Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. Oktober 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 28.X.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Auf Ihre lieben, teilnehmenden Zeilen von heute mache ich mich an die längst geplante ausführliche Epistel, in der Hoffnung, daß sie zu Ende kommt. Der Anblick von Dilsberg-Rainbach allein würde mir ein längeres Verschieben unmöglich machen. Wie wohl mir Ihre Worte getan haben, werden Sie kaum ermessen; wohl aber weiß ich, daß ich nirgends auch für meine Klagen ein so herzliches Verständnis finde, als bei Ihnen.
Es kann sein, daß mein gegenwärtiges Befinden nur auf einem atmosphärischen Druck beruht, der sich mit der Windrichtung ändert. Zunächst darf ich nicht übertreiben: ich bin äußerlich ganz wohl, habe einen bedrohlichen Appetit, kann bis zu 2 Stunden ohne Überanstrengung gehen und auch alle laufenden Arbeiten erledigen. Außerdem habe ich mich seit 4 Wochen bereits geschont und mich sehr viel in freier Luft bewegt.
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| Aber ich habe die Empfindung, daß es trotzdem eher abwärts als aufwärts geht. Ich kann den Großstadtlärm nicht mehr vertragen, fühle mich absolut improduktiv, bemerke eine Herabsetzung der Stimmung und Einengung des Bewußtseins, die mir die eigentliche Lebensfreude (zu der ich objektiv Anlaß habe) nimmt. Dazu kommt ein Angstgefühl, wenn ich die mancherlei Verpflichtungen sehe, die ich im Winter habe, und an die Unfähigkeit denke, die mich in den Wintern 1902/03 und 1903/04 hatte, obwohl es damals schlimmer war. An Fortsetztung meiner Hauptarbeit ist infolgedessen z. Z. nicht zu denken. Das deprimiert. 7 große Bücher liegen zur Recension da; die Vorträge, die Aufsätze, etc!
Sie wären grausam, wenn Sie mich mit dem Rat eines völligen Aussetzens beunruhigten; denn so weit bin ich noch nicht; in einer Periode der Apathie kann man das; aber wenn ich meine Mädchen und alles, was mir hier lieb ist, verlassen sollte, so würde meine Seele so unendlich leiden, daß mein Körper nichts davon hätte. Ich habe eine große Energie; wenn die einmal fehlt, ist es mit mir bedrohlich. Solange der Trieb zur Arbeit da ist, hoffe ich auf Besserung. Nun allerdings sind wir alle 3 hier zur
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| Zeit so hypernervös, daß einer den andren krank macht. Ein dadurch, aber auch nur dadurch veranlaßter furchtbarer Zusammenstoß hat mich unbeschreiblich angegriffen. Daraus irgendwelche Konsequenzen für meine Entschließungen zu ziehen, liegt mir fern.
Nun hören Sie, welche glückliche Kombination z. Z. für mich vorliegt, ohne daß ich imstande bin, sie unter solchen Umständen voll auszunützen. Auf Grund meiner Korrespondenz mit Prof. Leitzmann in Jena macht mir die Humboldtkommission der Akademie der Wiss. das Anerbieten, mich für die Humboldtausgabe, speziell Archivarbeiten zu gewinnen. Ich stehe in Unterhandlungen mit Erich Schmidt. Man sucht mich, nicht umgekehrt. Ich befolge nun folgende Politik: Wenn ich mich binden lasse, geschieht es nur unter der Garantie sofortiger Habilitation in Berlin. Als Basis biete ich meinen Aufsatz in den Kantstudien, der die auf Kant bezüglichen Untersuchungen meiner Hauptarbeit u. die Gesamtresultate vorwegnimmt. Meine Unterredung mit E. Schmidt fiel in eine ungünstige Zeit u. nahm einen höchst humoristischen Verlauf, den ich Ihnen leider nicht im
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| einzelnen berichten kann. Ich habe aber nicht die Kraft, mich der Akademie so verlockend zu zeigen, daß sie mir den bezeichneten Preis zahlt. Geld bieten sie mir genug. Aber das wäre ja nur ein retardierendes Moment. Die Sache ist noch in der Schwebe, da Erich Schmidt weder Zeit noch Sachkenntnis hat. Jedenfalls würde ich nur unter der Bedingung der Habilitation m. Habilitationsarbeit aufschieben, was mir ja jetzt ganz gesund und ihr recht vorteilhaft wäre. Ihre Grundlinien und 1/3 des Entwurfs sind da; aber ich bin jetzt nicht im stande, was man so nennt: zu schaffen, weil ich an dem Kantstudienaufsatz m. E. etwas Großes in kurzer Zeit realisiert habe.
Im übrigen dient meine literarische Bekanntheit u. Geschätztheit nur zur Vermehrung meiner Arbeiten. Recensionen fordert [über der Zeile] man von mir in Fülle. Wenn ich aber dann für so ein Winkelblatt der Pädagogik einen Aufs. von 1 Bogen schreibe, so erscheint er in 6 Wochen in 3 Teilen - was natürlich mehr Ekel als Freude bereitet. Andererseits sind gute Freunde - wie Hahn - pikiert, wenn ich physisch unfähig bin, ihnen sofort einen Aufsatz zu liefern. Den schlechten Zahlern und Druckern gibt man's, - die guten muß man enttäuschen.
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Wie ich den Schulunterricht auffasse, ist er natürlich nicht leicht; aber er ist der reinste Sonnenschein. Gerade diese Klasse ist meine Freundin, und wenn Sie sich kennen, so wissen Sie, wieviel dies sagen will. Lesen Sie einmal die Namen:
1. Abteilung:
Käthe Ihlefeldt (die sanfte, schmiegsame, obwohl ohne Geistesgegenwart.)
Margarete Jacobowitz, kleine Jüdin, vornehm im Erzählen.
Martha Roding, ausgesprochene Schönheit, scheu.
Frida Pütter, hübsch, seelenvoll, besonders im Auge, glüht für mich.
Lisbeth Töpler, eiserner Fleiss, geistig wachsend.
Martha Ruben, glänzend im Vortrag, seelisch etwas eng.
Luise Goedecke, bildet sich ein, mit mir verlobt zu sein, solide, hausbacken.
Gertrud Müller, kümmerlich, rührend dankbar gegen mich, mir sehr wert.
Else Müller, brav, bieder und nachlässig; hübsch.
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2. Abteilung.
Charlotte Bock, verzogen, aber jetzt sehr willig u. bescheiden.
Hedwig Wolter, glühendes Interesse, begabt, jetzt von rührender Bescheidenheit, künstlerischer Sinn.
Erna Ewert, klug, selbstgefällig, aber lenksam.
Helene Schulze, selbstständig, mir sehr ergeben.
Lucie Fischer, roh gezimmert, aber werdend und begabt.
Margarete Voss, munterer kleiner Fuchs mit guten lustigen Anlagen, liest den groben "Just" herrlich.
Charlotte Togotzes, muntrer Liederian
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Ella Messer. Durchschnitt, arbeitsam.
Margarete Hennickens. Durchschnitt, lasse ich halb liegen.
Anna Dresselt, ein bischen unreif, aber strebsam.
Lisbeth Krause, schwankt zwischen Schlaf und Feuer.
Charlotte Barz, häßlich, aber zuverlässig u. willig.
Rosa Falkenberg, mufflig und verstockt, aber nicht unbegabt.
Charlotte Fricke, begabter Naturmensch; von Benehmen keine Spur.
Berta Witt. Seele; aber etwas schwerfällig und zum verlegnen Lachen geneigt.
Mit denen traktiere ich Lessing sehr eingehend. Wir lesen "Minna v. Barnhelm". Aber ich verlange daneben enorme Privatlektüre. Wir haben die Fabeln (sehr instruktiv!) u. die Literaturbriefe behandelt. Heute versuchte ich, ihnen Klopstock poetisch nahezubringen. Sie waren zu gesund, um mir zu folgen.
Und denken Sie sich folgende Wahl unter Aufsatzthemen:
1) ein literarhistorisches:     Schillers Auffassung v. Beruf der Frau.
2)   "        " Friedr. d. Große u. d. dtsche Literatur.
3) ein philosophischesIn welchem Sinne fordert Goethe von uns eine dreifache Ehrfurcht?
4) ein naturwiss:unser Sternenhimmel.
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Ich war auf Nr. I präpariert. Doch wählten 15 von 24 Nr. 3 wegen des Zusatzes "philosophisch", also meinetwegen! Ich bin sehr gespannt.
Bei der Husrede mache ich eine Husausstellung: 3 Wandbilder, eine v. Frida Pütter angeordnete Postkartenkollektion, Münzen, Bücher, etc. Erna Ewert, Lucie Fischer u. Margarete Voß deklamieren von mir eingeübte Gedichte. Ich selbst bin ärgerlich über die Störung. Der Direktor, nur ein Problem, wird wohl 3-4 Wochen verreisen. Ein Problem ist er mir. Aber bei s. Geburtstag mußte ich doch der Wahrheit die Ehre geben, indem ich ihm schrieb, wieviel ich ihm an schönen Erlebnissen verdanke. Seine Liberalität gegen mich ist im höchsten Grade vornehm. Auch finde ich es hübsch, daß er uns vor s. Reise durchaus noch besuchen will.
Formulieren Sie mir doch Ihre Fragen über Fechner recht scharf; ich schreibe dann die Antworten ebenso dazwischen. Aus Humboldt lesen Sie sich heraus. Er hat nicht nur jederzeit fest an Unsterblichkeit geglaubt (schon wegen der notwendigen Lösung des Problematischen), sondern sogar über d. Zusammentreffen mit s. + Wilhelm ganz anthropomorph gedacht. Lesen Sie doch die herrlichen
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| Briefe an die Gattin Bd. II. Klassisch! Die Äußerung, die Sie meinen kenne ich. Sie ist vereinzelt. Sein Bibelglaube ist z. T. allerdings Anbequemung, doch wird er seit 1829 ernstlich religiös. Warten Sie, auch bei uns kommt es. Ich kann ohne den Glauben an "Vollendung" nicht existieren.
Troeltsch ließ mich durch d. kl. Scholz herzlich grüßen. Die Widmung zu dem Bilde v. Frl. Knaps entdeckte ich erst nach m. Karte. Sie sagen ihr doch, daß ich auch ohne direkte Antwort herzlich an ihr hänge und mich des reizenden Bildes freue?
Von Gaudig in Reins "Deutschem Schulwesen" ein glänzender Aufsatz. Einer d. wenigen, von denen man immer lernt. Der kl. Scholz hat Frl. Thönes in Marburg kennen gelernt. - Wie kann Hermann bei s. Richtung nach Greifswald gehen - zu Schuppe, v. Schubert-Soldern (den ich aus Kantstudien 1908, 1 halb verdrängen mußte) u. Schmekel! Welche Spekulation! Und ohne Seminar - u. Probejahr stellt ihn doch niemand an.
Wissen Sie, was mir Frida Pütter so lieb macht? Sie ist eine Nachkommin des alten Samuel Pütter u. hat einen Garten in Niederschönhausen. Voilà tout. Hoffentlich erkennen Sie auch aus diesen Zeilen Ihren alten, Ihnen immer gleich gesinnten, treuen
Eduard Spranger.

[re. Rand, S.7] Paulsen gefällt mir nicht, trotzt relativer Zufriedenheit.