Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Oktober 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 8. Oktober 1907.
sehr spät.
Liebes Fräulein Hadlich!
Obwohl ich nicht hoffen kann, mit diesen Zeilen noch rechtzeitig beim Heidelberger Konvent (an dem mein Herz, meine Wünsche u. m. Grüße teilnehmen) zu erscheinen, will ich meinen Brief nicht länger aufschieben, sollte er auch mit mancher Lücke abgesandt werden.
Ihre Sendung hat mir den innigsten Genuß bereitet. Es ist so hübsch, durch konkrete Dinge aneinander Anteil nehmen zu können. Ihre Skizzen habe ich mit Freude wiederholt betrachtet und durch Ihre künstlerische Auffassung genossen, was mir als Objekt auch in der verklärenden Erinnerung nicht nähergetreten ist. Mein Herz war diesen Sommer tot und stumm für die Natur, weil es mit Menschendingen beschäftigt war. Das Detail s. auf beiliegendem Blatt. Von der sehr schönen Karte eigne ich mir tatsächlich das Großherzogsbild an, weil ich glaube, daß Sie es leichter als ich wiederbekommen können, und weil ich beide dort im Schloßhof gesehen habe, während Sie ihn aus anderer Umgebung kennen. Herzlichen
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| Dank für das Geraubte! Dem Verein treten Sie vielleicht bei; es muß Ihnen interessant sein, die Schriftsachen zu bekommen. Für meine Person kann ich den Vereinsenthusiasmus von Frl Thönes nicht teilen. Der Mann macht seine entscheidenden Fragen mit sich selbst ab. Ich könnte einem Kegelklub und einem politischen Verein angehören; sonst aber mische ich micht nicht gern anders unter die Schwachen, als schriftstellerisch. Doch kann die Sache ihren Segen haben, eben um der Schwachen willen.
Die reinste Freude aber hat mir ihr Aufsatzheft bereitet. Ich habe mich an einem stillen Abend (jetzt so selten!) mit wirklicher Andacht hineinversenkt und habe besonders den Schönhausener Aufsatz mit all den Gefühlen gelesen, die er in mir für Sie, für die Zeit und den Ort wachrief. Ist so ein Kunstwerk eines jungen Geistes nicht etwas herrliches? Steckte nicht in diesen einfachen Worten schon die ganze Vorempfindung für all das Problematische, das das Leben enthüllt, diesen schwermütigen Hang zum Ewigen, dies Sehnen nach Glück, nach einem Paradies, das sich dem Kinde so, dem Erwachsenen anders, aber nicht tiefer darstellt? Ähnliche
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| Offenbarungen des tieferen Quells habe ich von Zeit zu Zeit auch unter meinen Schülerinnen gefunden. Aber was sind mir diese gegen Sie? Deshalb möchte ich Sie bitten, mir dies Heft bei einer kommenden Gelegenheit, nicht bei der ersten, sondern bei einer großen, sei sie auch fern, als Zeichen unsrer innigenVerbundenheit zu schenken.
Mein weiland Herr Kollege hat nicht ganz so meinen Beifall; er scheint nicht schlecht, aber er ist ein Logicus, und seine "zwar", und "wennschon" u. s. w. sind entsetzlich hölzern. Ich glaube einen einfacheren Ton treffen zu können. Meine Themata sind in der Regel schwerer.
In den nächsten Tagen sende ich Ihnen alles zurück, auch die Zeitungsblätter, in die ich nur hineinsehen konnte. Ich habe allerdings den herrlichen Nachsommer noch benutzt: war in Schönhausen, Rahnsdorf, Friedrichshagen, Potsdam, Tegel, Hermsdorf etc. Aber ich habe in der Bahn immer Bücher bei mir gehabt, die ich lesen mußte. Außerdem war ich erschöpft und störend improduktiv. Die Melancholie werde ich garnicht mehr los, weil es mir an Freunden fehlt, die mein Temperament haben
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| und mir geistig ebenbürtig sind. Der kl. Scholz der sein 1. theologisches Examen mit "Sehr gut" gemacht hat u. eben einen sehr braven Aufsatz über Schleiermacher u. Ritschl in d. "Theol. Stud. u. Kritiken" herausgebracht hat, wird mir immer wertvoller; vielleicht bringe ich ihn noch etwas aufs Interesse fürs Leben; denn bis jetzt kennt er nur Wissenschaft. Seitdem mein lieber Ludwig aus Neu-Globson am Stechlin zurück ist, mag es besser mit mir werden. Er ist wohler, wird aber natürlich ebensowenig Zeit haben wie ich. Oberlehrer Ziertmann, den ich auch schätze, ist nach Amerika auf ½ Jahr abgereist und wird wohl mit Hahn in Chicago zusammentreffen. Die 1. von diesem recipierte Nr. der "Glocke" (ich erhalte sie jetzt regelmäßig) ging mir zu; sie zeugt von frischen Kräften. Diese fehlen mir, um momentan selbst etwas beizusteuern.
Soweit ich sie habe, muß ich sie für m. Arbeit reservieren. Der kommt die Neugestaltung der Schule sehr zu statten. Ich habe nämlich nur noch Montag u. Donnerstag 9 - 11 Deutsch, u. zwar in der I. Klasse, dieselben, die ich im vorigen Winter hatte, nur nach Ausscheidung von 17 Unfähigeren (also 23.) Der Direktor teilt mir heute angesichts der Klasse
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| mit dem Pathos Philipps des Großmütigen mit, daß er mir den Dtsch. Unterricht in d. I. Klasse übertragen und mich dafür v. Religionsunterricht entbunden hätte. Darauf erscholl eine freudige Expektoration, die er hoffentlich nur auf den Anfang meines und nicht auf das Ende seines Unterrrichtes bezogen hat, sonst müßte er sie sehr unhöflich finden. Die Sache liegt nun sehr günstig. Der Ausfall der Religionsstunden wird durch den Fortschritt m. eigenen Sache hoffentlich gedeckt. Ich habe nun gar keine "Kinder" mehr, und einen Augenblick war ich darüber ein wenig traurig. Aber meine alten Schülerinnen zeigten mir heute ein so ausgeprägt freudiges Gesicht, daß ich mit ihnen glücklich bin. Denn die Ia habe ich, wie Sie wissen, furchtbar lieb, und in 4 (Käthe Ihlefeldt, Frida Pütter, Martha Roding, Hedwig Wolter) bin ich außerdem verliebt, so daß ich bereits 4 Kugeln in den Wertherschen Revolver getan habe. Nun - Sie wissen, das ist Scherz; nur soviel ist wahr, daß ich alle lieb habe und mich freue, wenn ich ihnen was sein kann. (Minna v. Barnhelm, Hermann u. Dorothea, moderne Novellen.)
Klara Runge war heut auch wieder da. <re. Rand> Geeignet zur Illustration v. Lessings Laokoon? Ich breche ab. Meinem Paket werde ich nur wenige Zeilen beilegen können. Allseitig herzliche Grüße  Stets Ihr treu verbundener  Eduard Spranger.