Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. September 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 28. September 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Es ist eine endlose Zeit vergangen, ihn der ich Ihrer zwar stets treu gedacht, aber Ihnen kaum eine Zeile geschrieben habe. An Stoff hätte es so wenig gefehlt, daß ich heute einfach resignieren muß, Ihnen ein volles Bild meines Daseins zu geben.
Abgesehen von einer Stunde, in der ich mich vor einem furchtbaren Abgrund sah, von der ich nie reden kann und die noch lange nachwirkende Schatten warf (heute sind sie relativ gebannt), war es eine arbeitsfrohe und inhaltreiche, schöne, aber sehr unruhige Zeit. Ich beginne mit dem Grund meines Nichtschreibens: es war kein andrer als der, daß ich in den letzten 14 Tagen 65 enger Folioseiten umstilisierend für die Kantstudien abgeschrieben habe; was dabei noch an freier Zeit blieb, war für die Correspondenz verloren, weil ich eben rein physisch nicht mehr schreiben konnte. Aber meine Gedanken waren oft in Heidelberg und fragten, ob Sie wohl gesund angekommen wären; dann habe auch ich mich der schönen Blumen gefreut, deren symbolische Worte diesmal auch äußerlich zutrafen: Wir hatten hier die schönsten Sommertage, und ich habe
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| es trotz aller Arbeit fertigbekommen, sie fleißig zu benutzen. Ich habe nämlich noch 3 Schulpartien mitgemacht, abgesehen von den allein unternommenen, und jede war in ihrer Art ein Sommersonnenstrahl.
Die Mädchen lassen mir nämlich keine Ruhe, ich muß durchaus immer dabei sein. Beweis: die IIb, die ich garnicht unterrichte, hat mich schon zum 2. Male geangelt. Dabei muß ich überhaupt in Dankbarkeit der Schule gedenken. Alle Herzen von I bis III schlagen dort für mich, und meine Beliebtheit ist auf ihrem sommerlichen Gipfel. Kurze Momente, in denen ich das Gefühl habe, daß etwas beiderseits Ungewolltes zwischen uns tritt, verschwinden immer wieder in fröhlicher Harmonie. Am Donnerstag habe ich nun auch den Jahreskursus mit der IIa geschlossen und ein paar Abschiedsworte an sie gerichtet. Ich war selbst erstaunt, wie, als ich geendigt hatte, alles lautlos sitzen blieb, bis nach einigen Minuten alle erst aus dem Nachsinnen aufwachten und merkten, daß Pause war. Und die Ia hatte mich sogar zum Abschiedstreffen in der Aula eingeladen; es war ebenso niedlich wie ein bißchen formlos. Die gute Laune siegte bald; ich machte Musik, spielte zum Tanz Polonaise, Walzer, Menuett, kommandierte der I b den Kaffeesalamander auf der Untertasse und vergaß
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| ganz, daß gerade an diesem Tage meine Wissenschaft pressierte. Meine Klara Runge hielt frei eine Rede auf Direktor und Kollegium, so vollendet in Form, Ton und Inhalt, daß ich wirklich zur Andacht gestimmt wurde. Charlotte Möller und Luise Goedecke hatten Tafellieder gedichtet, und Hedwig Wolter sang mit ihrer wirklich wundervollen Stimme die "Uhr", die mein Jugendfreund in der Vorahnung seines frühen Todes zu singen pflegte und mir deshalb unerträglich ist. Kurz, es war u. bleibt die seltsamste Fête, die ich mitgemacht habe.
Heute hatten wir Abschiedsfeier; auch für Frl. Naumann. Die Form, in der der Direktor sich seinerseits dieser Aufgabe entledigte, hat mich (nach kurzem Frieden) tief verletzt. Ich muß anfangen zu glauben, daß dieser Mann, den ich lieben möchte, unter mir steht. Klara Runge wird Bibliothekarin (also kann ich weiter für sie wirken), Charlotte Möller Lehrerin, Else v. Hennig dankte mir enthusiastisch etc.etc. Auch von meinen aus der IIa habe ich schweren Herzens 4 liebgewonnene Seelen ziehen sehen.
Auf meine Anregung hatte die IIa nichts für Frl. Naumann gekauft, sondern eine gemeinschaftliche Handarbeit gefertigt. Das Katheder war mit Blumen dekoriert, und schräg darauf lag ein
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| hübsch gebrannter Haussegen: "Die Liebe höret nimmer auf." Frl. Lehmann erzählte, daß immer 4 Mädchen an den 4 Ecken gesessen hätten (sie konnten NB noch nicht brennen!). Die I schenkte Byron, das Collegium auf m. Anregung Burckhardt, Kultur der Renaissance.
Eine in jedem Sinne schöne Zeit, die nicht wiederkehrt, ist damit dahin. Ich bin dankbar für sie und sehe auch den fremden Verhältnissen des Winters mit der Absicht entgegen, meine Pflicht zu tun, sofern sie nicht unter meiner Würde ist.
Ich könnte Ihnen noch Endloses von der Schule erzählen, auch von dem noch immer nicht verschmerzten Fall Menz; aber leider ist die Feder langsamer als die trauliche Aussprache, und zu der ist, wie Sie ja selbst an m. Mutter schreiben, einstweilen trauriger Weise so gar keine Aussicht.
Die nicht ohne Unruhe erwarteten Tage mit Kügelgen verliefen glatt. Als ich den lieben Freund, der sich selbst Constantin den Langen nennt, am Bhf wiedersah, war ich sofort wieder im Bann seines wirklich einzigartigen Wesens. Er hat wohl seelisch und gesundheitlich viel gelitten; wir fanden ihn älter und stiller; aber daß er derselbe ist, habe ich freudig empfunden. Auch die Geschichte von den Braunschweiger Kar
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|toffelpuffern hat er wieder zweimal erzählt. Durch eine Fügung trafen wir Alibaba (Nieschling) und Otto bei seiner 2. Anwesenheit am Lehrter Bhf. Mit den beiden letzteren bin ich dann noch einige Male allein zusammengewesen. Beides mit geteilten Gedanken, da meine Arbeiten mir wider Wunsch und Willen durch den Kopf gingen und mich am reinen Genuß der Stunden - Tegel ausgenommen - störten.
- An Ihren Casseler Erlebnissen habe ich, wie stets, herzlich teilgenommen. Wie ich sehe, beschäftigt Sie Hermanns Schicksal besonders lebhaft. Sie deuten an, daß ich ihm schreiben sollte. Ich hätte es längst gesollt und fühle mich schuldig. Ihm aber gerade in dieser Angelegenheit zu schreiben, ist, wie ich Hermann kenne, absolut aussichtslos, wäre auch Mißdeutungen ausgesetzt. Nach Ihren Mitteilungen scheint es, daß Hermann sich gleich zur Habilitation melden will. Hierauf wird er an jeder Universität (selbst Greifswald) eine umgehende Ablehnung erfahren. Denn nicht eine der formellen Bedingungen ist erfüllt. Hierüber kann er selbst nicht im Unklaren sein. Ich kann also seinen Plan nur so verstehen,
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| daß er jetzt noch 1 Jahr ausschließlich wissenschaftlich arbeiten will. Und wenn s. Mutter bereit ist, ihm hierfür, d. h. aber auch für ein ganz freies Jahr, die Mittel zur Verfügung zu stellen, so sehe ich nicht ein, weshalb wir da abraten sollten. Die ganze Frage ist rein finanziell. Kann er es aushalten, weshalb soll er es nicht probieren? Kann er es nicht, so ist natürlich die Idee höchst gefährlich.
Ich will Ihnen meine Erfahrungen ganz offen mitteilen: wenn ich imstande bin, die Idee einstweilen noch im Auge zu behalten, so liegt dies daran, daß ich 1) im Hause meiner Eltern kostenlos lebe. 2) durch Schule und - oft allerdings aufhaltende - wissenschaftliche Arbeiten ca 1200 - 1500 M pro Jahr verdiene. 3) z. Z. keinerlei Heiratsabsichten habe.
Angenommen nun, ich wollte mich außerhalb Berlins habilitieren, was mir formell seit Fertigstellung der letzten Arbeit überall möglich wäre, so würde Nr. 1 und in Nr. 2 die Schule fortfallen. Damit würde mir die Sache finanziell unmöglich werden. Ich bin also genötigt, auf Berlin zu spekulieren, und außerdem die Habilitation solange hinauszuschieben bis mir eine Berufung in höchstens 2-3 Jahren sicher ist. Was für mich gilt, wird in ähnlicher Weise auch
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| für Hermann gelten. Ich kann also nur energisch abraten, um so mehr als Hermann gar keine vorwiegend wissenschaftliche Natur ist und sich über seine eigne Herzensneigung täuscht. Er ist höchstens seit 1 ½ Jahren eigentlich wissenschaftlich tätig; und Sie wissen, daß ich bei 3jähriger wissenschaftlicher Tätigkeit noch sehr über meinen rein theoretischen Beruf schwanke.
Für mich kommt außerdem ein spezielles Rechenexempel hinzu: Im Jahre 1910 ist das Berliner Universitätsjubiläum. Bin ich dann habilitiert, so darf ich als Humboldtspezialist auf ein ev. Extraordinariat rechnen; bin ich es nicht, so sicher auf Zulassung, da ich aus Überzeugung stark ministeriell gesinnt bin.
Ich habe nämlich über Humboldt wichtige Entdeckungen gemacht. Sie werden lächeln, wenn ich sie damit bezeichne, daß ich den Einfluß Schellings für 1803-06 festgestellt habe. Was das aber wissenschaftlich bedeutet, ist ungeheuer. 1807: Altenstein basierend auf Fichtes Ideenlehre. Gleichzeitig Schellings Ideenlehre durch Humboldt in Universität und Unterrichtswesen Einfluß gewinnend, ist etwas höchst Überraschendes. Ich selbst habe es nicht sogleich gesehen, weil es zu überraschend ist. Die ganze Identitäts
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|philosophie u. d. Neuhumanismus rückt damit in ein neues Licht. Wie diese Ideen praktisch Gestalt gewinnen durch Humboldts Ministerium, ist eine Sache eminentester Bedeutung, die ich heute nicht mehr entwickeln kann. Aber Sie glauben mir, nicht wahr? Ende dieses Jahres erscheint durch Dr. Bauchs Güte eine umfangreiche Monographie: "W. v. H. u. Kant" in den Kantstudien.
Mein pädagogisches Programm in der neuen, doch recht vertrauenerweckend aussehenden Zeitschrift wird auch in 4 Wochen dasein. - Paulsen wollte mir eine Übersetzung eines 400 S. starken frz. Buches übertragen; das mußte ich natürlich ablehnen.
Sie können gewiß diese Handschrift schon nicht mehr lesen u. sehen daraus, daß ich nicht mehr schreiben kann, soviel ich noch zu schreiben hätte. Nur das eine also noch, daß ich bei Ihnen u. Frl. Knaps auch dann in Gedanken weile, wenn die Hand lahm ist, und daß ich glücklich bin, wenn ich weiß, daß Sie beide gesund u. fröhlich in dem Neckarstädtchen leben (aus dem ich kürzlich auch v. Ruska einen Brief erhielt.) Traurig stimmt mich, meinen edlen Großherzog nicht mehr auf dieser Welt zu wissen. Übhpt seien Sie überzeugt, daß ich in einsamen Stunden ohne Arbeit eine Melancholie empfinde, gegen die ich nur in stärkster Betonung des Religiösen Hilfe finde. Herzliche Wünsche und Grüße <li. Rand> von uns allen  Ihr Eduard Spranger.
[re. Rand, S.1] Die Steglitzer Verhandlungen haben mir auch viel Zeit gekostet. - Prof. Fujii (Tokio) hat mir z. Abschied eine Unmenge interessanter japanischer Sachen geschenkt.
[re. Rand, S.7] Mein Freund Ludwig hat infolge nervösen Zusammenbruchs Urlaub nehmen müssen und befindet sich am Stechlinsee.