Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Juni 1907


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24.VI.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Keinen Brief, sondern nur ein paar Zeilen zur Begründung, weshalb es heute noch kein Brief werden kann. Zwar drängt es mich, auf Ihre letzten Nachrichten, besonders auf Ihre so überaus feinsinnigen, mir aus der Seele geschriebenen Worte über Nietzsche etwas zu antworten; aber es fehlt Ruhe. Bitte aber schicken Sie mir Hermanns Briefe. Sie werden mir um so wertvoller sein, als ich jetzt so selten von ihm höre und ihm, ohne eignes Verschulden, auch so lange nicht schreiben konnte.
Da ich nur noch 14 Tage hierbleibe, häuft sich die Arbeit ungeheuer. Der Fechnerdruck soll in diesen Tagen incl. meinen Erläuterungen noch fertig werden, vergessene Korrekturen kommen von allen Ecken - nur das lange
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| gedruckte Dresdner Gastgeschenk bleibt leider noch aus - und ich selbst bin so furchtbar abgearbeitet, daß ich allein der Sammlung wegen begierig auf die Reise bin. Morgen muß ich nach Frankfurt a. O. fahren, Mittwoch ist wieder große Schulpartie, heute Konferenz, Donnerstag der Kram, Freitag wieder ein Geburtstag - Sie glauben nicht, wie das Kraft u. Concentration der Nerven absorbiert. Mein literarischer Ruf ist in der letzten Zeit so gestiegen, daß mir die Zeitschriften das Haus einlaufen. Nur Sie wissen, daß ich jetzt nur auf eines Wert lege = ein durchgereiftes Buch.
Diese große Nervenüberreizung wird auch voraussichtlich bestimmen, die Schweiz aufzusuchen, obwohl mir die Fahrt etwas zu teuer ist. Ich gebe Ihnen völlig recht, daß d. Engadin wohl das Beste wäre; aber es ist kostspielig und weit. Ich denke, auch des Sees wegen, an
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| die Umgegend von Luzern, habe aber nicht ½ Minute finden können, mich mit diesem Plan zu beschäftigen. Brennend ist mir vor allem diese Frage: Ist relativ sichere Aussicht, daß ich Sie auf der Rückreise ca am 10. - 12 August noch in H. träfe und nicht störte? Sonst müßte ich darauf denken, schon auf der Hinreise H. zu berühren, was mir aber weniger angenehm wäre, weil ich dann Troeltsch, Budenbender (Speyer) u. Ruska treffen könnte und recht gern aufsuchen würde. August wären alle 3 wohl fort. Sollte ich Oberstdorf in Bayern wählen, könnte ich - ohne Garantie, ev. doch über Heidelberg zurück. Sobald ich entschlossen bin, schreibe ich Ihnen. Verzeihen Sie diese Unbestimmtheit; ich weiß in der Tat nicht, wo ich Zeit zur Überlegung finden soll. Sollten Sie übrigens nicht in H. sein, so ist ja wohl Aussicht zu einem
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| Zusammentreffen entweder in der Schweiz oder in Cassel.
Die beiden Menz hatte der hypernervöse Pflegevater zusammen mit s. eignen Tochter bei uns abgemeldet. Gründe demnächst. Dem Bemühen v. Frl. Naumann, die mit mir völlig gleich über diesen Fall denkt, ist es gelungen, Luise und Dora Menz noch bis Oktober bei uns zu halten. - Im Rousseaufall ist es zur Explosion meinerseits gekommen.
Leider muß ich abbrechen. Bald ausführlicher. Herzliche Grüße auch an Frl. Knaps von uns allen.
Ihr dankbarer
Eduard Spranger.

Schade, daß Erwin Sie nicht traf!