Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Februar 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Feb. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Obgleich ich ja nachrechnen kann, daß es gestern erst eine Woche her ist, seit ich Ihren Brief empfing, kommt es mir wie eine endlose Zeit vor. Ich hätte Ihnen am liebsten gleich geantwortet, denn trotz der "Redensarten" am Schluß, mit denen Sie sich über Ihre Mitteilungen entschuldigen zu müssen glauben, [über der Zeile] sind diese wichtiger u. beschäftigen meine Gedanken tiefer, als Sie ahnen. Ich fühle so deutlich die Sehnsucht, mit der Sie im Wirbel des Lebens nach Klarheit u. festen Zielen suchen, nicht nur den allgemeinen, höchsten, die der Erkenntnis viel leichter erscheinen, sondern den begrenzten, persönlichen, die in der äußeren Lebensgestaltung zum Ausdruck kommen. Sie wissen da so gut wie ich, daß wir uns nicht
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| blind von einer Leidenschaft tragen lassen dürfen, u. daß doch nur eine solche Kraft das ganze Leben zur Einheit zusammenschmilzt. Ist Ihre Verachtung der Wissenschaft wirklich so groß, wie Sie bisweilen behaupten, so könnten Sie doch nie mit innerer Überzeugung wissenschaftlich arbeiten. Das kann doch entschieden nur Stimmung sein, eine Contrastwirkung gegenüber einem Zuviel der Schätzung, dem Sie bei andern begegnen.
Denn so sehr ich die Notwendigkeit des unmittelbaren Schöpfens aus der Berührung mit dem Leben verstehe, so liegt mir doch der Wert nicht in der Berührung selbst, sondern in dem, was darüber hinaus an allgemein menschlicher Einsicht u. Ausgestaltung des Geistigen erwächst. Ihnen gestalten sich diese Einsichten u. die Fäden der inneren Beziehungen stets unter den Händen zum durchsichtigen klaren Gewebe, u. Sie vermögen diese
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| Erkenntnis mit künstlerischer Gestaltungskraft in lebendig-organischem Zusammenhang darzustellen. In diesem schöpferischen Gestalten liegt auch der Reiz u. die Wirkung Ihres Unterrichts u. wird von Ihnen hier so besonders tief empfunden - So liegen die Dinge in der Idee - was aber wird in der Wirklichkeit daraus? Können Sie sich ernstlich vorstellen, daß Sie als Mädchen - oder meinetwegen Gymnasial-Lehrer mit 20 u. mehr wöchentlichen Stunden, mit all dem Kleinlichen Drum u. Dran, das Ihre Zeit fast völlig in Anspruch nehmen würde, ausgefüllt sein würden? Ich kann es nicht glauben. Und Ihrer ganzen Natur nach würde es Sie ebensowenig befriedigen, ohne festen bürgerlichen Beruf in privater Lehrausübung u. schriftstellerischer Tätigkeit. Ihre Zeit nach Belieben zu auszufüllen. Und so scheint doch wirklich von äußeren
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| Möglichkeiten der akademische Lehrberuf der gegebene Weg, der Ihrem Wollen die freieste Entfaltung bietet. Mich wundert es immer, wie Sie gerade diesen Lehreinfluß gering schätzen. Vielleicht ist daran einstweilen der geringe Altersabstand schuld. Denn mag bei Kindern die Bildungsfähigkeit noch weniger begrenzt sein, so gibt das weichere Material wohl einem Eindruck rascher nach, aber es ist darum auch weniger bleibend. Gerade das bewußtere Entgegenkommen, das in den ersten Universitätsjahren, unterschätzen Sie, glaube ich. Wie unfertig u. einflußbereit sind doch die Meisten noch in dieser Zeit . Sie selbst sprachen mir einmal davon, am Schulschluß Oktober, wie notwendig doch auch nach der Schule der Jugend noch die Führung sei. Es ist sicherlich nicht vergeblich, auch hier das einzusetzen, was den Wert u. Sinn Ihrer Schulstunden
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| ausmacht, die Wirkung Ihrer Persönlichkeit. Die Durchdringung von Lebenserfahrung u. Gedanken, die den erstrebten Idealen allein Blüte u. Lebensfähigkeit gibt, wirkt mit unmittelbar befruchtendem Leben aus jeder großen Persönlichkeit.
Dieses Leben wird Ihnen entgegen glühen, wo immer Sie Ihre Kraft einsetzen. Töricht aber wäre es, den Kreis dieser Wirksamkeit vor der Zeit einzuschränken. Es ist ja doch nur ein andrer Stoff, von dem Sie das eigentlich Wertvolle vermitteln, sei es Grammatik oder Philosophie.
Es handelt sich wohl im Grunde auch für Sie nur um die Frage, ob Sie mit gutem Gewissen diesen Sommer über den Schulunterricht noch mit den wissenschaftlichen Arbeiten vereinen können. Darüber kann ich mir natürlich kein Urteil anmaßen. Nur kann ich mir nicht
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| denken, daß Sie, wenn das Opfer an Zeit u. Kräften Ihnen unverhältnismäßig zur eignen Förderung erscheint, nicht in der Notwendigkeit, die Lehrtätigkeit einzuschränken, mit der Erkenntnis auch die Kraft finden sollten, sie zu ertragen. Kann man nicht alles, was man will? Und schließlich muß es doch auch eine gewisse Sicherheit geben, zu wissen, daß dies ein Kreis ist, in den Sie jederzeit mit Erfolg zurückkehren können.
Aus dem, was ich von Ihrem Brief an meine Freundin hörte, erschreckt mich besonders das Mißgeschick mit der Rousseau-Übersetzung. Das ist ja schrecklich! Haben Sie denn garkeine Duplikate keine Notizen - all die Arbeit noch einmal zu machen? Könnte ich Ihnen doch helfen!
Es sind so viele dunkle Wintertage eben, auch hier, wo sonst die Kälte
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| selten ist. So kommen bisweilen die Schatten von allen Seiten u. ich habe auch hier im Freundeskreis allerlei Schwierigkeiten. Aber am meisten lebe ich doch mit Ihnen - u. suche den Weg. Meine Leistungen sind sehr gering, u. wie müde immer mein Kopf ist, werden Sie auch an diesem Briefe merken. Aber wir gehen ja doch wieder dem Frühling entgegen u. die Sonne siegt auch über den tiefsten Schnee. So werden auch Sorgen u. Zweifel überwunden von treuem Streben.
- Wie wenig von allem, was ich Ihnen sagen möchte, steht in diesen Zeilen. Und was könnte ich von meinem stillen Dasein berichten? Die Renaissance beschäftigt mich: Gothein, Burckhardt, Gobineau - Dante! - Mit Neumann habe ich viel Übereinstimmung, u. doch fühle ich trotz allem eine Grenze,
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| die unser Denken entscheidend trennt. Es gibt Bäume und Kräuter; ich bin als ein kleines Wiesenunkraut gewachsen u. kann mich nicht zum Blatt am Baum der Kirsche umformen. Habe ich darum kein Existenzrecht? Neumann wirkt tief auf mich, ich fühle die Wahrheit dessen, was er vertritt, aber diese Wahrheit besteht für mich in seiner ernsten Stellungnahme u. Deutung des Lebens u. seiner Werte - für mich ist die Form in der es ausgesprochen wird, äußerlich u. das Festhalten am christlichen vielfach gewaltsam. Er selbst empfindet das u. gesteht ganze Lebensgebiete zu, auf denen das Christentum keine Führung bietet. Kann ich mich aber Christ nennen, wenn diese Lehre nur eine unter anderen Mächten meines Daseins ist? Für vieles, was im Tiefsten die Seele bewegt, ist in der religiösen
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| Überlieferung ein allzeit erschöpfender Ausdruck gefunden, dennoch bleibt es ein begrenztes Bild, in das wir eignes Leben hinein gießen müssen. Mir gibt das menschlich enge Bild eines Gottes als liebender Vater nichts. Der Allumfasser, der Allerhalter ist auch mir allgegenwärtig; in allem, was wir heilig, göttlich nennen fühle ich seine Nähe, in meinem Streben nach Vollkommenheit, in der inneren "Fügung" meines Lebens erfahre ich seine Kraft - zu einer bildlichen Gestaltung drängt mich dies alles nie. Gestalten möchte ich es nur in mir, durch mein Leben. Aber mehr ist es, daß mir in biblischer Rede ein annähernder Ausdruck für dieses Gebiet unsrer Erfahrungen gegeben ist. - Lange Zeit war mir diese Form unzugänglich geworden, jetzt redet sie wieder lebendig zu mir, aber
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| restlos einordnen kann ich mein Denken der überlieferten Glaubensform nicht. Doch - was soll Ihnen das! Sie haben andere Gedanken u. ich weiß, daß sie nicht leichter Art sind. Möge wenigstens der unmittelbare Eindruck in der Schule ein froher sein. Was treiben Sie in den Religionstunden? Wie war der letzte Aufsatz? Daß Sie bei dieser Arbeit nicht mit halbem Herzen sind, ist mir wohl begreiflich, sonst würden Sie auch nicht Ganzes geben. Daß diese Saat keimen wird, zweifle ich nicht, trotzdem ist es auch wahrscheinlich, daß auch recht viel "unter die Dornen" fällt, u. daß Sie in Wort u. Schrift als Universitätslehrer ein besseres u. weiteres "Land" für Ihre Erziehungsarbeit finden würden. Denken Sie an die Wirkung eines Fichte, Treitschke u. wie sie heißen. Ist das nur Befriedigung oder Ergeiz?
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Vielleicht wehren Sie sich doppelt gegen den Gedanken, den Unterricht aufzugeben, weil er Ihnen als wahrscheinlich immer näher tritt? Wenn Ihnen doch das Schicksal für diesen Fall wieder eine persönliche Beziehung, wie etwa den Graf Löwenthal, in den Weg führen möchte.
Der Conflikt mit Renner macht mir Sorge. Den haben Sie doch nun zum Feind. Hatten Sie wirklich sein Benehmen nicht etwas provoziert? Ich merkte ja schon länger, daß Sie von dieser Seite keinen Gewinn für sich zu erwarten hatten, aber ein bischen lavieren ist doch oft im Leben nötig. Jetzt freilich konnten Sie nicht anders handeln. - Ich bin am Predigen, nicht wahr, Sie lachen mich aus? Aber es ist doch heute Sonntag! Und ich finde nun mal, daß Sie oft garzu heftig für oder wider Partei ergreifen, im Urteil übertreiben. Sind Sie nicht
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| z. B. von der Schätzung Ihres Direktors schon ein gut Teil zurück gekommen? Und was Sie von "ihrer" Herrschaft erzählen, paßt auch prachtvoll zu ihrer protzigen Erscheinung "Ich, die Frau Direktor!" - - Da heißt es immer gleich "ganz oder garnicht!" Nicht wahr? Und so lösen Sie eine Beziehung nach der andren, weil sie Ihre Illusionen nicht erfüllte. Muß dann nicht irgend ein Grund dagewesen sein, der diese Illusionen wachsen ließ? Kann man den nicht festhalten? - Freilich verstehe ich auch, daß es wirklich Täuschungen geben kann, u. daß es nutzlos wäre, sie halten zu wollen. Und Sie werden hinter meinen Mahnungen unmöglich Egoismus im Interesse meines Bruders sehen? Ich weiß nicht ob es nicht noch viel mehr Interesse für Sie ist!
Meine Freundin hat sich über Ihren Brief sehr gefreut, läßt durch mich danken u. grüßen! - Hoffenlich sind Sie alle gesund? Herzliche Grüße!
Ihre Käthe Hadlich.