Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11./12./13. Januar 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg, 11. Jan. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Wenigstens anfangen möchte ich, Ihnen zu schreiben wenn es auch heut nicht viel damit werden kann. Ich hoffe, Sie haben meine Karte noch rechtzeitig erhalten, ehe Sie sich an das Verpacken des Bildes machten, oder wahrscheinlicher: Ihren Herrn Vater damit bemühten. Es fehlen auf der Ausstellung soviel hiesige Namen, daß es auf mich nicht ankommt u. da die Sache schon eröffnet ist, wäre es für mich garzu überstürzt. Im Grunde bin ich froh, davon zu kommen. - Wie ists nun wieder in der Schule? Ich habe gestern u. heut meine Stunden gehabt, bin nicht gerade entzückt davon gewesen. Es ist doch bei den Kindern eine beständige Übung
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| nötig u. nach den Ferien sind sie meist ungeschickt. - Dann empfinde ich es auch als Mangel, daß ich hier niemand habe, mit dem ich mal über etwaige Schwierigkeiten reden kann. Ich vermisse eine sachkundige Kritik, hörte gern von den Erfahrungen andrer, auch zur Selbstkontrolle. So bin ich schrecklich deprimiert, wenn ich keine Fortschritte spüre, es kommt mir erbärmlich wenig vor, was ich den Kindern geben kann. Es sind doch zunächst eigentlich nur mechanische Fertigkeiten zu erreichen, u. da bringe ich es nicht einmal zu sauberer Genauigkeit.
Fast könnte ich Sie beneiden um Ihre Fähigkeit so aus dem Vollen zu geben u. zu wirken. Für mich läßt sich eigentlich nur aus der Schwetzinger Stunde etwas Interessantres machen, bei den 6 anderen Würmern
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| muß ich froh sein, wenn sie mit Lust u. Eifer üben: Pflaumen, Monde, Eier, Herzen - u. zu Weihnachten einen Tannenbaum! Großartig. -

12. Jan. Da haben Sie ein Bild aus der Enge meines Daseins. Ich leide ja weniger darunter, wenn ich körperlich frisch bin u. etwas Spannkraft besitze. In diesem Winter aber ists damit recht schwach, u. Sie können sich kaum denken, wie sehr ich mit meinem ganzen Wesen unter dem Druck dieser verhaßten Nervenschwäche stehe. Es ist körperlich, denn mein ganzer Wille lehnt sich dagegen auf, aber überwinden läßt es sich nicht. Es gibt Tage, an denen ich absolut nichts lesen kann, es bleiben mir nur Worte; dann ist es mir einfach unmöglich, zusammenhängend zu denken. Sie müssen das ja schon lange an meinen Briefen merken. Vielleicht geht es jetzt mit den länger werdenden Tagen
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| auch mal wieder aufwärts. Vor Weihnachten war ich vollständig am Ende mit den Kräften. Das wäre ja gleichgültig, wenn es die Folgen einer großen Anstrengung wäre, aber mein Tageslauf ist derart, daß man sich nicht überanstrengt! Wenn ich das nicht einmal leisten kann, so tauge ich überhaupt zu nichts - u. ich will doch so gern arbeiten.
Sie wissen es doch nicht, wie gut Sie es haben mit Ihrer großen Arbeitskraft. Daß auch diese nicht immer gleichmäßig zu Ihrer Verfügung ist, weiß ich wohl. Dennoch, wenn sie auf den Inhalt eines Jahres zurücksehen, müssen sie ehrlicher Weise gestehen, daß es ein reiches Maß vielseitigster Tätigkeit umfaßt. -
Mit großem Interesse höre ich von Ihrer Freude an der Humanitätsarbeit, daß die pädagogische Idee darüber nicht
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| vergessen wird, bedarf keiner Mahnung von außen. Daß sie in der Form jenes ersten Entwurfes nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, lag auch in meinem Gefühl. Die leidenschaftliche Ablehnung jedes wissenschaftlichen Ausgangspunktes im Anfang konnte leicht mißverstanden werden u. schien mir selbst künstlerisch, als Kontrastwirkung, zu stark. Ich glaube nicht, daß das innere Feuer, von dem dieser ganze Ideenkreis bei Ihnen durchglüht ist, unter einer etwas gemäßigteren Form verdeckt wurde.
Es ist mir immer eine besondere Freude, wenn ich Gedanken u. Urteile, die ich im Laufe Ihrer Briefe gleichsam lebendig wachsen sehe, dann im geschlossenen Ring einer Arbeit in allgemeinem Zusammenhange wiederfinde. Diese wunderbaren Wechselbeziehungen u. Übereinstim
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|mungen des Einzellebens mit dem großen, wogenden Ganzen des Lebens überhaupt haben einen mächtigen, geheimnisvollen Zauber. Bei den meisten bleibt es hier wohl mehr beim ahnungsvollen Staunen u. nur wenigen ist es gegeben, die Fäden klar zu sehen u. zu entwirren. Daß die äußere Erscheinung der notwendige Ausdruck geistiger Kräfte ist, ist auch meine Überzeugung. Die Zusammenhänge erfassen wir praktisch mit ziemlicher Sicherheit, aber theoretisch scheint es mir unendlich verwickelt u. schwer zu definieren. So erwarten Sie bitte, auch über die Kinderbilder kein "physiognomisches Urteil", sondern nur einen Bericht über den persönlichen Eindruck. So gefallen mir die lachenden Augen von Martha Roding sehr. Sie hat gewiß ein beneidenswert heitres Naturell, vielleicht weniger energisch?
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| Elisabet Lödding sieht geweckt u. lebhaft aus, aber weniger fein, mit dem Munde vorweg. Gertr. Müller ist betrübend kümmerlich, während ihre Nachbarin sehr unternehmend dasteht, ziemlich nüchtern?, während der Aufsatz mir gefällt, allerdings mit den abgerissenen Sätzen wohl auch charakteristisch ist. - Ihre Erste sieht merkwürdig finster u. wenig rege aus, dagegen Marg. Jacobowitz sehr lebhaft u. frisch, sicher amüsant. Lina Gärtner muß es wohl schon lange schwer im Leben haben, daß sich einem Kindergesicht so der Ausdruck von Trauer einprägen konnte. Lisbet Krause kann ja nichts dafür, aber sie ist mir direct unsympatisch. Ich glaube, sie war bei der Wahl ihrer Eltern nicht vorsichtig, u. das wird später an ihr noch mehr zu merken sein. Sie scheint mir ebenso wie Marg. Müldauer u. Charl. Bock recht gewöhnlich; ich würde sie alle drei für sehr äußerlich halten. Luise Goedecke
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| erscheint brav u. bieder, vielleicht practisch aber beschränkt. In Charl. Drietsch sieht man den Rohstoff ohne Politur, wohl auch einen ziemlich herben Kopf. Charl. Togotzes macht einen bißchen sentimentalen Eindruck. Marg. Herter ist wohl kränklich, im Aufsatz scheint trotz der Fehler im Ausdruck doch wirkliche Empfindung. Erna Ewert, sehr sympatisch, klug, fast über ihre Jahre reif im Ausdruck. Worin liegt es nun, daß man trotzdem auch die einfache Herkunft sieht? Martha Ruben hat merkwürdig unproportionierte Züge, auffallend grelle Augen; man sieht, daß sie klug u. leidenschaftlich ist. Luise Menz hat ein offnes, liebes Kindergesicht, ich würde denken, daß sie etwas langsam, aber sehr zuverlässig ist. Luise Wernicke würde ich für weniger aufrichtig halten, Elsa Müller erscheint auf dem Bild phlegmatisch, gutmütig, aber nicht sehr erleuchtet. Minna Müller
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| sieht mir aus, als wäre sie mehr interesselos als dumm, während Berta Witt sicher recht unbegabt, aber gut ist. - Frida Pütter mit dem tiefliegenden Augen hat ein interessantes Gesichtchen, lieb u. fein, ich würde denken: ein weicher Charakter. Eva Greißner ist, wie die Schwester, hübsch aber etwas bewußt, nicht eigentlich kindlich. Elsa Hiller hat sehr schläfrige Augen, aber das Kleine (Marg. Voss) gefällt mir. Daß sie mir Hedw. Walter, die Deklamatorin, unterschlagen haben, ist nicht nett! -
Charlotte Möller würde ich für einen offenen, zuverlässigen Charakter halten, vielleicht etwas empfindlich; mehr gefühlsmäßig, als verständnisbegabt. Dagegen sieht Lisbet Töpler klug aus, u. der Ausdruck tapferen Willens gefällt mir sehr.

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Am 13. Januar, einem Jahrestage!
Wieder ist es trübe, wie damals, ich habe nicht die mindeste Aussicht nach Potsdam zu kommen, (obgleich ich das Billet dazu noch immer in der Tasche habe! Aber was vermögen solch äußere Dinge gegen eine tiefe, innere Zuversicht? So wenig, daß mir schon den ganzen Morgen Heines kleines Frühlingslied durch den Kopf summt in seiner stillen Heiterkeit. Sie vermögen mit Ihren pessimistischen Dilsbergversen mir nicht die Überzeugung beizubringen, daß der Sommer u. die Sonne fort sind, weil einmal eine Wolke aufgestiegen ist. Es wäre eine traurige Freundschaft ohne Sonnenkraft, die nicht auch einmal eine Verschiedenartigkeit der Meinungen ertragen könnte; wird uns doch nichts ohne Kampf zu Teil. Daß es trotz mancher Verschiedenartigkeiten in Ausgangspunkt u. Denkweise
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| nicht nur eine flüchtige, zufällige Übereinstimmung ist, die uns verbindet, das haben wir mehr als einmal in geheiligten Stunden erlebt. Daß dies wortlose, höchste Erleben zur steten hebenden Kraft in uns werde, daß es auch für Sie niemals einen hemmenden Gefühlsballast bedeuten möge, ist meine Sehnsucht und mein Streben. Und ich vertraue unserm Willen.
Von ganz besonderem Wert war es mir, aus dem lieben Brief Ihres Vaters damals zu sehen, wie sehr er uns hierin versteht, nachdem ich vor einem Jahr schon von Ihrer so verehrten Mutter denselben Eindruck mitgenommen hatte. Wie gern hätte ich Ihre Eltern mal wieder besucht. -
Da aus Ihren Museumsstudien in diesen Ferien nichts geworden ist, wäre es vielleicht in Frage zu ziehen,
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| ob wir zu Ostern (oder Pfingsten) vielleicht mal in der Dresdener Galerie zusammenkommen könnten? Es ist seit Jahren mein Wunsch, u. würde mich mehr locken, als der Kyffhäuser. Und je nach Wetter u. Zeit wäre auch die Sächsische Schweiz erreichbar - doch das ist ja noch so lange hin, daß man noch garnichts planen möchte. Also verraten Sie noch niemand was davon. Eventuell gewinne ich Lili Scheibe dafür, wenns überhaupt dazu kommt. Mit den Brüdern ist es nichts.
Daß ich Ihre Anfrage über die Antike unbeantwortet ließ, hatte seinen Grund teils in meiner Angegriffenheit, teils stand ich noch zu sehr unter dem Eindruck der Lektüre Taine's, um mich unbefangen zu fühlen. Ich fand in dem Buch viel Wahres, aber auch manche Einseitigkeiten - vor allem wird er eigentlich der Malerei kaum
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| gerecht, besonders nicht den Niederländern. Er hat sein Auge eingestellt auf die schöne Antike - wie Sie es von Winkelmann sagen.
Über manches aber hat er mich zum Denken angeregt, vor allem über die Beziehung des gesamten geistigen Lebens einer Zeit zu der Sprache, in der sie durch die Kunst zu uns redet. Es ist nicht nur ein hohes ästhetisches Gefühl, was die griechischen Skulpturen schuf, sie können nur aus der ganzen Lebensführung u. Anschauung der Zeit verstanden werden. Darin liegt wohl auch, was Sie Armut an Charakteristik nennen, die Menschen müssen weniger differenziert gewesen sein; sie standen nicht in einer einseitig geistigen Kultur der Natur so fern, wie wir. Ich habe bei den Klagen um den
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| vollendeten Menschen des alten Griechenlands oft gezweifelt, ob nicht die Phantasie dies Bild nach vereinzelten Resten der höchsten Blüten zu ideal ergänze. Aber schon die Unmöglichkeit, in unsrer Zeit ein Werk von so unbedingter Natürlichkeit - d. h. Naturwahrheit, zugleich durchgeistigt von einem strengen Stilgefühl zu schaffen, zeigt deutlich den Abstand. Wie die Kunst der sinnliche Ausdruck eines geistigen Momentes ist, kann sie in ihrer Höhe offenbar nur gedeihen, wenn an ihr Natur u. Geist gleichwertigen Anteil haben. In der griechischen Plastik meine ich, hat sich die Natur geistig verklärt zum vollendeten Typus, im Mittelalter sahen wir ein tiefes Gefühl meist vergeblich mit der fremd gewordenen Natur um Ausdruck ringen. In der Renaissance
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| überwiegt nur zu oft die schöne Form den geistigen Gehalt, nur einzelne Begnadete haben zu allen Zeiten das Geheimnis der Harmonie gefunden. Diese Einzelnen waren dann aber nicht mehr der höchste Ausdruck einer bestimmten Zeit, sondern oft im Gegensatz zu ihr, überzeitlich - während im alten Griechenland die Kunst unpersönlicher aus dem Leben der Gesamtheit heraus gewachsen erscheint. Das von Ideen u. Gedanken immer mehr entfaltete u. zerissene Leben kann nicht mehr zu der naiven Natürlichkeit zurückkehren, aber es kann in dem bewußten Rückgang auf die Natur von neuem seine unlöslichen Wurzeln in ihr entdecken, im Gefühl dieses Zusammenhanges wieder die notwendige
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| Einheit des Lebens gewinnen, ohne die die Kunst blutleerer Idealismus oder glatter Naturalismus bleibt. Auf der wahrhaft erlebten Einheit der Geist-Natur ruht alles Kunstschaffen. Es ist in diesem Sinne ein Entdecken, Enthüllen, nicht ein willkürliches Prägen beliebigen Stoffes. Ob damit notwendig der Glaube an einen moralischen Sinn der Natur verknüpft ist, weiß ich nicht. Jedenfalls aber der, daß die Natur in sich vollendet, ewig ist u. daß alles Kunstschaffen nur ein klares Erfassen u. Herausheben ihres Sinnes und ihres Gesetzes ist. -
Das ist nun alles so selbstverständlich, daß ich mich eigentlich scheue, es abzuschicken. Es zeigt viel Vertrauen, daß ich es dennoch tue. Ich bin "geistig arm", mögen Sie es merken. Vielleicht wird es auch einmal wieder besser.*) [Kopf] *) Wollen Sie mir helfen? Meine Freundin trug mir Grüße auf u. auch ich grüße Sie u. Ihre Eltern herzlich.
Ihre Käthe Hadlich

[Kopf, S.15] Über Neumann das nächstemal.
[li. Rand, S.16] Darf ich das Namensverzeichnis der Klasse noch etwas behalten? (Frage).