Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1907 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 29.VI.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Ihre liebe Geburtstagssendung - Kunstwerk und Brief - haben mir wie stets diesen an sich wenig bedeutungsvollen Tag verschönt, - sie hätten es noch mehr, wenn die Nachrichten über Sie selbst günstiger gelautet hätten. Sie haben sich gewiß bei der großen Putzerei (schrecklich!) zu sehr angestrengt, Sie Predigerin in der Wüste! Mit innigster Freude höre ich von Frl. Knaps und soeben durch Sie selbst, daß es Ihnen persönlich besser geht; möge alles damit ganz behoben sein! Aber nun kommen die betrübenden Nachrichten über Ihren Herrn Onkel, doch wohl den Arzt. Wie alt ist der Herr? Sie müssen
[2]
| aber nicht in allem gleich so schwarz sehen. Weshalb soll ein älterer Herr nicht einmal eine Krankheitsperiode durchzumachen haben? Er hat doch sicher die allerbeste Behandlung, und wenn er nur zu bewegen ist, sich zu schonen, so scheint nach Ihren Berichten der Zustand doch garnicht bedenklich. Hat sich doch selbst Paulsen, dem Sie auch aus der Ferne eine so ungünstige Diagnose stellte, den ich in der Nähe bereits halb aufgegegeben hatte, in letzter Zeit nennenswert erholt, so daß er sogar an die Ostsee gehen darf! Also sehen Sie doch einmal weniger düster in die Welt; denn vom Sehen hängt doch so vieles ab, ja eigentlich die ganze Farbe der Welt!
Und Sie wissen doch sonst in so schönen Farben zu malen: "Golden und rosig" möchte ich mit Uhland sagen, aber noch zarter als dies! Ich schreibe
[3]
| diesen Brief auf der Mappe, mit der Sie mir eine herzliche Freude bereitet haben. Dann aber kommt sie natürlich zu den Heiligtümern. Denn dem Alltag geziemt nicht eine so kostbare Form. Wenn ich meine Berufung als ao. bekomme, will ich auf dieser Unterlage antworten. Denn komme ich jemals dahin, so wissen Sie ja, danke ich es allein der "Heidelberger Unterlage".
Dies, meinen Dank und meine Teilnahme, wollte ich Ihnen in diesen Zeilen sagen, die sogleich in den Kasten müssen, damit sie noch am Sonntag ankommen. Die letzten Tage, besonders gestern, waren entsetzlich strapaziös. Ich lechze nach der Reise. Heute Nachmittag will ich mir Ihre liebenswürdigen Vorschläge (für die herzlichsten Dank!) eingehend überlegen. Ihr Wort fällt bei meinem Entschluß immer entscheidend ins Gewicht. Nur bitte
[4]
| ich Sie herzlich, zu erwägen, daß mir leider starke reale Fesseln angelegt sind: der Zwang zu möglichster Sparksamkeit (der 20 frcs. bereits sehr fühlbar macht) und der Wunsch meiner Eltern, daß ich nicht zu weit gehe, also möglichst an einer Hauptlinie bleibe. Darüber morgen oder übermorgen mehr; auch sonst ist noch eine Fülle zu berichten. Ich bin reine Maschine infolge der Arbeitslast.
Erwin Seidel war dreimal bei Ihnen. Am 27.VI. war er hier, am 25.VI. mit Nieschling zusammen in Erfurt.
Über die gütigen Zeilen von Frl. K. habe ich mich herzlich gefreut. Wollen Sie ihr einstweilen in meinem Namen danken? - Hoffentlich sehen wir uns doch noch beim Kirschenfrühstück; ich habe eine merkwürdige Sehnsucht nach einem Wiedersehen gerade in Heidelberg. Für heute Schluß. Herzlichste Grüße von uns allen. Ihr dankbarer
Eduard Spranger.

[re. Rand] Nächste Themata: Reise, Menz, Schulfrage, etc.
[Kopf] Paulsen empfahl mir Morschach b. Brunnen u. Grindelwald