Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 4. November 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
Sie haben zu der Husfeier so liebenswürdig beigetragen, daß ich die Pause zwischen ihr und der Wiederrufungen eigner Arbeiten noch durch ein ausführlicheres Schreiben verschönen muss! So dankbar ich für die beiden schönen Bilder des Warensee Denkmals bin, so viel mehr bedeutete mir doch der Dilsberg mit Reinberg. Denn als ich jenes Denkmal sah, war ich erst ein Mal mit Ihnen zusammengewesen. Wie viel mehr aber erzählt mir der Dilsberg.
Erwarten Sie heute von mir keine ausführliche Erzählung. Sonst müßte ich Ihnen sagen, daß ich mich geärgert habe; ich möchte aber diesen Abend mit Ihnen philosophieren, wie in stilleren Zeiten. Also nur so viel: Mittwoch Morgen. Konferenz, bei der mir rücksichtslos trotz meiner Verpflichtungen für Rede und Aufsatz das Protokoll zugemutet wird. Donnerstag Vorm. Schule, morgen. Besuch des Direktors bei uns und späteres Zusammensein à dense, wobei erwünschte klare Aussprache über die Fälle Treitel u. Naumann. Initiativen seinerseits. Dadurch erwünschte Annäherung und Hebung des Vertrauens. Freitag vorm. schleppe ich wie ein Glaser Bilder in die Schule und richte das Hus-Museum ein. 6 Wand
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|bilder, Münzen, Karten, Bücher. Bis heute habe ich nicht ein Wort des Dankens dafür gehört. Sonnabend hielt ich die Rede bei ausgezeichneter, fast phänomenaler Disposition und fast hypnotischer Beherrschung der Kinder. Vorher war ich dreimal von verschiedenen Seiten des Kollegiums gefragt worden, ob ich es lang machen würde. Ein Wort der Anerkennung - und bei strenger Selbstkritik darf ich die Rede als über Erwarten gelungen bezeichnen - hat mir vom Kollegium nur 1 Dame und der Gesangkollege gesagt. Über diese Formlosigkeit - denn das ist es - war ich so empört, daß ich beschlossen habe, mein Interesse für diese Damen auf das Minimum einzuschränken. Die Mädchen waren, wie gesagt, ein sehr dankbares Publikum, und so bin ich um meine Zeit nicht ganz nutzlos gekommen. Sonnabend u. Sonntag hatte ich zu korrigieren, heute Unterricht, so daß ich unausgesetzt von Mittwoch bis Montag für die Schule beschäftigt war.
Sie begreifen, daß mir das zu denken gibt. Jeder Mensch muss auf ökonomische Verwendung seiner Arbeitskraft bewegt sein. Die Frage also, ob ich hieran recht tue, ist wieder brennend emporgetaucht. Trotz allem glaube ich, nicht rein negativ antworten zu müssen. Ich widme diese Zeit zunächst einer Ausweitung meiner Lebenserfahrung und meiner Lebensbeziehungen. So wie ich die Wissenschaft auffasse, ist das kein Aufenthalt, sondern eine Vertiefung. Ebensowenig kann ich daran zweifeln,
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| daß mir die Herzen meiner Schülerinnen in einem wahrhaft guten Sinne schlagen. Ein Teil geheimer Feindschaft des Kollegiums mag daraus folgen. Denn neben mir - dies ist nun einmal nicht abzuleugnen - schweigen alle Flöten. Der Vorzug der Frau als Erzieherin von Mädchen wird mir ewig abgehen; wir haben aber jetzt keine solche Frau in unsrer Anstalt, deren intimes Wirken irgend mit meiner Gesamtauffassung des Lebens, ja selbst mit meinem Verständnis der Jugend konkurrieren könnte. Weit höher als alles Wissen, alle Disziplin, allen Fleiß stelle ich die Gesundheit und Normalität des Verhältnisses, das zwischen mir und meinen Schülerinnen besteht. Bei aller Distanz besitze ich Freundschaft und Verehrung, bei aller Lustigkeit vollen Gehorsam und Vertrauen. Das Lachen <Tintenfleck> *)[re. Rand] *) Pardon! Tintenfaß mit Glaskugeln! und der Ernst stehen gleichmäßig in meiner Gewalt. Das Geheimnis dieser Wirkung ist die große Hingabe und das eindringend persönliche Interesse, das ich für jede habe. Und dies in der Tat könnte ich nicht besitzen, wenn ich nicht eine dem entsprechende Weltanschauung hätte.
Ich bin der Meinung, daß sich der Sinn der Welt nirgends anders und in keiner anderen Form einem Bewußtsein erschließt, als in der des individuellen Erlebens. Ich sage nicht: des persönlichen Erlebens; denn dies ist nicht der Anfang. Zunächst halte ich es für das höchste Erstrebenswerte und Erreichbare, die Organe zu schärfen für die Auffassung der Welt. Insofern
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| ist mein Unterricht nichts als potenzierter Anschauungsunterricht. Eben deshalb aber ist jede Stunde Philosophie. Ich appelliere immer an den Menschen, wie er ist. "Können Sie sich da hineinversetzen?" ist meine ausgesprochene oder unausgesprochene Frage. So taste ich nach verwandten Tönen, und ich bin glücklich, wenn ich die finde.
Ist nun dies geschehen: ist der Sinn geöffnet für die Arten, mit dem Auge, dem Ohr, dem Denken zu suchen, habe ich gezeigt, wie man fragen soll, so ist die Individualität geweckt; noch nicht die Persönlichkeit. Diese muß sich selbst bilden, wie ja auch die Individualität nur aus dem Zustande der Latenz geweckt wird. Aber Persönlichkeit kann man garnicht haben, sondern nur dankbar empfangen, wo sie sich regt. Sie kommt bei der Frau sehr schwer, weil sie allzu suggestibel ist. Wo sie sich aber andeutet, wirkt sie um so mehr als ein Wunder der Schöpfung. Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich für Käthe Ihlefeldt geradezu eine Verehrung empfinde, obwohl ich Lehrer, Kritiker und Spötter zugleich bin. Aber ich habe das deutliche Gefühl, daß sie die Kräfte besitzt, einmal einem Manne das große Gestirn seines Lebens zu werden. Ich glaube fast, daß sie nicht heiraten wird; dazu gibt es zu wenig Männer. Überhaupt ist dieses tiefe Verhältnis ja ganz anderer Art. Es ist eine Offenbarung der Grund
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|konstitution der Welt, die weit über das Sagbare hinausreicht. Sie begreifen, daß ich nur in dieser Überzeugung Töchterschullehrer sein kann. Die Tändelei müßte mir über werden, ich müßte mich nach werdenden Männern sehnen. So aber habe ich meinen methaphysischen Punkt, an den ich mich halte.
Denn ich vertraue fest, daß keine Deutung der Welt, kein System über die persönliche hinausgreift. Sie schelten dies "anthropomorph". Ich würde Ihnen lebhafte Opposition machen, wenn ich Ihre Lebensauffassung nicht besser deutete, als Sie selbst. "Anthropomorph" ist keine Negation, sondern - wie das Christentum genial erkennt - die Quelle und der Inbegriff des Weltverständnisses überhaupt. Nur von uns aus deuten wir alles Seiende, und was in uns das Höchste ist, ist es auch in der Welt. Wie wollen Sie das beweisen? Antwort: sic volo, sic jubeo, d. h. ich will es, ich befehle es! Nur in der Bejahung dieser Erlebnisse liegt ihr Recht: es ist kein logisches, kein mechanisch-mathematisches, sondern es ist das Leben selbst, oder, wenn Sie dies annehmen wollen: der kronkrete Inhalt des "Willens zur Macht."
Nun fragen Sie mit Recht nach den einzelnen Bestimmungen dieses Lebensverständnisses. Auch hier sage ich: ich strebe zwar danach, mir von den Einzelheiten intellektuell Rechenschaft zu geben; aber die Kraft und der Boden ist
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| wieder nichts anderes als ich selbst. Diesen Kern meines Wesens kann ich metaphysisch mannigfach umschreiben; klarer wird er dadurch um nichts! Wohl aber erkenne ich das eine, daß eine Bereicherung und Läuterung meiner selbst nur möglich ist, durch die reichste und tiefste Berührung mit der Wirklichkeit, durch Ausbildung meines Denkens, Fühlens, Wollens. Dies ist die Humanitätsidee.
Nennen Sie mich einen Mystiker. Der Umgang mit einer Menschennatur, die tief und ursprünglich ist, kann mir zur größeren Offenbarung werden, als ein Buch. Gerade Jugendliche haben diese Tiefe und Ursprünglichkeit; selten jedoch eigentliche Kinder. Die Bildungsarbeit beginnt erst in den Jahren des Reifens. Solange ich selbstständig denke, zieht mich deshalb alles zu dieser Lebensperiode hin, und selbst meine Freunde werden mir sekundär, sofern ich an ihnen nichts sehe, als das glatte Geleise. Wer zum ersten Mal die Welt ahnt, ist von einer tiefen Andacht erfaßt. Diese Andacht zu packen u. zu leiten, heiter, kräftig, ohne Obskurantismus, ist meine innigste Freude. Qualvoll ist mir der Mensch, der mit roten Backen bloß ißt und lebt, mag er auch noch so/brav sein. Wenn mir das Schicksal solche Menschen sendet, die immer Zeit haben und nie etwas bei mir suchen, faßt mich die gräßlichste Ungeduld.
Dies in ein Denksystem zu fassen, ist z. Z. weder in meiner Kraft noch in meiner Absicht. Mein
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| reflektive Fähigkeit könnte ich fast für verstorben halten. Aber ich glaube, sie wird wieder erwachen. Alle bloß logischen Philosophen sind doch wie die Seiltänzer. Sie gehen kunstvoll und sicher, aber wer geht, wo sie gehen? Oft frage ich mich, ob nicht nur meine Nervosität mir die Subtitlität so verhaßt macht. Dann aber sage ich mir: in Begriffe kann man es doch nicht erjahen. So rechtfertige ich meine jetzige Existenz. -
In der Humboldtangelegenheit ist bisher keine raschere Entwicklung eingetreten. Meine eignen Arbeiten rufen. Hier hilft kein Forcieren, sondern nur Erhebung in die Zunft der guten Stunde. Geschäftlich liegt so vieles zur Zeit lahm. Nur eins, das mich erfreute, darf ich Ihnen vielleicht mitteilen: Eucken hat an Hahn geschrieben: "Ich freute mich, aus der neuesten Nummer zu ersehen, daß auch Dr. Spranger in Charlottenburg an der "Glocke" mitarbeiten wird. Ich schätze ihn sehr und weiß unter den jüngeren Deutschen Gelehrten kaum jemanden, von dem ich mehr erwarte als von ihm."
Paulsen, obwohl schwerkrank, hat in seinen Übungen auf Frl. Naumann noch einen tiefen persönlichen Eindruck gemacht. Heute schickte er mir eine große Recension von sich über Dietrich Schäfers R "Weltgeschichte der Neuzeit"
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| Ich habe heut wieder so unverantwortlich viel von mir gesprochen. Sie wissen, daß ich ebenso begierig jede Nachricht von Ihnen, Ihrem Ergehen, Ihren Stunden, Ihren <ein Wort unleserlich> erwarte. Also unterschlagen Sie mir nichts. Der freiere Teil meiner Seele entfliegt noch immer nach Heidelberg, und ist es infolge äußerer Umstände auch klein, so halte ich ihn für den besten des Beste, was ich tue, tue ich im Gedanken an Sie und also durch Sie. Lassen Sie mich durch baldige Nachricht fühlen, daß auc Sie davon überzeugt sind. Mein Kampf ist ja nicht leicht. Wie sehr sehne ich mich danach, einmal eine längere Erholungszeit in Neckartal genießen zu dürfen! Lassen Sie uns hoffen, daß das kommt!!
Herzliche und stets
Ihr
Eduard Spranger
Herzliche Grüße an Frl. Knaps!