Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. August 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 26.VIII.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Sie haben mir zwar sehr fleißig von Parpan geschrieben, und doch ist mir, als hätte ich sehr lange nichts von Ihnen gehört. Ich deute dies als ein gutes Zeichen - Ihnen vergeht die Zeit schnell (und bei gutem Wetter) - mir langsam. Trotzdem werden Sie wohl, wenn diese Zeilen eintreffen, schon an die Abreise denken. Denn es wird rauh im Gebirg, und auch Frl. Schilplins Flucht, von der sie mir heute schrieb, läßt mich wünschen, daß Sie lieber tiefere Gegenden, z.B. Reichenau im Bodensee, aufsuchen. Es hat mir herzlich leid getan, daß Frl. Sch. plötzlich eine ungünstige Wirkung verspürte, da sie ganz krank ist, war ich von vorn
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|herein gegen die Wahl des Ortes bedenklich; aber ich hatte einen glücklichen Ausgang gehofft.
Von den greifbaren Punkten meines jetzigen Lebens habe ich Ihnen schon neulich per Karte berichtet; ich bin Ihnen nur noch den inneren Kommentar schuldig. Im ganzen ist hier noch stille Zeit, alle akademischen Beziehungen schlafen den Sommerschlaf, und ich fühle mich recht glücklich, daß das rein Gelehrte meine Kurse nicht kreuzt, und auch, daß jenes Zusammentreffen, von dessen innerer Zerbrochenheit ich Ihnen erzählte, noch nicht wieder stattfindet. Stattdessen genieße ich eine fast ungestörte, konzentrierte und noch von Stimmung belebte Arbeitszeit. Ich bin sehr tätig, aber ohne Hast und ohne Qual, weil jetzt endlich jener beglückende Moment eingetreten ist, in dem die Humboldtarbeit sich von
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| innen heraus weiter entwickelt. Man kann diesen Augenblick nicht willkürlich erzeugen. Deshalb hat der Fortschritt meiner Untersuchung sich diesmal so lange verzögert. Nun aber sind die Kristalle zusammengeschossen, und wenn auch noch mancher Hemmnis eintreten wird, so arbeite ich jetzt nicht wie ein Maurer, der mit der Kelle einzelen Steine aneinanderleimt, sondern wie der Baumeister, der die Einzelheiten des Hauses von der Gesamtidee aus immer bestimmter werden lässt. So habe ich in dieser kurzen Zeit 50 Folioseiten Ms. für die Kantstudien ausgearbeitet. Die 3 Teilen dieser Abhandlung bilden das Gerippe der Hauptschrift und werden in sie hineingearbeitet. Der pädagog. Aufsatz erscheint erst in Nr. 2 und 3 der neuen Zeitschrift. Nr. 1 hat eine nur sehr unsympathische Figur okku
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|piert; also verspekuliert. Denn Verbreitung findet natürlich nur Nr. 1. speziell bei den maßgebenden Stellen.
Von Eucken bekam ich heute eine Art Druckbrief für die Gibsonrecension. Ich hatte über die Schwierigkeit des Schriftstellers geklagt, der heute Vollwichtiges einem die Zeitschriften nur überfliegenden Publikum darbietet. Er fragt sehr naiv, ob ich denn nie daran gedacht hätte, die akademische Carriere zu machen, - und was das beste ist. - Gleich darauf teilt er mir mit, daß er mich einem italienischen Grafen sehr warm zur Mitarbeit an seiner - Zeitschrift empfohlen habe. Fortuna hat mich an den Jenanser Sieges wegen festgefesselt.
Eben habe ich an Paulsen geschrieben. Er soll wieder recht krank gewesen sein. Um so fataler war es mir, ihn um die Untersuchung meines Verlängerungsgesuches für den Unterricht bitten zu müssen. Die Schule ist ja für mich nicht mehr das, was
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| sie im ersten Jahre war (auch wegen des Schülerinnenmateriales), aber sie ist für mich noch unendlich viel und eine Art Lebensbedürfnis. Der Fall Menz ist einer von denen, über die nur die Zeit hinweg hilft, weil man absolut passiv ist und sich dem baren Unsinn gegenüber sieht. Der Direktor ist andauernd verstimmt, weil sich das Kollegium in einem unaufhaltsamen Auflösungsprozeß befindet. Ich gehöre bald zu den ältesten Kräften. Der Religionsunterricht ist immer moch schwer; doch habe ich jetzt rechts 3 und links 3, die regelmäßig mitarbeiten. Die IIa ist brav bis zur langen Weile; psychologisch interessant ist mir nur das starke Bewußtsein ihrer eignen Daheit, über das sie verfügt.
Ich mache jetzt alle 8 Tage mit meinen Freunden eine Partie. Wir wandern immer ziemlich weit, und die pädagogische Fachsimpelei gibt die Möglich
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|keit, tiefere Divergenzen in der Lebensauffassung zu verdecken. Oft genug wünsche ich mir Hahn in die Nähe, um einen gleich Interessierten zu haben; denn wenn ich mich den Diltheyschen Privatdocenten im Umgang näherte, so würde jede abweichende Ansicht meinerseits mir als Dummheit ausgelegt werden, weil ich noch nicht habilitiert bin. Ich suche aber weniger nach philosophischem Wissen, als nach Überzeugungen, und gerade hierin fühle ich mich in der letzten Zeit ein Stück weitergekommen.
Der Begriff des Wertes wird immer mehr für mich der Beherrschende. Es wird lange dauern, ehe ich nach der Diltheyschen Schule zu einem festen Wertbewußtsein komme. Um so kritischer wird es dastehen. Humboldts Briefe an eine Freundin, so unsympathisch sie mir z. T. sind, haben mich bei der zusammenhängenden Lektüre durch ihre klassische Ruhe wunderbar gestärkt.
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| Den schönsten seiner Briefe (an Karoline v. Wolzogen) werde ich Ihnen abschreiben und nach Heidelberg schicken.
Ich schrieb Ihnen im Anfang von Arbeitsfreude und habe davon nichts zu widerrufen. Trotzdem ist meine Grundstimmung eine einsame Melancholie. Alles eigentliche Renaissancebewußtsein und mit ihm alle Siegerstimmung ist verschwunden. Die Realität dieser Welt ist für mich um die Hälfte herabgemindert. Ich weiß, Sie fühlen mir das nicht ganz nach; aber alles, auch Humboldt, weist auf die Transcendenz: Es gibt hier nichts wahrhaft Wertvolles, sondern nur Symbole davon, die auf einen anderen Zusammenhang hin- weisen. die ganze Sinnlosigkeit des Zeitlichen steht nackt vor mir. Ist dies die ganze Realität, so ist sie das Anspeien nicht wert. Sie wissen, daß ich nicht blasiert bin; aber meine Weltanschauung hat sich ent
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|schieden. Sie ist nicht weltverneinend, aber sehr kritisch gegen die Welt. Der wahre Mensch kann nicht an ihr hängen, wenn er sich richtig deutet. Er lebt in einer Welt der Werte, die er zwar hier verficht, deren Heimat aber anderwärts ist. Deshalb liegt alles für mich an und in diesen Werten; wenig an dieser Welt der Hemmungen. Befreien kann ich den Menschen nur, wenn ich ihn über dies jammervoll Beschränkende hinaushebe. Jede immanente Dankweise ist mir fortan verschlossen.
Sie haben nun einen rechten Pastor zum Freund. Ich bin selbst erstaunt, daß mir dies Bewußtsein gerade in meinen aktiven Jahren kam; es mußte wohl kommen. Verraten Sie Frl. Knaps nichts davon, sondern freuen Sie sich mit ihr der Berge, die ewig schweigen, und bringen Sie mit ihr Gesundheit ins Tal, die diese Reise leicht macht. Sie ist nicht mehr als eine richtige Schweizerwunders, und die Aussichten sind doch das Beste. Die Aussichten vom Dilsberg führten <re. Rand> auch nicht auf das Geres, sondern in andren Perspektiven. Wir haben das selbe gesehen und fühlen es, und wenn Sie anders sprechen, so übersehe ich es in <li. Rand> meine Sprache. Herzliche Grüße an Frl. Knaps, Sie u. Frl. Schilplin, wenn Sie sie se<Kopf>hen, von uns allen   Ihr getreuer Eduard Spranger.