Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9. September 07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Das brennende Verlangen, Ihnen Dank und Nachricht zu senden, kann ich nun trotz aller entgegenstehenden Momente nicht bezwingen, sondern kniffe dieses Blatt "anderslang" zum Brief, um wenigstens ein paar Worte mit Ihnen zu wechseln. Habe ich Ihnen doch noch nicht einmal ein ordentliches "Willkommen" in Dtschld zugerufen, Ihnen noch nicht für die Karte aus Mainau, den Brief von Heidelberg mit dem edlen Pestalozzi und so manches andere, was sich nicht so mit Stichworten bezeichnen läßt, gedankt! Ihr heutiger Brief schlägt Töne an, die wohl in mir nachklingen. Was Sie an Ihrem verehrten Onkel und sonst in der Familie erleben, breitet so ein Gefühl habitueller Wehmut über uns aus, gegen die man schwer ankommt. Es ist so ein Stück Weltfremdheit unsrer Seele: das alles ist doch anders, als es eine Stimme in unsrem Tiefsten fordert. Ich habe lebhaft mit Ihnen empfunden, was Sie mir schreiben. Auch Hermanns Schicksal verstehe und fühle ich nur zu gut; denn es ist ja
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| mit wenigen Abänderungen auch meines. Übrigens schadet es dem Manne nicht, wenn er sich an Schwierigkeiten hartreibt; nur das direkt Unkluge muß er vermeiden. - Daß Sie so viel Schönes in Parpan gemalt haben, habe ich mir schon immer in den letzten Wochen geistig "ausgemalt". Sie sehen so unendlich viel mehr, als ein gewöhnliches Auge, noch dazu das Begriffsauge eines Philosophen. Vielleicht zeigen Sie mir etwas im Winter?!?
Über den Fall unsrer Schweizerin will ich erst Gras wachsen lassen. Ich hoffte, Sie zu erfreuen, und habe Ihnen ungewollt vielleicht gar Kränkungen bereitet. Daß ich in diesem Falle schuldlos war, darf ich frei versichern. Ich sehe nun, daß das uns Fremdartige der Schweizer auch in dieser mir noch sympathischsten Schweizerseele lebt. Es fehlt ihnen Zartheit und Tiefe. Gestern hätten Sie den Prediger Scholz über dies Thema hören sollen; er gab mir zu meinem innigsten Entzücken (im Gegsatz zu Rade - Naumann) völlig recht und dehnte diese Beurteilung höchst interessant auf Luther - Zwingli aus. Bei dem letzteren dieselbe Selbstgerechtigkeit und Enge.
Von mir könnte ich Ihnen endlos erzählen. Eine Flut von Geschäften lastet wieder auf mir. Es geht vielfach über meine Leistungsfähigkeit; nur sagen Sie nicht, daß ich mich schonen solle. Das geht nicht; ich
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| muß mich mit den Aufgaben abfinden, die an mich herantreten, obwohl ich nach jeder intensiveren Ausarbeitungsperiode immer wieder starke nervöse Störungen erfahre. Vor allem die endlose Korrespondenz zersplittert meine Kräfte (Sie wissen, daß sich diese Klage immer nur auf die geschäftliche, nicht auf die freundschaftliche beziehen kann. Im Gegenteil: ein Brief von Ihnen ist in der Regel das einzig Erfreuliche, was der Stoß bei meiner Rückkehr aus der Schule birgt!)
Es geht so vieles nicht glatt. Z. B. der Fechner. Sie werden vielleicht bemerken, daß die in Churwalden mühsam gemachte Revision m. Anmerkungen durch einen unerklärlichen Umstand nicht berücksichtigt worden und alles mit den Fehlern abgedruckt ist. Die Löwenberger Sache war auch eine ganz verfehlte Spekulation. Und dann quält mich immer noch das Schicksal der Luise Menz. Durch ein Spionagesystem habe ich die Schule ergründet, wo sie ist, und alles getan, ihr dort durch mein Verbindung die Wege zu ebnen. Der Stiefvater soll den Versuch gemacht haben, sie mit seiner Tochter, die ein Jahr tiefer sitzt, in eine Klasse zu bringen, erfreulicher Weise ohne Erfolg. Doch sollen ihre Leistungen, was ich nun wohl verstehe, zurückgegangen sein. Sie schickte mir ein geliehenes Buch, das ich sogleich mit gemessenen, aber hoffentlich ihr wohltuenden Worten als Andenken zurücksandte. - Schmerzlich im wahren Sinne ist es mir
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| auch, daß Frl. Naumann die Schule zu Oktober definitiv verläßt. Der Direktor konnte und wollte sich auf ein Bleiben mit halber Stundenzahl nicht verstehen. Sie leidet sehr darunter, und ich verliere eine mir unendlich wertvolle Kollegin, wenn auch nicht die Freundin.
Anderes steht erfreulicher: Mein Verlängerungsgesuch ist in 5 Tagen glatt bewilligt worden. Mit dem (sonst sehr mißgestimmten) Direktor, dessen fünftälteste Lehrkraft, wenn ich die wissenschaftlichen rechne, ja dessen dritt[über dem Gestrichenem] zweitälteste ich bin, wenn ich nur die Oberstufe in Betracht ziehe, [über der Zeile] ist <ein Wort unleserlich> Friedes. Und denken Sie: Beim mündlichen Examen excellierte meine IIa geradezu/großartig. Er saß und lauerte, daß es irgendwo haperte: aber das meiste ging fein. Natürlich hat alles seine Kehrseite. Mit den häuslichen Aufsätzen war wenig los und mit der III. Klasse stehe ich seit 2 Stunden ihres ungeordneten Betragens wegen auf Kriegsfuß.
Ungeheures habe ich für Humboldt daneben gearbeitet. In den ersten 4 Wochen habe ich im ganzen 80 engbeschriebene Folioseiten Druckmanuskript (zunächst für die bereits drängenden) Kantstudien fertig[über der Zeile] gestellt. Hinneberg überläuft mich mit Recensionen. Paulsen wollte mich zur Übersetzung eines frz. Buches, für das er eine geradezu jugendliche Begeisterung bewies (Lichtenberger, L'Allemagne moderne) gewinnen. Natürlich mußte ich abschreiben; doch habe ich die Verlagsverhandlungen zu führen.
Zum Schluß etwas Denkwürdiges: Morgen über 8 Tage kommt Kügelgen her (nach 4 Jahren). Hoffentlich verläuft alles glatt! Ende September kommt wohl Nieschling. [li. Rand] Auch er ist im Sanatorium! Verzeihen Sie das jetzt beigelegte unpassende Blatt!

Ihr Urteil über Hahns Novelle ist mir sehr interessant, da ich ihre Entstehung etwas näher kenne. Es ist niemand recht mit ihr zufrieden. Sie hat auch für mich etwas Störendes, was ich mir noch nicht recht deutlich machen kann. Er redigiert nun wirklich mitunter die "Glocke". Weniger Freude erlebe ich an Ludwig, der mit seinen Nerven ganz am Rande ist. Ich bin aus bestimmten Gründen recht besorgt um ihn. Eucken schreibt mir jetzt öfter. (Haben Sie eigentlich m. Gibsonrecension in P. erhalten?) Daß Ihnen der Humboldtbrief, ein Stück klassischer Religiosität, Freude gemacht hat, ist mir lieb. Das Papier habe ich in Churwalden gekauft! Vorgestern war ich im Schönhauser Park. Es kam wieder einmal das Metaphysische über mich mit unendlicher Gewalt. Diese hohen Bäume mit der Herbstsonne reden innerlicher als die hohen Berge. Was ist doch dies Dasein mit seinem heftigen Kampf für ein schönes, wehmütiges Rätsel! Haben Sie nie das Bedürfnis gefühlt daß dieses Rätsel uns einmal ohne Schranke offenbar wird? Morgen beginnen die Vorbesprechungen für meine politischen Vorträge. Sie sind noch nicht in Überschriften fertig, und Hahn will sie schon für die Glocke haben! Ruska bekommt als Ersatz für m. Besuch einen Fechner. Man sagt mir viel Schmeichelhaftes über den Einband. Die Rennersche Sache entwickelt sich höchst eigenartig. Ich bin froh, daß ich diesess Dilnvium rechtzeitig hereinbrechen sah. Nehmen Sie mir diesen Nachrichtenzettel nicht als einen Brief. Gewiß habe ich vieles wieder vergessen. Aber es geht alles in so großer Hast, weil ich Ihnen doch wenigstens einmal schreiben wollte. Nach Kügelgens Besuch und der Versetzungskonferenz folgt größere Ruhe und - ein Brief. Bitte grüßen Sie die verehrten Ihrigen alle vielmals von mir.
<li. Rand> Wie ist man mit Ihrer Erholung zufrieden? Wir alle grüßen Sie <re. Rand> herzlichst u. wünschen Ihnen das Beste.
Stets Ihr E.S.