Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Dezember 1907 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 26.XII.07.
Liebe Freundin!
"Herrn Dr. Spranger,
           aber bitte nicht vor Weihnachten"
las ich am 23.XII und machte ungern, aber pflichtbewußt den großen Deckel wieder drauf, nachdem mir wenigstens die reizende Innendekoration schon einen Gruß zugeduftet hatte. Doch ich will beichten: am Abend war ich schon bei dem Brief, der natürlich lauter Rätsel enthielt, die der kategorische Deckel aber noch einmal unenthüllt bedeckte. Am nächsten Tage kam ich schon bis zu dem Stein; aber als er mich so unendlich entzückte, fragte ich mich: "Bist Du auch würdig?" und band alles wieder fein zu. Daß bei uns auch erst am 25. abends beschert wird! Gestern aber griff ich
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| nun herzhaft zu, und ich strebe vergeblich, Ihnen auszudrücken, was ich fand und empfand. Ich hatte an etwas Graubündiges gedacht; nun sah ich plötzlich den lieben Weg vor mir, den wir gingen - wissen Sie? - ohne es zu wollen, immer noch einen Querweg weiter, bis wir ganz erschöpft in Dresden ankamen. Und doch hatten wir nur das Gefühl, daß das Tiefste in uns wieder einmal rege geworden war, ungestörter, freier, frühlingshafter als sonst. Wie danke ich Ihnen, daß Ihr Künstlerblick mir mit dem Ort diese Stunde festgehalten hat, und wie oft werde ich darauf verweilen, wenn ich mich - wie so häufig - einsam fühle! Schon das Zeitungsblatt,*) [li. Rand] *) Ich lege es wieder bei. in dem Ihrer Aquarelle [uber der Zeile] Landschaften mit so besonderer Auszeichnung gedacht wurde, hatte mich herzlich erfreut. In
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| meinem letzten, bei heftiger Nervosität geschriebenen Brief vergaß ich ganz, darauf zu sprechen zu kommen; ich habe fast gefürchtet, daß Sie das gekränkt haben könnte. Stattdessen beglücken Sie mich mit dem gewiß viel umwobenen Bilde, und indem ich Ihnen innigst dafür danke, füge doch auch ich hinzu: in der Tat, es gehört nur uns beiden! Weshalb, wissen wir besser, als daß wir es sagen könnten. Aber wissen Sie auch dies, daß jener Abend und jene Zeit der christlichste Moment war, den ich jemals gehabt habe? Um es hier noch einmal zu sagen: Jeder Mensch hat, ganz abgesehen vom Wissenschaftlichen, einen Kreis seelischer Bedürfnisse, die an sich eine Lücke seines Daseins bedeuten. Wie er sich diese Lücke ausfüllt, ergänzt, darauf beruht seine Deutung der Welt.
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| Ich kenne keine bessere Deutung und Ergänzung als die christliche, wiederum ganz abgesehen von wissenschaftlichen Interessen. Jene Gespräche haben in Ihnen allmählich - wie mir eine in m. Besitz befindliche kleine Skizze vom 30. Juni beweist - dieses vollendete, durchgeistigte Kunstwerk reifen lassen. Es kommt in eines Menschen Hände, für den es als Kunstwerk vielleicht zu edel, zu fein ist; aber er will daran lernen. Auch in mir treibt der Abend weiterwirkend eine kleine Frühlingsblüte (von der Kraft des Ringes). Auch Ihnen ist diese Art zu sehen nicht ganz unmittelbar zugänglich. Ist es nun nicht herrlich, daß wir trotzdem beide am Elbestrand dasselbe gesehen haben und daß hinter der Verschiedenheit der Sprachen und Symbole dasselbe steht: die Ahnung von den verborgenen Quellen des Lebens? -
Von Süßigkeiten umgeben (herzlichen
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| Dank; fast schäme ich mich, in diesem Zusammenhang zu gestehen, daß wir alle diese Heidelberger Küchelgen (sic!) sehr lieben!] fand ich den Stein, dessen Vorgeschichte mir nicht ganz klar geworden ist. Es soll sein Beruf sein, "Beschwerde" zu führen, wenn er mit verletztenden Eindrücken für Sie verbunden war. Aber lassen Sie mich den Historiker ablegen und mich rein an dieser reizenden Idee freuen, an dieser Kunst, die wirklich "Natur scheint" (Kant.) Woher wissen Sie, daß ich auf Kazfeders über die zottigen Bergnelken in Enthusiamus geriet, daß ich sie mir ins Notizbuch steckte, woraus sie natürlich spurlos verschwanden? Besonders mein Vater ist davon so entzückt, daß mich sein heutiger Kirchgang beruhigt. Er wäre mir am Ende zum Steinanbeter geworden. Neugierig
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| sind wir natürlich auch und möchten gern wissen, ob der Stein ganz und gar künstlich gefärbt ist, oder ob er von Natur so grünlich ist (?) Für alles und für Ihre herzlichen Wünsche danken wir Ihnen mit schwachen Worten.
Andre Geschenke daneben zu erwähnen, kommt mir fast lächerlich vor. Aber eines freute mich doch: "Ruskas Geologische Streifzüge in Heidelbergs Umgebung", ein hübsches neues Buch. Naiv ist seine freundliche Bemerkung, daß es mich "zu erneuten Besuche" anlocken möge. Aber aufmerksam finde ich, daß S. 4 die Reste der Michaelsbasilika auf dem Heiligen Berg, S. 7. Reste des Ringwalls das. etc. etc. abgebildet sind! Kügelgens im September (ich liebe das nicht) erhaltenes Weihnachtsgeschenk, eine Handzeichnung v. W. v. Kügelgen nach G. v. Kügelgen, habe ich Ihnen wohl schon beschrieben. - Außer
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| dem Nützlichen (vom baren Gelde bis zu Papier und Briefmarken) Schillers Werke, Jubiläumsausgabe, Bd. 1 u. 2., von Kügelgen "Hunger u. Liebe, eine kläglich zu lesende Historie." etc. Anonym von einer Schülerin einen Weihnachtsbaum aus Chokolade. An der Täterschaft von Helene Schulze ist nicht zu zweifeln. Ihre Schwärmerei hat aber einen so gutartig bescheidenen Charakter, daß ich diesen Mißgriff nicht bedenklich finde.
Ich war sehr, sehr angegriffen vor dem Fest und in entsprechender Stimmung. Durch gemäßigte Arbeit und Chinin bin ich jetzt schon weit wohler. Dazu tragen aber auch die vielen herzlichen Briefe bei, die ich gestern und heute erhielt. Ich schicke Ihnen einige gelegentlich mit; so den von Hahn. Mit Frl. Naumann hatte ich über den Schulfall korrespondiert. Sie hat mich durch ihre gleichartige und doch ruhigere Auffassung getröstet und mich besonders
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| durch die Bemerkung erfreut, daß die Kinder an meiner Husrede Freude gehabt haben sollen, und daß die 4. Klasse vieles wörtlich wiederholen konnte. Demnächst erhalten Sie die Weihnachtsnummer der Glocke mit Beiträgen von mir. Sehr bald erscheint auch ein Aufsatz, der stilistisch gelungen scheint. (Gestern, d.h. am 1. Feiertag erhielt und erledigte ich die letzten Korrekturen für die Kantstudien 4 ½ Bogen.) Weihnachtskarten sandten Marg. Voß, Helene Schulze, Lili Pottlitzer (genannt Liliput, IIa, aus dem Beckmannschen Lager.) - Hahn u. Ziertmann in Chicago können sich nicht recht verständigen.
So wäre also alles freudevoll, bis auf unsren Hermann. Wenn er sich im Recht fühlte, würde er schreiben. Sie müssen ihm da helfen. Wenn Sie es ernst gemeint haben, nehmen Sie nichts zurück; aber lassen Sie das alles nun ruhen. Auch ich bin nicht auf seine Pläne eingegangen. Wenn da jemand mitreden kann, ist es allein Ernst Schwalbe. - Meinen Onkel habe ich aus der Klinik geholt. Bis jetzt ist alles normal. Ich habe den Heiligabend still mit ihm verlebt. Meiner Mutter geht es passabel, bis auf das Alter. Wir alle grüßen Sie herzlichst und dankbar. Bitte <li. Rand> - grüßen Sie auch Ihre lieben Angehörigen. Ich schließe, um zur Betrachtung Ihrer lieben Gaben <Kopf> zurückzukehren. Herzlichst Ihr Eduard Sp.

[re. Rand, S.5] Ich bleibe in den kurzen Ferien hier; mache mit Ludwig Tagesausflüge. Gestern habe ich Leitzmann m. Kommen in Aussicht gestellt; er will mit mir nach Kochberg. Sollte Heidelberg im Anschluß an dieses [Kopf] Projekt zu weit sein, so denken wir vielleicht an Eisenach?
[re. Rand, S.7] recht gute Ferienerholung in Cassel! [Kopf über 2 Seiten hinweg] Manvah ist Seelenwanderung! Ich bekam auch 1 Brief; schrieb ich schon? - Ich habe noch Ihren Rohde-Nietzsche.