Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. März 1907 (Kassel)


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Cassel. 25. März 1907
Lieber Herr Spranger.
Jetzt kommt der Widerruf! Haben Sie sich das nicht gleich gedacht? Denn was könnte ich sonst wollen! Nun, vielleicht wird es nicht so schlimm, denn in der Tat bezieht es sich nicht auf die Dresdener Pläne, sondern nur auf meine Zweifel an Ihren Kursbuchangaben, die mit meinem antiken Exemplar unvereinbar waren. Hier sehe ich, daß Sie für die Hinfahrt recht haben, aber daß tatsächlich die andere Strecke keine Verzögerung[über dem Gestrichenem] längerung der Fahrzeit bringt. Also ich fahre über Halle.
Seit vorgestern bin ich nun hier u. genieße wohlig das Behagen im Familienkreise. Es ging mir so wenig
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| gut die letzte Zeit u. da sind solch angenehme Eindrücke eine wahre Erholung. In Heidelberg habe ich es ja sehr gut, aber bisweilen werden immer die gewohnten Verhältnisse, mit denen man täglich oft so vergebens ringt, zur unerträglichen Last. Ich weiß, daß sie dennoch das mir Lebensgemäße sind, aber ich finde die rechte Stellung dazu wieder leichter nach einer Pause, die die Reibungsflächen für ein kleines Weilchen ruhen läßt. Dies Herausheben aus dem gewohnten Tagelohn, die Fähigkeit wieder drüber zu stehen, erhoffte ich von Dresden.
Vorerst hat mich das, was Sie mir in der letzten Zeit alles sandten viel beschäftigt. Vor allem Rousseau, die Tatsache seiner großen u. lebenskräftigen Wirkung bei einer so wenig achtungswerten Persönlichkeit. Ich fühle, daß hier mehr wie je Ihre tröstlichen Worte von dem Wert des "Wollens, nicht
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| dessen was wir schon sind", die mir in meiner Depression so wohltuend hinein klangen, anzuwenden sind. Und doch ist es eigentlich das Wollen, daß ich bei Rousseau schwer erkenne. Mir kommt es vor, als wenn er den Zwiespalt zwischen Tat u. Urteil, der ihn quält, nicht durch den Entschluß zur Selbsterziehung, sondern durch ein Anpassen des Urteils erreichen wolle. Vielleicht eben war in ihm die Liebnatur so unüberwindlich, daß dies der einzige Weg schien, u. die Kraft einer Sehnsucht nach jener idealen Einheit von Wollen u. Tun war in seiner Lage durch Anlage u. Umgebung schon eine Tat. - Noch schwerer verständlich aber ist mir die Frau v. Warens. Was kann das für eine Religiosität sein ohne Moral u. Dogma? gibt es Religiosität, die nicht zugleich sittliche
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| Kraft wäre? Vielleicht können wir von dem allen noch reden, ich habe vorerst das Gefühl einer fremden, unverständlichen Welt.
Sehr entzückt bin ich von Ihrem Aufsatz über "Humanistische Gymnasien." Hrzl. Dank für die Übersendung. Mir ist dieser Begriff zur der Ausbildung zur Humanität, der im Geist, nicht im Stoff des zu Lehrenden beruft höchst entsprechend. Der Aufsatz ist wieder so gedankenreich, daß ich ihn noch oft lesen muß.
Gestern nun habe ich mit großem Interesse an Ihrem platonischen "Gespräch über die Liebe" mit Hermann teilgenommen durch Ihren Brief an ihm. Die Gedanken darin, die mich teilweise gerade in bezug auf Sie schon manchmal beschäftigt haben, treffen wie so oft schon, sehr mit meinen eignen
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| Eindrücken von Ihrem Wesen zusammen. Es ist sonderbar, daß ich allerlei Ähnliches in Dresden zu besprechen hoffte. Ihre Äußerungen über die beiden fraglichen Charaktere, mancherlei im Rousseau hatten mich wohl momentan darauf gebracht. Was aber Ihre innere Stellung zur Ehe überhaupt betrifft, so habe ich immer gehofft, daß die pädagogische Leidenschaft Sie wohl vor übereiltem Anschluß hüten, aber nicht hindernd vor einer wirklich auf innerer Übereinstimmung beruhenden Neigung stehen werde. Daß diese verständnisvolle Berührung mit andern Menschen Sie im Gegenteil klarer im gefühlsmäßigen Urteil machen werde u. vor einer Illusionsfähigkeit bewahre, die mir z. B. bei Hermanns glücklicher Wahl mehr oder minder als
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| einen Zufall erscheinen läßt. Auch unsre Freundschaft, so hoffte ich, könne wohl in diesem Sinne wirken.
Ob dieser pädagogische Zug in Ihrer Natur einem eigentlichen Eheglück entgegen wirkt, hängt wohl mehr von dem Wesen der Betreffenden selbst ab. Sie werden sicher nie in so plumper, gewalttätiger Weise eingreifen wollen, daß es notwendig zur Last wird. Das Bedürfnis einer gegenseitigen Ergänzung u. Förderung der Naturen im gemeinsamen Zusammenleben, (nicht eine einseitige, bewußte u. selbstbewußte Erziehungssucht) muß u. kann aber doch nur der tiefste Sinn einer Ehe sein. Was mir die Möglichkeit eines gleichmäßigen Glückes bei Ihnen weit zweifelhafter macht, ist die Heftigkeit,
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| mit der Sie auf die geringste scheinbare oder wirkliche Dissonanz reagieren. Wie Sie bei dem kleinsten Widerstand oder Mißverstand sofort mit einer völligen, leidenschaftlichen Ablehnung antworten. Hier wird Ihre Frau einmal mit dem unermüdlichen Verständnis tiefster Liebe auszugleichen haben. Eins aber glaube ich mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß niemals irgendeine Rücksicht, sondern nur eine zwingende Neigung seinerzeit Ihren Entschluß bestimmen darf u. wird? -
Doch nun zum Schluß noch ein wenig von mir. Ein schauderhafter Husten, der mich die halben Nächte wach hält, läßt auch mir jetzt Ihre energischen Reisebestimmungen erwünschter erscheinen. Denn es wäre mir wohl kaum möglich, so
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| wie ich augenblicklich bin, zu reisen. Was meinen Sie übrigens mit der Randbemerkung in H's. Brief - "meinen Brief fehlte ====> "? Richtung? Inhalt? Unterschrift? Sinn?
Halb im Scherz, halb ärgerlich imitierte ich den Ton Ihrer "sachlichen Auseinandersetzung". Man soll wohl brieflich nicht dergleichen tun, weil man den Ton eben nicht mitschreiben kann, der Ernst u. Scherz auseinanderhält. Denn wenn mich Ihre Antwort "wenn Sie triftigere Gründe haben" auf meinen Wunsch aus Rücksicht auf meine Gesundheit diese Woche schon zu reisen, auch verstimmt hatte, so ists doch nicht sehr tief gegangen. Und ich hätte vielleicht schlauer getan, dies unumwunden zu sagen, als durch ein confuses Gemisch von sachlich sein sollenden Erwägungen und halb scherzenden Angriffen anzudeuten. Jetzt sagen Sie bitte ehrlich, was sie meinen.
Mit herzlichen Grüßen an Ihre Eltern u. Sie
Ihre Käthe Hadlich.