Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. März 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 17.III.07.
Lieber Herr Spranger.
In Fortsetzung unsrer eben so lebhaften Correspondenz möchte ich zunächst Ihre energischen Zeilen vom 15. beanworten. Ich hatte nicht geglaubt, mit der Bitte um Vorschläge Ihrerseits unbedingte Folgsamkeit von meiner Seite garantiert zu haben! Aber ich sehe Ihre Gründe u. füge mich. Daß es mir anders lieber gewesen wäre, kann ich nicht leugnen; aber es ist nur persönliche, gesundheitliche Rücksicht, die mir diese etwas anstrengenden Tage in der früheren Woche erwünschter gemacht hätte, während die Hindernisse, die Sie namhaft machen, uns beiden womöglich die ganze Stimmung verderben könnten. Denn wenn es in Bezug auf die Ihnen befreundete Familie absolut nicht mein Ehrgeiz wäre, gesell
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|schaftlich verleugnet zu werden, so könnte doch sicher Ihre Verpflichtung gegen dieselbe Ihre Bewegungsfreiheit stören. - Und gar die Veranlassung zu sein, daß Sie zweimal in so kurzer Zeit fahren müßten, möchte ich nicht verantworten; u. so muß ich auch gestehen, daß mein etwas unüberlegter Vorschlag mit Halle mich reut. Wenn es auch kein gleichseitiges Dreieck ist, daß Sie umfahren müßten, wie Sie behaupten, so wäre es doch ein Umweg von 2 - 3 Stunden u. ich hatte, ein Wunsch dadurch eine Bekanntschaft zwischen Ihnen u. meiner Freundin zu vermitteln, die Sache für weniger umständlich gehalten. Ganz so dumm, wie es Ihnen erscheint, ist es auch wirklich nicht gewesen. Denn wenn ich um 11.20 in Cassel abfahre, bin ich 2.55 in H., Sie könnten etwa 1/2 Stunden später dort sein u. wir nach 2 stündigem Aufenthalt mit Lili, um 6 Uhr 15 in Leipzig, 8.41 in Dresden sein. Wir hätten dann den ganzen Mittwoch,
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| Donnerstag, Freitag zu unsrer Verfügung gehabt u. da Gründonnerstag laut Baedecker die Galerien auf sind, Freitag die Natur zu Werte kommen konnte, wäre so lange ich nichts von Ihren Gegengründen wußte, wirklich nichts einzuwenden gewesen.
Aber darin stimme ich völlig mit Ihnen überein, daß jetzt endlich eine definitive Bestimmung erwünscht ist. Ich denke also von Halle aus am Dienstag, d. 2. April etwa um 11 Uhr in Dresden einzutreffen. Wir begegnen uns dann vielleicht bei der Sixtina!!! -   Die Züge suche ich mir noch genau aus, denn ich habe augenblicklich nur ein altes Cursbuch, aber so verkehrt ist es keinesfalls, daß man nicht ungefähr sich orientieren könnte. Danach sehe ich auch, daß es ganz unmöglich ist, in 7 Stunden von Cassel nach Dresden zu kommen, es sind im besten Fall 9 1/2 Stunden, u. das ist mir auf einmal zu viel. Ich werde also jedenfalls auf beiden Fahrten in Halle
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| Station machen, da die Fahrzeit auf der Eisenbahn nicht einmal auf dieser Strecke länger ist. -
So, das wäre wohl alles. Und das Weitere wollen wir unter das Zeichen der Frühlingssonne stellen, nicht wahr? Hier scheint sie nicht. Hoffen wir also, daß sie in den nächsten vierzehn Tagen Herr über alle Wolken geworden ist.
Alles, was Sie mir neulich schrieben u. schickten, beschäftigt mich lebhaft. Wie schön u. warm sind die Verse für die Kinder! Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie mich so an Ihrem begeisterten Leben u. Streben mit Ihrer Klasse teilnehmen lassen. Wie freue ich mich an dem verständnisvollen Echo, das Sie bei den Mädchen finden. Denn ein Echo ist es, Ihr Geist u. Ihre Wirkung, die Ihnen da zurückstrahlt. Die Mädchen sind zunächst persönlich, u. daß Sie es verstehen diesem jugendlichen, naiven Anschlußbedürfnis höhere Ziele, geistigen
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| Inhalt zu geben, ist das Schöne u. Wertvolle, das Unvergängliche. Was haben diese Mädchen für Glück, einem solchen Lehrer in die Hände zu kommen!
Was mag denn nun mit Frl. Laabs vorgefallen sein? Es ist doch schlimm, daß man die Menschen nur nach ihren Kenntnissen, nicht nach ihrem inneren Beruf zum Lehramt prüfen kann. Wenn dieses Juwel nun zu Ostern die Schule verläßt, wird sie womöglich mit einem ehrenden Abschied entlassen? Lebhaft werde ich Ihrer am 23. gedenken. Aber wenn nun auch manche der Kinder Ihrem persönlichen Einfluß entrückt werden, Ihre Wirkung werden sie nie im Leben abschütteln. Das weiß ich gewiß. Und wenn es Ihnen nicht darum zu tun wäre, wegen des pecuniären Ertrages müßte man Ihren Aufwand an Kraft für die Sache wirklich als Frevel bezeichnen.
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Die Bekannschaft mit Rousseau, die Sie mir vermittelt haben, interessiert mich sehr. Darf ich die Blätter noch etwas behalten? Sonst schreiben Sie mir, bitte gleich eine Karte. Der eigentlich verworrene Charakter dieses Menschen scheint mir sehr verständnisvoll u. vorurteilslos geschildert. Trotzdem kann man für diesen willensschwachen Menschen keine Sympathie haben u. so ist mir auch, obgleich [über der Zeile] ich wohl Ihren Sinn verstehe, den Sie in die Widmungsworte legen, - doch die Parallele für uns beide nicht recht erwünscht. Möchten Sie um den Preis eines solchen Charakters u. Lebens berühmt sein? Gelt, das ist kleinlich von mir - doch nein, ich glaube nicht.
Ich freue mich sehr darauf, wenn dann erst in der Auswahl aus seinen Werken die Züge des Bildes, das Sie gaben vertieft u. ergänzt durch seine
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| eignen Worte mir erscheinen wird. Ich werde dann dem Schriftsteller, dem strebenden Geist, der von so weittragender Wirkung sein konnte, gerechter werden. Bis jetzt kann ich den Zwiespalt seines Wesens nicht einmal tragisch empfinden, weil er selbst ihn nicht zu überwinden, sondern zu verleugnen sucht!
Doch ich will jetzt in die Bunsenstraße gehen. Meine Freundin trug mir heut morgen herzliche Grüße an Sie auf. - Von Samstag an ist also meine Adresse in Cassel wieder Augustastr. 4.III. Wir wechseln dann wohl noch einmal Nachricht, ob alles so bleibt u. alles andre bleibt für den mündlichen Austausch. Ich freue mich sehr, möge der Himmel mit uns sein. Herzliche Grüße an Ihre Eltern u. Sie von
Ihrer Käthe Hadlich.