sie ein anderes Themas haben wollten. Sie sehr richtig: "Ach, was Ihr zu bestellen habt, das macht man selbst." - Liegt in diesem Vorgang nicht eine tiefe Lehre für die Mädchen, daß nämlich ohne Selbstachtung keine Freude möglich ist, und wäre es die leichteste Arbeit?
Recht aber hatte ich darin: die jetzige IIa ist nicht die alte (die übrigens noch merklich an mir hängt.) Lauter gute, brave Mädchen, aber noch ohne individuelle Stärke. Daher meinerseits ein stark herabgesetztes Interesse, das meiner gegenwärtig so viel Concentration erfordernden Arbeit sehr zugute kommt. Aber ich will doch sehen, ob ich nicht ein energisches Bewußtsein der Selbstheit in sie pflanzen kann, freilich die schwerste pädagogische Aufgabe. Die Mädchen der III sind ganz verduzt über die Idee, daß sie in Religion eigne Ansichten äußern sollen, die ich unter Umständen
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| gelten lassen sollte [über dem Gestrichenem] könnte. Aber die besseren Geister sind nun schon in Bewegung, und ich selbst bewege mich so frei, wie einer, der eben zu Oktober geht, ohne auf offiziellen Dank zu rechnen.

24.IV.
Tägliche Sklavenarbeit bis zur Erschöpfung. Zum Ausreifen keimender, tiefgreifender Gedanken keine Zeit. Nebel und Regen verhüllen die Sonne, die ersehnte.
Sie fragen nach dem Jahresbericht. Derartige Anonyma entlarvt man duch die Notiz am unteren Ende der jeder 1. Bogenseite. Herausgeber ist Julius Elias. Doch zeichnet ehrenhalber Erich Schmidt. Ich hoffe, daß die Arbeit mir im Himmel gelohnt wird; sie ist keineswegs oberflächlich und unpersönlich. Eben bin ich schon wieder beim Jahrgang 1904. Das Gute solcher Aufgaben liegt in der Weite, die sie dem Horizont geben. Eine tiefe wissenschaftliche Skepsis faßt mich jedesmal, wenn ich mich dem Chaos der eingesandten Bücher nähere. Es wird dann deutlich, daß persönliche Assimilation u. Gestaltungskraft das einzige ist, was uns gegeben, nicht aber eine wissenschaftlich fundierte, allzeitig ausreichende Objektivität. Die Gesetzlichkeit dieses Gestaltens
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| zu ergründen, ist meine gegenwärtige Aufgabe. W. v. Humboldt ist mir ein adäquates, historisches Paradigma. Die Arbeit hält alles, was sie mir ahnungsweise versprach, nur nicht die Kürze der Vollendung.
Hüten Sie sich vor der Bewußtheit des Lebens! Sie ladet eine Aufgabe auf uns, die wir nicht leisten können. Besser die Hingabe an den ursprünglichen Trieb, in dem das Unerforschliche durch uns schafft. Dieser Trieb ist künstlerisch; er gestaltet das Leben genial. Wohl dem Genie, das noch nicht die Probleme der Technik brennend empfindet! Aber andererseits gesegnet das Genie, das durch denkende Technik sich selbst vertieft und emporläutert! Sie werden diese Analogie verstehen. Rembrandt malt in seinen Bildern beides: die helle Gestalt auf dem dunklen Unbewußten. (Schelling, Ed. v. Hartmann). Die tiefste Deutung des Unerforschlichen, das auf uns und in uns wirkt, ist die, die das feinste Individuelle in sich aufnimmt. Dies aber ist die persönliche Erfahrung persönlicher Liebe. Kein "Denksystem" hat für dies beides Raum. Nur das
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| Christentum.
Sie fragten früher einmal, ob ich Gottl kenne. In seinem letzten Aufsatz bei Max Weber figuriere ich als Beispiel dafür, wie nah man trotz prinzipieller Verkennung des Einen, was not tut, seinem Standpunkt kommen kann. Es freut mich, daß er meinen sehr ernst gemeinten Unterschied zwischen der Psychologie der Elemente u. der komplexen Lebensvorgänge so scharf herausempfunden hat.
Von Hermann eine uninterpretierbare, hofbräu t liche Karte aus München. Und da klagt man über die Not des Soldatenstandes? Auch ich mache langsamen Schritt, und bete zu allen Heiligen, daß meine Nerven noch bis zum Juli aushalten. Schon um nicht kontraktbrüchig zu werden.
Eine Auswahl aus Dürer hat Osborn (Mitarbeiter obiger Jahresberichte) in der Renaissancebibliothek herausgegeben. Es wäre mir lieb, wenn Sie diese einmal von der Universitätssbibliothek in H. entliehen und durchsähen. Finden Sie etwas daran, kommen wir darauf zurück.
Herzlichste Grüße Ihr Dresdener Freund
Eduard Spranger.

[Kopf] Viele herzliche Grüße u. Dank Frl. Knaps!