Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. März 1907 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 3. März 1907.
Lieber Herr Spranger
Eigentlich habe ich zwar auch heut keine Hoffnung, einen vernünftigen Brief zusammen zu bringen. Aber schreiben möchte ich nun u. Ihnen Dank sagen für so viele liebe Sendungen. Immer wollte ich Ihnen auf die Recension, die Karte von Pankow u. den Brief vom 14. Februar antworten, da kam schon mein Geburtstag mit erneuten Zeichen Ihres freudlichen Gedenkens. Nehmen Sie herzlichen Dank für alles u. ebenso auch Dank an Ihre verehrten Eltern.
Es war mir eine besondere Freude, Ihr "Lehrerinteresse" auch auf mein Fach ausgedehnt zu sehen u. ich wäre gern mit Ihnen auf der Zeichenausstellung gewesen. Das Buch freut
[2]
| mich sehr u. ist mir als Vergleichung von lebhaftem Interesse, hauptsächlich durch die Illustrationen. Als Text scheinen mir die Schriften von Kuhlmann, Altona bedeutender, von denen ich ein paar besitze u. die ich Ihnen gelegentlich mal zeigen möchte. Dieser ist einer der ersten Reformatoren des Zeichenunterrichts u. ich bin gekränkt, daß, obgleich durchgängig seine Prinzipien angewandt werden, sein Name nicht einmal genannt ist. Lili Scheibe hat mehrmals Zeichenlehrer-Versammlungen (auch in Hamburg) besucht u. ihn dabei gesehen; er hat fabelhafte Erfolge u. sei ein "Lehrkünstler".
Meine Stunden sind noch immer sehr unterbrochen u. überhaupt bin ich nicht immer befriedigt. Ich glaube, daß ich mal wieder Ferien brauche, so müde u. abgespannt fühle ich mich, ohne das Mindeste zu leisten. Schon daß
[3]
| ich mich einfach nicht zum Schreiben entschließen konnte, ist ein deutliches Zeichen davon. Sie können sich sicher bei Ihrer vielseitigen u. unausgesetzten Tätigkeit garkeine Vorstellung machen von der geistigen Öde solcher Ebbezeit! Ich hatte immer geglaubt, durch vernünftige Lebensweise, geregelte Einteilung, mäßige Arbeit ein gleichmäßigeres Niveau für mein Dasein schaffen zu können. Aber es ist gerade, als wenn diese Schwankungen ganz unabhängig von äußeren Dingen u. von meinem Willen wären. Und das Schlimmste dabei ist ein Druck u. eine Verstimmung, die ich einfach nicht überwinden kann. Sie werden begreifen, daß ich da weder mündlich noch schriftlich zum Umgang mit Menschen tauge.
Das halten Sie bitte auch diesem Brief zugute u. sehen Sie auf den guten Willen. So würde ich z. Z. auch herzlich gern auf Ihre inqusitorische Frage ant
[4]
|worten: "was ist Ihnen die Geschichte u. was nicht -", aber ich fürchte, ich werde es nicht können. Es kommt mir vor, als wollte ich Sie fragen: was sehen Sie für Farben u. was nicht?!
Ich habe früher in der Schule kein Interesse für Geschichte gehabt, Jahreszahlen, Kriege, all die fernen Tatsachen waren mir nie menschlich lebendig geworden. Mag sein, es lag am Unterricht, aber es war wohl auch kein günstiger Boden da. Erst als ich selber Anschauungen u. Meinungen bekam, wuchs das Interesse für das, was man zu andern Zeiten gedacht hatte, wie man das Leben auffaßte. So ist es wohl eigentlich die kulturgeschichtliche Seite der Menschheit, die für mich Wert hat, Politik, Wirtschaft, Technik nur als Basis. In Kunst, Religion u. Wissenschaft sehe ich die geistige Physiognomie verschiedener Epochen ausgeprägt u. suche ich die Gegenwart in Beziehung
[5]
| zum allgemeinen Strom des Lebens zu verstehen. Irgendein einheitlicher Fortschritt scheint mir da nicht zu bestehen, sondern Ebbe u. Flut, wie überall. Unwillkürlich legt man wohl an die Resultate den Maßstab irgendeines Zieles oder Ideals, um zu finden, daß in der Wirklichkeit etwas derartiges nie erreichbar ist, weil alle Vorzüge sofort ihre Schatten mit sich bringen. Trotzdem erscheint das Ganze als ein Einheitliches, von Gesetz u. Notwendigkeit beherrscht, die sinnvolle Gestaltung einer unerschöpflichen Kraft.
Einfacher, mir näher u. verständlicher sind diese Lebensvorgänge im Reich der Natur, wo ich auch von je für Einzeltatsachen ein vages Interesse hatte, weil sie leichter als Glied eines großen Zusammenhanges erscheinen.
"Wie in den Lüften des Sturmwindes saust, man weiß nicht von wannen es kommt u. braust " So geheim
[6]
|nisvoll u. übermächtig ist mir das geschichtliche Leben. Kann das Erkennen einzelner Strömungen, Strebungen, Tatsachen uns für das Ganze eine Klärung u. Förderung bringen? Troeltsch scheint der Gegenbeweis, denn trotz der "meisterhaften Klarheit" die Sie loben, hatte ich ganz wie Sie das Gefühl einer Resultatarmut, die im Vergleich zur aufgewandten Mühe in garkeinem Verhältnis steht. Und doch, wodurch wollen wir unsrem Willen ein Ziel geben, wenn nicht durch Einsicht?
Und wie wenig vermag doch alle Einsicht über unsre Natur! So ist es mir immer, wenn Sie mich hie u. da um eine Meinung fragen, so ernst u. verantwortungsvoll ich es nehme, doch eine Beruhigung zu wissen, daß ich damit keine Entscheidung zu fällen habe, sondern daß mein Rat nur insofern Wert für Sie haben kann, als er eine Bestätigung Ihres eigensten
[7]
| Empfindens ist.
Eine große Freude, vielleicht ebenso sehr wie Ihnen selbst! hat mir der Brief Ihres Direktors bereitet. Herzl. Dank für die Mitsendung. Es spricht aus diesen Zeilen nicht nur die Erkenntlichkeit für persönliche Dienste, sondern auch ein Verständnis u. eine Wertschätzung Ihres Wesens u. Strebens, wovon ich nach Ihren Äußerungen nicht immer überzeugt war. - Wie mag es denn jetzt in der Schule gehen? Die "Kriminalfälle" haben mich beschäftigt. Sie haben in der Religionstunde sicher einen schweren Stand gegenüber der Schablone, mit der dieser Untericht gewohnheitsgemäß zu leerer Langeweile herabgedrückt wird. Mit diesem Eindruck kommen die Kinder schon seit Jahren heran, wie könnten Sie da in Wochen eine Änderung durchsetzen. Mir haben damals in der 3. Klasse
[8]
| die Psalmen einen großen, unmittelbaren Eindruck gemacht. - Aber biblische Geschichten - hat man die nicht schon bis zur Bewußtlosigkeit wörtlich hergesagt?! Den einzigen, wirklichen Religionsunterricht hatte ich bei Scholz.
Was die "praktische Demonstration christlichen Verzeihens" anlangt, so glaube ich, daß wenn an dem Mädchen etwas ist, sie nun Verpflichtung fühlen wird. Aber die temperamentvolle Hedwig Wolter enttäuscht mich etwas. Sie hätte sich besser still geschämt. Was hatte der Aufsatz denn für ein Thema, daß er so mäßig ausgefallen ist? Mir geht es mit den Leistungen der Kinder auch oft so überraschend. Das Einfachste scheint bisweilen nicht zu erreichen, u. dann auf einmal wie durch Zufall wieder etwas sehr Gutes!   Luise Menz hätte
[9]
| ich nach dem Bilde garnicht solche Heftigkeit zugetraut. Wer sind denn die Leute, bei denen sie wohnt? Ist man sehr streng mit den Kindern oder ist es persönlicher Ehrgeiz von ihr? Wenn man [über der Zeile] zu Gewissenhaftigkeit u. Fleiß erziehen will, kann man es natürlich nur an den einzelnen Schulaufgaben, u. nach diesen Leistungen den Erfolg ermessen. Da wird das Prädikat einer einzelnen Arbeit zu einer Wichtigkeit für die Kinder, daß sie den eigentlichen Sinn u. Wert des Urteils ganz mißverstehen. Aber was wird das arme kleine Mädchen noch im Leben durchmachen, wenn sie es so schwer nimmt. Könnte man die Menschen doch auch lehren, nicht unter dem Leben zu stehen, sondern es zu gestalten. Aber wer brächte das immer fertig! Mir ist, als wäre all die Kälte u. Dunkelheit des langen
[10]
| Winters auf meine Seele gehäuft u. ich suche vergeblich, mich frei zu machen. Dann bin ich reizbar, heftig, ungeduldig u. doch wird es davon nur schlimmer, denn wie könnte es dabei Ruhe geben! Es ist so unwürdig, so verächtlich u. ich leide darunter bis zur Verzweiflung, denn in solchen Zeiten psychischer Depression scheint mir der ganze Kampf des Lebens, der Kampf mit dem eignen Temperament vergeblich. Dieser endlose Zwiespalt zwischen Wollen u. Können!
Ob Sie da Lust haben werden, mich zu sehen? Ob ein paar sonnige Tage in Dresden mir neue Spannkraft geben würden? Lili Scheibe wird uns kaum dorthin begleiten, aber ich führte den Plan dennoch gern aus, denn ich habe es schon seit Jahren vor. Welche Tage würden dann event. Ihnen am besten passen?
[11]
|
Nach Cassel gehe jedenfalls womöglich schon zum 24. Alles andre ist zweifelhaft, u. so wenig ich dafür bin voreilig zu verzichten, so will ich doch keineswegs etwas erzwingen. Vielleicht machen Sie einmal Vorschläge.
- Heut war hier ein wahrer Frühlingstag, u. alle Welt war spazieren, eine ganze Prozession im Walde. Am Dienstag bei gutem Wetter hoffe ich mit ein paar bekannten Damen u. meiner Freundin auf den Heiligenberg zu gehen. Ich war nicht auf dem Turm, seit wir zusammen dort waren. Da werde ich Ihnen in das nordische Berlin einen warmen Gruß senden.
Und damit dieser Brief etwas inhaltreicher wird, schicke ich Ihnen allerlei Kram zur Ansicht mit. Die Differenz zwischen den beiden brüderlichen Briefen amüsiert Sie vielleicht. Der Schluß
[12]
| von Hermanns ist eine Charakteristik seiner Braut, drum trennte ich das Blatt ab. - Es scheint mir oft, als ob er in seinem Ton u. Urteil etwas "Absolutes" hat, was nicht eigentlich seinem Charakter entspricht. Finden Sie das auch?
Die kleinen Skizzen sind Momentaufnahmen aus dem Gedächtnis, mir von Interesse wegen der Farbtöne. Vielleicht machen sie Ihnen ein Weilchen Spaß. Mausbachtal im Schnee!
Hoffentlich geht es Ihnen allen gut. Grüßen Sie Ihre Eltern, u. seien Sie gegrüßt von Aenne u.
Ihrer
wintermüden Käthe Hadlich.