Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Juli 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 4. Juli 1907.
gegeben auf der Schreibmappe!
Liebes Fräulein Hadlich!
An allem, was Sie schreiben, nehme ich den herzlichsten Anteil. Es betrübt mich, daß Sie noch immer nicht den ganzen Tag aufsein dürfen; aber dürfen Sie da so lange Briefe schreiben? Wie mögen jetzt die Nachrichten aus Cassel lauten? Bitte halten Sie mich doch darüber unterrichtet! Ich weiß wohl, wie aufregend es ist, einen solchen Fall gerade aus der Ferne zu verfolgen. Die Nähe ist da auch im Schlimmsten weit beruhigender.
Auch ich habe schwere, traurige Tage durchmachen müssen. Mein lieber Lehrer und Freund Carl Serwacinski, der Pastor in Treuenbrietzen, ist einer Geisteskrankheit erlegen. Gestern nach der Schule haben wir ihn in Stendal beerdigt. Ein unsäglich mühevolles, glückloses und edles Leben ist so unter erschütternden Umständen abgeschlossen. Ich habe ein großes sonniges Stück meiner Vergangenheit, ein wirkliches Stück von
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| meinem Herzen mit ihm zu Grabe getragen. Unzählige teure Erinnerungen tauchen auf. Denn die Jahre 1896–1900 sind ganz an ihn geknüpft. Erhoben aber hat mich in diesem allen der Heroismus der Frau, der mich mit unendlicher Bewunderung erfüllt. Soviel Aufopferung besitzt eben nur die Frau.
Ich bin nun am heutigen Schulschlußtage völlig kaput. Die besorgten Fragen der Kolleginnen gaben mir ein Bild, wie ich aussehen muß. Ich habe das Bedürfnis, nur schnell fort zu kommen, und fahre also am Mittwoch. Mit Zuhilfenahme eines Bädekers habe ich die Berechtigung Ihrer Gründe eingesehen und mich - freilich eben aus Rücksicht auf die gesundheitlichen Motive - so gut wie ganz für Churwalden entschieden. Mein Verleger Herr Reuther will mir aber heut Nachmittag noch persönlich Auskunft darüber geben, da er es kennt. Wenn ich ihn gesprochen habe, füge ich noch ein paar Zeilen bei. - Sie haben in der "Post" gewohnt. Waren Sie zufrieden? Wäre ev. auch Rothorn zu empfehlen? 6 frcs Pension, wo es sich empfiehlt, auch 7, wäre mein Preis; doch brauche ich ein wohnliches Zimmer mit Schreibgelegenheit. Bitte, wenn es Sie nicht angreift,
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| schreiben Sie mir doch darüber eine Karte. Ich will mich dann an Ort und Stelle anmelden, weil ich auf der Hinreise keine Stationen zu machen, sondern nur in Stuttgart die Nacht zu bleiben beabsichtige. Sie aber hoffe ich bestimmt Anfang August entweder in Parpan, oder Heidelberg, oder in resp. bei Cassel zu sehen. Es wird so auch für Sie ruhiger sein; denn der Kampf der letzten Zeit hat uns wieder einmal gründlich mürbe gemacht. - Wenn ich v. Friedrichshafen nach Rotschach will, fahre ich da zweckmäßig mit der Bahn über Lindau, oder hat der Dampfer wohl auch Anschluß an den Zug, der (voriges Jahr!) 2.35 in Chur war? Gibt es noch die Schweizer Rundreisebillets für 1 Monat zum Preise von ?- oder welches Billet nimmt man bis Chur? Eine Tour auf der Rückreise ist sehr fraglich. Darauf also nehme ich bei der Billetlösung noch keine Rücksicht.
Die Schule habe ich heute in Frieden mit Direktor, Lehrerinnen und Kindern, ja recht herzlich, beschlossen. Die IIa wollte durchaus meine Reiseadresse wissen. Es ist sogar anzunehmen, daß ich Oktober noch länger
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| bei Knauer bleibe. Darüber wie über Menz u. einiges andere, wenn ich Ruhe finde.
Ihre schöne Zeichnung gibt das wieder, was mir beim Schreiben vor der Seele stand. Dieser Abend war doch unvergeßlich schön! Ich wandre so gern an Flußufern, und wie köstlich es ist, wenn während der denkenden Wanderung das Ziel in großen ruhigen Linien vor uns liegt. Der Aufsatz hat viele Freunde gefunden: Paulsen, Eucken, Frl. Naumann u. a. Auch an Troeltsch habe ich ihn geschickt. (Über den schrieb mir Prof. Häring Tübingen: "Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß wie sehr ich mich jedes Fortschrittes auf diesem Gebiet, der Ihnen geschenkt wird, freue, und danke auch noch dafür, daß Sie Troeltsch, m. l. alten Göttinger Kollegen, einiges zu bedenken gegeben, das er wohl vom Philosophen eher annimmt, als vom Theologen.) Sie stoßen sich an dem Satze: "Was tröstet, ist wahr", der übrigens nicht von Lessing stammt, aber von ihm an s. Frau sehr schmerzlich erlebt worden ist. Ich behaupte damit keine Priorität des Tröstenden vor dem Wahren, sondern will beides gleichsetzen, natürlich nur im Prinzip, nicht exakt. Sie müssen bedenken, daß es sich hier nicht um ein Abbilden einer Wirklichkeit handelt, sondern um Erfahrungen, in denen wir Wirklichkeit und geistiges Leben schaffen. Es gehört
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| Kraft dazu, gewisse tröstende Innenerfahrungen festzuhalten; wer sie in Resignation unterdrückt und sich an der gegebenen Welt genügen läßt, geht einen gefährlichen Weg, den ich für innerlich widerspruchsvoll halte. Jeder idealistische Mensch ist ein Schöpfer, und sofern er dies ist, hat er einen "Willen zur Macht", der aus höherem Rechte stammt, als aus dem erkannten Zusammenhang des Gegebnen. Unser alter Streitpunkt!
Ich kann auch heute nicht mehr schreiben, weil ich zu Reuther muß. Aus der Höhe schreibe ich Ihnen dann einmal einen "richtigen" Brief. Sie glauben nicht, was hier auf mich einstürmt. Sähen Sie nur einmal die Post, die ich täglich vorfinde, so würden Sie begreifen, daß im Papierbeschreiben und Markenkleben der halbe Tag hingeht. Dies ist die Kehrseite des Bekanntwerdens. Dabei liegt mir immer noch die Nietzschelektüre auf der Seele; ich bin mit ihm nicht im Reinen. Ihm und dem "Problem des Symbolischen" soll die Einsamkeit gelten; noch mehr natürlich lieben Freunden und den Schulerinnerungen, die mich freundlich begleiten werden. Sie aber wünsche ich mir recht gesund und frei von den gegenwärtigen
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| Sorgen! Vielen herzlichen Dank für die Skizze! Grüßen Sie Frl. Knaps! Einstweilen in herzlicher Treue, Teilnahme und Dankbarkeit
Ihr
Eduard Spranger.

Herr Reuther findet die Idee sehr richtig und empfiehlt mir Fahrt über München-Lindau. Außerdem nannte er Engelberg.
Hzl. Grüße
D.O.
[re. Rand] Der schreckliche Fechner ist fast fertig!
[li. Rand] Das fehlte mir, daß zu all dem Radau auch noch die Amseln vor den Fenstern sängen. Es reicht so gerade!