Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13./14. Juli 1907 (Churwalden)


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Churwalden (Schweiz) Hôtel Post
den 13. Juli 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Daß es keiner Mahnung zum Schreiben bedarf, wissen Sie ja; wenn also eine längere Zeit bis zu diesem Schreiben verstrich, als ich selbst wünschte, so rechne ich auf Ihr Verstehen und Ihre Verzeihung. Es ist in letzter Zeit so viel auf mich eingestürmt, daß ich etwas apathisch geworden bin. In dieser Stimmung, - gleichgültig, müde, bin ich hierher gekommen, und es wird eine Weile dauern, bis es anders wird. Die Zeichen Ihres Gedenkens waren die ersten Postgaben, die ich hier empfing, den Brief erst auf Grund Ihrer Karte, die von den beiden mir sehr willkommenen Cartons begleitet wurde. Herzlichsten Dank für die Erfüllung meines kühnen Begehrens!
Leider können Sie mir nicht melden, daß Sie völlig gesund sind. Was war es nur,
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| was Sie wieder so schwer angegriffen hat?
Leben ist Reisen, und Reisen ist Lernen, und wir haben schon so viel von einander gelernt, daß wir über das bißchen Schweizerreise auch offen miteinander reden können: die Linie Stuttgart-Ulm lag mir den Zügen nach besser als die Nürnberg-Ulm; sie war aber teurer. Also, wenn Sie wollen, ein Fehler. In Fried. bin ich nicht geblieben, sondern, besserer Einsicht folgend, in Rorschach. Das Billet hat man mir dort nicht ausgefertigt, mit der Begründung: "Dös is ka richt' ge Schweizer Rundras." Mir sehr gleich; ich nahm bis Chur einfach. Mama Spranger hatte ½ kg zu viel eingepackt, daher Gepäck über 20. Aber meine Gleichgültigkeit dagegen werden Sie leichter verstehen als die gegen die Schweizer Berge selbst, die mich kalt anwehten und mir nichts sagten, was ich menschlich auslegen könnte. Das Gefühl der Erhabenheit ist [über der Zeile] dabei für mich nicht ein Viertel dessen, das etwa des Todes Majestät in mir auslöst; ich bin, um es noch einmal zu sagen, jetzt zu
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| apathisch und zu wenig Mensch. Es ist so schrecklich kalt hier, daß ich bisher fast nur Unbehagen empfunden habe. Heute gießt es seit 10 Uhr, aber lange kann ich auch nicht sitzen u. schreiben, weil ich in meinem Zimmer - in dem großen Hause vis-à-vis der Post, friere. Und die Gesellschaft, der ich mich mühsam entziehe, ist ebenfalls schaurig. Trotzdem gefällt mir Lage, Verpflegung etc. alles ganz gut. Der Gedanke, daß Sie hier waren, nimmt mir auch den sonst üblichen Trübsinn der ersten Tage; ich bin hier zum Vegetieren, und fühle, daß es mir bei besserem Wetter gut tun wird.
Ich glaube, Sie werden es verstehen, wenn ich die Fäden aus der Zeit vor der Reise nicht wieder anknüpfe. Mir war auch physisch sehr unwohl; ich brach ab und ließ vieles liegen, was mich nun hierher verfolgt, so die letzten Fechnerkorrekturen etc. Bergtouren also brauchen Sie nicht zu fürchten; ich bin heut gerade 10 m gestiegen und mit stärkerem Schnupfen zurückgekehrt, als ich schon hatte. - Hermann konnte
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| ich zu heute auch nur eine Karte schreiben; sonst habe ich noch keinem Menschen geschrieben. - Merkwürdig, daß ich vor und in Stuttgart so oft Damen sah, bei denen ich zuerst dachte: Ist das nicht Frl. Knaps?
Wenn ich doch noch auf die letzten Schulereignisse zurückkommen soll, so verfolgt mich als eine störende Last etwas, wovon wir schon in Dresden sprachen. Die absolute Undurchsichtigkeit u. Inkonsistenz des Direktors. Er hat Frl. Treitel gekündigt, mit Gründen, die mir persönlich verständlicher sind als Ihr, aber in einer Form, die ich vom Standpunkt des Muts und der Offenheit nicht verstehe. Auch das könnte mir gleichgiltig sein; aber welches Spiel spielt er nun mit mir? Donnerstag fühlte ich mich mit ihm frei und klar, Freitag war ich schon wieder absolut unsicher.
Ich hoffe, daß der Fechner Ihnen Freude machen wird. Es ist Ihr Philosoph, sofern man sich der Philosophie eines andern annähern kann. Ich habe z. Z. keine, dafür kalte Beine. Ich will herummarschieren im Zimmer; vielleicht werden sie warm und ich geistvoller.

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14. Juli 1907
Es war mir gestern vor Kälte buchstäblich unmöglich, weiterzuschreiben. Wenn es nicht anders wird, erwarte ich eine schädliche Wirkung statt der guten, die ich dem Ort bei schönem Wetter durchaus zutraue. Ich beginne nun gleich nach dem Frühstück im Lesezimmer mit der Fortsetzung, weil hier geheizt ist und eine himmlische Unruhe herrscht.
Was das hier für eine Kultur ist, weiß der Himmel. Eine Mischung von romanisch, germanisch, französisch, alles vortrefflich; kein eigner historischer Charakter, bloßes Grenzprodukt. Und die Berge sehen das natürlich ruhig mit an. Die Natur hat etwas Unpersönliches, man kann nicht mit ihr reden, das war von jeher meine Empfindung; deshalb interessieren mich menschliche Dinge hier wie allerwärts weit tiefer, unbeschadet des Genusses
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| an der Natur. Nur kann ich sie nicht nicht als unmittelbaren u. höchsten Ausdruck des Göttlichen ansehen, weil ich in dem Fürsichsein des persönlichen Lebens, also in der inneren Mystik im Gegensatz zur äußerern die eigentliche Offenbarung und das höchste Erlebnis erblicke. Dies dürfen Sie nicht so verstehen, als meinte ich damit das vollendete Kunstwerk einer hochgebildeten Persönlichkeit, sondern ich meine die kleinen, individuell menschlichen Beziehungen und Erlebnisse, die nicht minder als die Natur die Basis unsres Daseins bilden. Diese treten mir in jeder Kulturform wie Ewigkeitszeugen entgegen: im Bild der Dörfer, in der Sprache, in der Religiosität, den Sitten etc. Und als eine unendliche Macht ragt über Länder und Zeiten das Christentum, für das ich bei den Höchstgebildeten unsrer Zeit ein so lächerliches Minus an Verständnis finde, daß ich oft befürchte, man könne es mir als dogmatische Intoleranz auslegen, wenn ich gegen die falschen Maßstäbe Front mache, mit denen man ihm gegenübertritt. Ich bin dadurch in eine Art prinzipieller Verteidigungsopposition gedrängt worden und mache es fast zum Grundsatz, daß alle seine Lehren noch viel unvergänglicher und tiefer sind, als all das moderne Gerede von innerer Selbstständigkeit, Vorurteilslosigkeit dem Vergangenen gegenüber, kritischer Besinnung und individueller Religiosität.
Man darf die Voraussetzungen unsres Lebens nicht fallen lassen. Zu diesen Voraussetzungen aber gehört nicht nur der Staat, sondern auch die abgelagerte Steinweisheit der religiösen Systeme. Die modernen Individuen bauen auf dieser Basis weiter und glauben, wenn sie das Turmdach errichten, der Turm stünde garnicht mehr auf dem Boden. Ich kam hierher mit Nietzscheproblemen; aber wenn ich zu ihm zurückdenke, hat er viel vom
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| Problematischen für mich verloren. Ich habe mich gefragt, ob der Übermensch wohl auch lügen und stehlen dürfte, - und wenn man in solchen Linien weiter denkt, so sieht man eben die ganze unbestimmte Gedankenspielerei dieses nervösen Kopfes, der sich gegen eine Idee, die in ihm aufgewuchert ist, absolut nicht mehr mit Gründen wehren kann, die für jeden Gesunden auf der Oberfläche liegen. Was nützt der innere Reichtum der Heroen, wenn sie nicht abgeben, wenn nicht ein universaler Erziehungsgedanke, eine Art Ideal besonnener Weltverbesserung sie beseelt? Mit diesen Dingen werde ich mich wohl nicht lange herumschlagen; umso mehr aber mit der prinzipiellen Frage, ob das Verhältnis unsres Erkennens zu den höheren Werterlebnissen als eine fortlaufende Linie zu denken ist (Metaphysik), oder als ein Richtungswechsel (Irrationalismus u. Symbolik, etwa von der Form: Werte <Pfeil vertikal> Erkennen <Pfeil horizontal>, wo es dann darauf ankäme, das Funktionsverhältnis der einzelnen Punkte zu bestimmen: Daraus entsteht ein Gewebe, genannt: geistiges Leben <Skizze: dreieckähnlich>. - Sie haben mich danach <quer links> nicht gefragt: es sind Fieberträume eines erfrorenen Einsiedlers. Mit herzlichen Wünschen <Kopf> für Ihre Gesundheit und mit großem Dank für alle Güte
Ihr Eduard Spranger.