Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 22.XII.07.
Liebes Fräulein Hadlich!
Die Antwort auf Ihre letzten beiden lieben Briefe hat sich nun doch so lange verzögert, daß sie in die Weihnachtsnummer unsres Briefwechsels gerät. Und da muß ich doch anfangen mit dem alten, herzlichen Weihnachtswunsch, der Ihnen und allen Ihren Lieben gilt und aus unser aller Herzen kommt. Lassen Sie sich den Glanz des Festes recht in die Seele strahlen und denken Sie mit mir an die rührenden Worte Carmen Sylvas:
"Wir bleiben törichte Kinder doch durch dämmrige Ewigkeiten!"
Und was ich Ihnen sonst zu sagen habe, will ich diesmal garnicht in papierner Form ausdrücken, sondern wenn Sie all das Papier weggewickelt haben,
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| werden Sie finden, was mir heute wie bisher und künftig als Symbol eines wertvollen Lebensinhaltes gilt. Es hat damit aber dieselbe Bewandtnis wie mit der Schreibmappe. Es soll damit das papierne Zeitalter beseitigt werden und - da das goldne für uns Sterbliche nicht ist - das silberne seine praktische Herrschaft beginnen. D. h. ich bitte Sie, wenn Sie in schönen Sommertagen durch Berge und Täler streifen, diese Kleinigkeit im Handtäschchen bei sich zu führen, und, wenn es Ihnen nicht zu schwer wird, einen Zollstock dazu zu tun. Mit dem Zollstock mögen Sie die Tiefe der Quellen messen, mit dem Becherchen daraus einen frischen, klaren Trunk schöpfen, wie wir ihn so oft gemeinsam geschöpft haben. Der Becher des Lebens ist manchmal bitter und herb; wenn er mir süß geworden ist, so danke ich es Ihnen. Wir haben uns zur
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| ernsten Lebensauffassung gewöhnt; ich glaube, wir tragen kaum noch bloße Illusionen in uns; sondern, was von dem Lebensglauben in uns kräftig geblieben ist, sind wirkliche Ideale, mit denen wir stehen und fallen. Davon soll Ihnen dies Weihnachtsgeschenkchen in aller Bescheidenheit gelegentlich zeugen.
Ich glaube nicht, daß Sie an eine Änderung Ihrer Lebensweise denken sollten. Was Sie mir schreiben, kann ich mir nur unbestimmt ausmalen; aber kaum würden Sie sich jetzt an einen Beruf mit täglich fordernden Pflichten gewöhnen. Ihr Lebenslos ist einmal anders gefallen; ihr Lebensglück hat zu lange eine andre Gestalt gehabt, als daß Sie so damit brechen sollten. Das könnten Sie nur, wenn ein inneres Geschick Sie zwänge, zu vergessen. Ich finde es sehr recht, daß Sie im Rahmen Ihrer heutigen Verhältnisse auf einen teilweisen Beruf, ja selbst auf
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| einen Erwerb bedacht sind. Zur Hauptsache sollten Sie das ohne Not nicht machen. Ich empfinde da ganz so, wie Sie heute denken. Ich würde dies Urteil nicht allgemeingiltig setzen; für Sie aber scheint es mir zu Recht zu bestehen.
Hermann hat mir noch nicht geantwortet. Ich habe kein Anrecht darauf, es zu fordern; denn das Gefühl einer jetzt noch nicht zu überwindenden Divergenz hat mich selbst lange schweigen lassen. Sie wie ich wünschen, daß er als Dritter in unsern Bund träte; aber zeigen Sie mir den Weg, der zu dieser verschlossenen Natur führt! Ich suche ihn seit Jahren vergebens.
Was mich betrifft, so habe ich gearbeitet, genossen und gelitten. Das Letzte teils in Zuständen der Erschöpfung, teils im Kampf um meine liebe Klasse, deren Herz mir in diesen Wochen halb entglitten ist. Die Theaterspielende Dame hat es mir entzogen.
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| Gegen den groben Formfehler ihrerseits habe ich mit Energie Front gemacht. Aber was sie mir an Vertrauen zur Klasse genommen hat, ließ sich bisher trotz gegenseitigen Bemühens nicht ersetzen. Ich habe den Mädchen in ernster, fast trauriger Weise ihre Versäumnis und die daraus entstehende Unklarheit mir gegenüber vorgehalten. Eine Erklärung ist darüber nicht erfolgt. Käthe Ihlefeldt kam zu mir und wußte nichts zu sagen, als daß sie doch nicht dafür könnte. Diese jugendlichen Herzen schwebten zu sehr in der Freude des Theaterspielens, als daß sie mich verstanden hätten. Ich müßte sehr lang werden, sollte ich all diese Verwicklungen berichten. Ein tiefer Unwille gegen die Geistesart der Dame hat mich gefaßt. Aber auch ein Mißtrauen in die eigne pädagogische Kraft, die aus physischen Rücksichten gegen Schluß des Vierteljahres ohnehin merklich sank. Die beiden Weihnachtsfeiern verliefen daher
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| für mich nicht so freudig, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Der Abend der Kleinen war für mich noch hübsch. Käthe Ihlefeldt deklamierte sehr nett meinen (beiliegenden) Prolog, doch ohne nennenswerten Eindruck. Hedwig Wolter Theodor Storms "Von Katzen" mit großem Applaus. Ich hatte aber ca. 7 Mal geprobt. Das Mädchen hat die herrlichste Singstimme, die ich je in diesem Alter gehört habe.
Am zweiten Abend waren meine Eltern dabei. Ich selbst war nicht mehr als Gast. Die Leistungen der Kinder waren großartig. Trotzdem war es mir fast widerwärtig zu sehen, wie Erna Ewert schon jetzt über ihr Augenspiel verfügt. Ich habe zum ersten Mal empfunden, wie tief unglücklich man als Lehrer sein kann.
Gewiß sind mir viele treu geblieben, meine Käthe Ihlefeldt, deren höchst sympathischer Mutter ich mich vorstellen ließ, Frida Püttchen, Gertrud Müller, Helene Schulze und manche andre. Aber der Weihnachtsengel, Martha Roding, war so von [über der Zeile] seiner engelhaften Schönheit durchdrungen, daß ich eine ganze Weile die Hand hinhalten mußte, ehe sie mir ihre gab. Und der Weihnachtsmann war erst recht mit mir böse, weil ich seine Klasse (IIIa) in VIIa verdruckt hatte; schlechte Weihnachtsaussichten!
Einen Aufsatz über Humboldt u. Schelling habe ich an die "Historische Zeitschrift" geschickt. Ganz neue Entdeckung. Die Verbindung mit Leitzmann dauert fort. Hahn klagt über mangelnde Popularität meiner Aufsätze. Teubner will meinen Humboldt für seinen Verlag haben.
Mein Onkel hat den ersten Teil seiner Operation überstanden. Ich bin oft bei ihm gewesen. Möge auch der zweite, der nach 4 Wochen folgt, gelingen!
Frl. Thönes erfreute mich durch einige liebenswürdige Antwortzeilen. Auch von
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| Frl. Schilplin erhielt ich einen sehr netten Brief. Ruska, mit dem ich geschäftlich korrespondierte, versprach mir eine Zusendung, die ich bis heute nicht erhalten habe. Meinecke (Freiburg) sagte mir Freundliches über m. Altenstein. - W. v. H. und
Kant ist fast fertig korrigiert.
So viel von mir. Ich muß schließen, um den Postanschluß nicht zu versäumen. Schreiben Sie mir doch, wie es Ihrem Herrn Onkel geht. Bitte empfehlen Sie mich all den werten Ihrigen. Ihnen selbst senden wir alle herzliche Weihnachtsgrüße. Verleben Sie das Fest recht glücklich und gesund und denken Sie an
Ihren treuen und herzlich ergebenen
Eduard Spranger.