Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Juli1907 (Churwalden)


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Churwalden, den 19. Juli 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Bei diesem schönen Sonnenschein sieht Churwalden ganz anders aus, als bei 6° Wärme und Regen. Seit dem 15.VII. ist es hier prachtvoll. Der Aufenthalt ist unzweifelhaft sehr gesund, wennschon ich gerade nicht finde, was meinem lernschaftlichen Lieblingsneigungen voll entspräche. Vielleicht aber können Sie mir ein Plätzchen nennen, wo man ungestört und idyllisch weilt? Am meisten behagt mir noch der Canalweg. Alles andere ist steil oder steinig.
Ich werde, in aller Ruhe einge-<unleserlich> und mit nur gelegentlicher Unterbrechung durch Tagestouren, noch 14 Tage hierbleiben, falls nichts dazwischen kommt. Ob ich den Rückweg über Zürich, Luzern, Basel, Heidelberg wähle, ist sehr fraglich, weil ich fürchte,
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| daß mir das zu teuer wird. Ich würde dann aber jedenfalls über Bregenz, Stuttgart, Heilbronn, Heidelberg, oder über Konstanz nach Heidelberg fahren, worüber s.Z. noch Nachricht. Jedenfalls hoffe ich so ca den 6. August in H. zu Verleben und Sie dann wieder in völliger Frische, steigemutig für den Dilberg, mindestens aber den Kümmelberger, zu finden. Und auch ich hoffe dann etwas frischer, geistig regsamer zu sein, als ich es heute noch bin.
Ich müßte lügen, wenn ich sagen sollte, dass der große Speisesaal mit den 40 essenden, sonst aber jeder Essenz braven Gästen zu den Annehmlichkeiten von Ch. gehörte. Ein gütiges Geschick aber hat es wenigstens so gefügt, daß ich in den letzten 8 Tagen zu Mittag eine liebenswürdige alte Schweizer Dame zur Nachbarin hatte: Fräulein Schilplin aus Brugg in Aargau. Wir haben manchen
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| Vormittag im Walde verplaudert, und ihre ehrliche, fürsorgende, tiefgehende Art hat mir sehr wohlgetan. Sie reist in einer Stunde nach Parpan und wird dort voraussichtlich bis Ende August bleiben, bei Hofrat Veragout oder anders Ragout (?) Ich würde mich sehr freuen, wer[über dem Gestrichenem] enn Sie und Frl. Knaps die Dame dort noch kennen lernten.
Ich lebe hier in einer völligen Poststille. Nur wenige Lebenszeichen hat man mir bisher gesandt. Heute erhielt ich von Hause das 4. Heft der Ztschr. für Theologie u. Kirche, in der ein Beitrag von mir (½ Bogen) unter Thesen und Antithesen steht. (Euckens Religionsphilosophie.) Obwohl ich darüber noch keine Nachricht habe, scheint es mir, als ob ich keine Separatabzüge davon erhielte. Falls die Sache Sie interessiert, finden Sie das Heft vielleicht in einem Zeitschriftenzimmer.
Sie bieten mir so gütig an, mir in dieser Wildnis durch Spiritual- oder Naturallieferung auszuhelfen. Mit den Käst
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|chen bin ich noch in Ihren Schuld. Sollten Sie Jürg-Jenatsch in Ihrer eignen Bibliothek haben und mir ihn leihweise als Drucksache senden wollen, wäre es mir angenehm. Wenn Sie ihn aber nicht haben, so finde ich ihn in Berlin; schicken Sie also bitte nur unter dieser Voraussetzung, denn nur dann - - hätte ich Veranlassung über Heidelberg zurückzufahren!
Mein Reflexionsbedürfnis ist hier merkwürdig gering. Doch habe ich mir 2 Dinge völlig klar gemacht, in denen die Veranlassung für das Unbefriedigende meines Zustandes liegt. Einmal bin ich in eine Tätigkeit hineingekommen, die eine durchaus unökonomische Verwendung meiner Kräfte, geistig und materiell, bedeutet. Ich glaube nicht, daß die Lyrik hier mit hingehört: ich betrachte sie als zeitlich lahmend, und daß ich sie doch nicht zum Hauptfach gemacht habe, finde ich nach Betrachtung der drei neben mir sitzenden braven Lehrernaturen sehr wichtig. Ludwig hielt seine diesjährige Geburtstagsrede nach der Disposition:
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Einleitung: keine Lobrede, sondern rein Kritik.
    a) vormittags: Flickschulster
    b) nachmittags: Laternenanstecker
Schluß: besoffener Blödsinn (pardon!)
Über das a) denke ich trotz allem; ja selbst trotz des feisten Judenmädels, das mir hier bei Tisch vis-à-vis Sicht und liebe Reminiscenzen verdirbt, anders. Mit dem b) aber hat er s. Richtigkeit: ich bin Recensiermaschine, und deshalb ist ein Stück m. Kur, daß ich hier 3 Recensionen wegarbeiten und dann, vor Oktober keine mehr machen werden. Die erste über ein englisches Buch ist bereits fertig und abgesandt.
Das zweite liegt tiefer. Sie werden sich vielleicht über die starke Wendung zum Religiösen, die ich seit Ostern ohne allen äußeren Anlaß genommen habe, gewundert haben. Auch mir ist sie nur erklärlich, wenn ich sie als Ausdruck einer inneren Notwendigkeit ansehe. Und deren Wurzel ist mir hier völlig aufgegangen: das Erlebnis von dem völlig Ungenügenden dieser Welt, ihrem durchgängigen Widerspruch gegen alles
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| uns wahrhaft Wertvolle, ihr brutales Gegenwirken gegen alle Flügel, die uns wachsen wollen, ihre seelenlose Beschlossenheit in Zeit und Raum. Dem aber steht ein anderes gegenüber: das tief erlebt Wertvolle, das uns keimhaft in und an dieser Welt entgegenstrahlt, das Nicht-von-ihr-lassen-können, An-ihr-arbeiten-müssen. Diese Antinomie zwischen Transcendenz und Diesseitigkeit ist die irrationale Wurzel, aus der das Religiöse emporwächst, aber als hoffnungs- und blütenlose Pflanze, wenn man das Problem auf dem Boden der Vorstellung, statt auf dem der Werte zu lösen hofft. Werte am Zeitlich-Räumlichen erwachsend aber darüber hinaus wachsend und in ihrem erlebten Gehalt die Garantie ihrer selbst in sich tragend, schaffen das spezifisch-religiöse System, und darin liegt zugleich die Direktive für seine wissenschaftliche Behandlung: Zuordnung von Realitätserlebnis und Wertforderung. Schon nach reinem rohen psychischen Gesetz ist es klar, daß keine Werte in uns
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| kommen könnten, die nicht durch den Realitätszusammenhang zuletzt gerechtfertigt würden. Eine Deutung der Welt von diesen Werten aus also ist Religion, und es hat keine gegeben, die in ihrem Kern anders entstanden wäre, auch der immanenteste Pantheismus und der weltverneinendste Supranaturalismus nicht. Ich glaube ferner, daß diese fundamentale Tatsache aus einer universalen Philosophie nicht ausgeschlossen werden darf, soll nicht Religion und Philosophie unser Leben in 2 Hälften reißen. Nur eine Accentverschiebung, nicht eine Antinomie ihres Realitätsgehaltes kann zwischen beiden bestehen. Und dieser Grundauffassung ordnen sich dann Ethik, Ästhetik, Pädagogik nicht im Sinne ruhender, sondern schöpferischer Systeme ein.
Nehmen Sie mit diesen Andenkungen für heute vorlieb; ich muss an die Post. Dankbar wäre ich Ihnen für eine Äußerung, wie sich Ihr persönliches Erleben dazu stellt. Dankbar auch für eine gute Nachricht über Ihr
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| Befinden und Cassel.
Herzliche Grüße
Ihr getreuer
Eduard Spranger.

[] Kennen Sie des Gleichens von reichen Kornbauern?