Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. November 1907


6. - 8. VIII. 07.
Wir zwei allein auf froher, freier Höhe,
So ganz wie einst, als wär's der gleiche Tag.
Als ob für uns die Zeit nicht mehr entflöhe,
So still u. gleich unsres Herzens Schlag.
Ein muntrer Wind umspielt wohl unsre Sinne;
Doch klar u. ruhig wie die Landschaft schweigt,
So werden wir's von Jahr zu Jahre inne,
Wie unser Tiefstes zu einander neigt.
In diesen hüglig waldbekränzten Wolken,
Um die der milde Abendfriede spielt
Malt sich Dein Herz mir: immer neu entquellen
Die Gaben ihm, die es von Anfang hielt.
Und ganz wie einst geleiten mich die Sterne
Die dort am Dilsberg über uns geweilt,
Hinaus, hinaus in unbekannte Ferne,
Wie sie auch sei, getreu von uns geteilt!
Wenn sich die Mittagsglut auf traumverlorne Seen
Herniedersenkt, schweratmend alles schweigt,
Um diese Stunde, flüstert man, erstehen
versunkne Städte, aus den Tiefen steigt
Seltsames Leben, ringt empor zum Lichte,
Und alle Glocken tönen ahnungsvoll. -
Heut liegt der Schnee; daß mir die Spukgeschichte
Grad' jetzt so tief im Innersten erscholl!
Mir ist, als hört ich wundersames Läuten,
Als stiege die Vergangenheit empor!
Soll's Griesbach, soll es Heidelberg bedeuten?
Und Dresden zaubert's, Sanssouci hervor! -
Du weißt ja, es sind nicht tote Mächte,
Die da erstehn: frisch wie am ersten Tag,
Lebst Du in mir, und was die Zukunft brächte,
Es wäre Dein, wie dieses Herzens Schlag.
Nur hat ein Elf in unbewegter Stunde
Es angefaßt; seitdem geht es so schwer
Und frägt die seltsam unbewußte Wunde,
die keiner heilt, wenn's nicht Dein Zauber wär!
Ich seh, Du weißt es, in der Jugend Leben,
Und trunken von dem Blick wall ich dahin;
Ich wußt es wohl: in dieser Sphäre weben
Für mich Genien, die des Daseins Sinn
Mir voll enthüllen, und des Lebens Tiefen
Seh' ich erst jetzt im lichten Wunderglanz;
Was sie mir still in die Blüte riefen,
Ernt ich dereinst im goldnen Ährenkranz.
Und Du allein hast mich auch hier begleitet,
Wenn ich anbetend, voller Schaffensdrang,
Vor so viel Grazie, die ein Gott bereitet,
Vor so viel Reinheit jubelnd niedersank.
Mit Dir allein teilt' ich den tiefen Glauben
An dieses Wunder, das die Schöpfung birgt,
Und sind wir eins, so laß es uns nicht rauben:
Die Welt rings von Gottes Kraft duchwirkt!
26.XI.07.
Sp.