Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Dezember 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 3. Dezember 1907.
Liebes Fräulein Hadlich!
"Ein schlechter Poet - aber ein treues Herz" sollen Sie von mir sagen. Dies ist mein einziger Ehrgeiz, wenn ich Ihnen die abendliche Meditation, die ich heut vor 8 Tagen hinwarf, nicht unterschlage. Sie sollen sehen, daß sich das Ziel meiner liebsten Gedanken nicht verändert hat, wenn ich auch aus dem Schwärmer von 1903 zum betriebsamen Geschäftsmann geworden bin. Ich marschiere mit ungefähr 4 Fronten, und am passendsten könnte ich mich jetzt mit dem Neunauge vergleichen.
Um so mehr ist es mir wie ein heimatliches Märchen, wenn ich mir Ihre stille Existenz am Fuße des merkwürdigen Berges ausmale, oder mit Ihnen von der Gerbermühle (die ich nur aus Ihrer Schilderung kenne) am Main dahinwandle. An manchem Flußufer sind wir schon gepilgert; alles in allem aber wallen wir gemeinsam am großen Strom der Zeit. Wir werden andre, indem wir dieselben bleiben,
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| und um so teurer werden uns die Genossen dieser Fahrt, als unser Jetzt und unser Einst nur in ihnen und durch sie besteht. Darin, daß Sie auch für das Kleinste, Verborgenste in mir immer Verständnis gehabt haben, besteht Ihr Einfluß auf mich, den ich mit garnichts anderem vergleichen kann. Es gibt etwas in uns, das ich den metaphysischen Teil unsres Wesens nenne. Die heftigsten Wallungen kommen aus dieser Tiefe. Wir haben eine heiße Sehnsucht, gerade dies auszudrücken. Bald erscheint es uns im Bilde der Religion, bald als Gedicht, bald als philosophische Reflexion, bald löst es sich uns in der Musik, wie ich gerade jetzt unendlichen Trost und Erhebung zu heroischer Kraft im Meistersinger-Vorspiel finde. Aber immer bleibt doch das quälende Unvermögen, daß das wahre Leben jener geheimnisvollen Tiefen dabei nicht rein herauskommt. Über jeden Ausdruck und jede Sprache geht dann das Verstehen, das man in einer andern Seele findet. Wir haben uns im Ausdruck so selten gefunden, wenn sie von unsern Briefen absehen: Denken Sie an meinen unentwickelten Sinn in der Malerei oder an unser langes Ringen um philosophische Einigung, und
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| doch sind wir uns so nahe, wie wohl selten zwei Seelen. In einem reinen Seelenreiche würden wir Bruder und Schwester gewesen sein; und gestern ging mir ein Vers durch den Kopf, in dem ich mir ausmalte, wie wir uns schon als Kinder im Schönhauser Park ins Auge geschaut haben müssen; vielleicht war es, ohne daß wir es wußten, in diesem Sommer die 20Jahrfeier dieses Tages?
Das wahre Leben liegt so tief; die großen Ereignisse des Daseins sind ganz und rein innerlich. Das tägliche Geschehen ist nur der farbige Abglanz davon. Der Wert des Menschen aber beruht darauf, wie weit er in diesen Urquell zurückzutauchen vermag. Für mich sind solche Stunden jetzt so selten. Ich bin noch immer berauscht von der Aktivität und der großen Welt, die sich mir auftut. Sie wissen, daß es der pädagogische Gedanke ist, von dem aus ich diese Welt verstehe. Alles in mir zielt darauf hin; ein menschliches Verhältnis ist mir nur dann von Belang, wenn in ihm ein gegenseitiges erziehliches Moment liegt. In dem jüngsten Fall hat es gefehlt; ich kann ihm nicht nachtrauern. Auch meine wissenschaftliche Arbeit besteht darin, daß ich mich von den großen
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| Geistern der Vergangenheit erziehen lasse. Neben Humboldt und Fichte treten dann meine Mädchen, die mir eben so viel geben, als sie von mir empfangen. Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie an alledem so teilnehmen; ich weiß, daß das Kleinste in Ihnen ebenso mächtig nachhallt, als in mir.
Das kleine Abenteuer, von dem ich Ihnen neulich berichtete, war wirklich so lieblich und zart wie ein Wintermärchen. Sie müßten diese kleine Blume, mein Pütterchen, einmal selbst gesehen haben; man kann sich keinen reizenderen Kinderkopf denken; sie hat in den Linien der Schläfen so etwas Sinnendes. Dazu die beiden Kleinen, die sich wie zwei junge Tierchen umkreisten, und von denen Dora mich ebenso schelmisch ansieht, wie Frida innig glühend. - Es half mir nichts, ich mußte am nächsten Tage noch 2 Äpfel von der Größe eines Kürbis entgegennehmen. Seitdem stehe ich ein Sünder vor des Gesetzes Majestät, d. h. der Schulordnung. Natürlich war nicht eine in der Klasse, die die seltsame Begegnung nicht gehört hätte.
Gestern aber habe ich doch neben der lyrischen Seite auf einmal die männliche hervorgekehrt. Das Kollegium bereitet die Weihnachtsaufführungen vor, deren Stattfinden noch problematisch war, die aber jedenfalls nach Vorschlägen des ganzen
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| Kollegiums gewählt werden sollten. Man beging die kollegiale Unhöflichkeit und dienstliche Inkorrektheit, mir davon nichts zu sagen. Es freut mich, daß ich sogleich energische Opposition machte und meinerseits die Berücksichtigung von Vorschlägen forderte, zu denen der deutsche Unterricht in der I. Klasse berechtigt ist. Die Vertreterin war nicht unzufrieden, daß der frommen collega und ihrem Programm eine Konkurrenz erwuchs. Gleichzeitig gab ich vor der Klasse die Erklärung ab, daß mir offiziell nichts bekannt geworden wäre, daß wir uns aber nicht in den Hintergrund drängen lassen wollten. Ich schlug vor (denn derartiges bestimme ich nicht), daß wir die Riccautscene aus "M. v. B." und Fontanes "Dornenkrone" vorbereiten wollten. Davon gehe ich nur bei sehr höflicher Entschuldigung ab. Andernfalls bleibe ich der Weihnachtsfeier und allen ähnlichen Veranstaltungen fern. Ich bin nicht gewillt, mich nur mit der undankbaren Reformationsarbeit betrauen zu lassen.
Der Klassenaufsatz war sehr schwer: " Frd. der Große nach Menzel u. Geibel (Sanssouci); eine Prüfung auf Grund des Laokoon". Es waren trotzdem, bes. in d. l. Abteilung, einige musterhafte Arbeiten darunter, die ich nur be
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|wundern kann. Daneben viel Unsinn, aber nichts geradezu Schlechtes. Die Korrektur war höchst interessant. Das neue Thema heißt: "Der Kontrast als Mittel der Charakterschilderung in Lessings "M. v. B."
Auch in meinen Privatarbeiten bin ich etwas vorwärtsgekommen. Ich lege Ihnen das Inhaltsverzeichnis bei, damit Sie bei meinen Berichten sehen, wie (oder ob?) ich fortschreite. Die angestrichenen Kapitel liegen im Entwurf vor. Sonst fehlt es mir, im Gegensatz zu Ihrer Schwetzinger Schülerin, nicht an Perspektiven. Ich kann sie etwas ironisch so formulieren: Wenn ich infolge meines unbescheidenen Betragens aus der Schule Knauers entlassen werde, so stellt mich sofort die Akademie der Wissenschaften an. Gegen Leitzmanns Drängen habe ich mich geradezu wehren müssen. Andere Dokumente habe ich Ihnen geschickt (im ganzen 3.) Das gelbe Heft ist die Veranlassung, daß mich der Chef der Firma Teubner, der Napoleon der Verlagshandlungen, heute Nachmittag zu sich geladen hat. Die Korrekturen der Kantstudien sind im Gange. Die Archivarbeiten habe ich nach wichtigen Funden einstweilen abgebrochen.
Ihre Stellung zu Fechner scheint mir nicht
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| - bestimmt genug formuliert. Fechner argumentiert so, und ist darin eigentlich nicht anzugreifen:
1) Seelenleben ist uns nur an einem Punkte unmittelbar gegeben, nämlich in uns selbst.
2) Alle übrigen Annahmen von Beseelung beruhen auf Schluß - ich würde sagen auf Einfühlung.
3) Die Grenze, die wir bisher gesetzt haben, ist willkürlich und unscharf. Ein Polyp soll Empfindungen haben und eine blühende Pflanze nicht?
4) Wie wir uns diese Seele denken, ist prinzipiell unerheblich. Wir können sie auf die unterste Stufe setzen. Exakt wird diese Forschung nur durch die Psychophysik, die zu dem Reiz ein hypothetisches psychisches Element zu bestimmen sucht. Ist dieses unbewußt, so ist es unpsyhisch; vielleicht aber ist es eben- so unter- und dunkelbewußt, wie ähnliche Vorgänge in uns. Daß wir einen Trieb zum Atmen haben, wird uns erst in Erstickungsgefahr bewußt.
Ich finde, hiergegen ist nichts zu sagen. Eher gegen die Gestirnseelen etc., wo jedes Experiment fehlt, ja gegen die unsre eigne abgeschlossene Beseeltheit spricht. Wir sind nicht Absplitterungen eines höheren Bewußtseins, sondern kennen nur unser eignes, individuell
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| geschlossenes.
Vor einer Woche kamen die Andenken aus dem Nachlaß Serwacinskis: sein Halter, sein Löscher, die wertvolle Schellingausgabe etc. Damit ist der äußere, letzte Akt dieser Tragödie besiegelt.
Morgen will ich mit m. Onkel zum Arzt, um Erkundigungen wegen der Operation des grauen Stars einzuziehen. Wissen Sie darüber (d. h. über die Chancen) etwas Näheres, und können Sie ev. erfahren, ob Dr. Ehrenfried als Augenarzt einen Ruf genießt?
Frl. Naumann ist von Paulsens Übungen sehr befriedigt. Neulich war Gesellschaft bei ihm. Es geht einigermaßen, wennschon keineswegs besser.
Nicht ausgeschlossen ist es, daß ich in den Weihnachtsferien einige Tage fortgehe. In Betracht kommen Blankenburg oder Wernigerode a. H., Hamburg und Jena. Schade, daß Cassel so weit ist und Nordhausen nicht schön! Der Idee einer Osterfahrt nach Heidelberg bin ich sehr zugetan. Aber wer darf so weit hinaus denken! - Frl. Thönes erfreute mich mit ihrer Diss; hoffentlich hat sie mein Dankschreiben ohne nähere Adresse erhalten. - Kügelgens "Totentanz" erscheint in 3 Abteilungen. Ich würde ihn gern nach Ihrem Vorbild fortlaufend für ihn aufkleben. Ist das zu schwer für mich? Und wie heißt das Papier dazu? Soviel, d. h. erschöpfend, von mir. Geizen Sie nun auch nicht mit guten Nachrichten. Sie wissen, wie Sie mich erfreuen! <li. Rand> Herzliche Grüße an Frl. Knaps und Sie selbst von mir u. m. Eltern     Ihr stets getreuer Ed. Sp.

[re. Rand] An Hermann habe ich geschrieben. Dank für die Adresse.
[Kopf] Was macht der neue Bekannte?
[re. Rand, S.4] Neulich abend von 9-11 habe ich für Hahn 8 Seiten geschrieben u. am nächsten Tage um 12 fix und fertig <Kopf> abgesandt.