Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. April 1907 (Kassel)


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Cassel. 9. April 1907.
Lieber Herr Spranger.
Sie wollten zwar erst von Heidelberg aus eine Nachricht von mir haben, aber für mich dauert das zu lange, denn nach diesen schönen Tagen des Beisammenseins habe ich ganz besonders den Wunsch fortgesetzter Mitteilung. Und bei dem eiligen Rollen der Zeit ist auch in uns ein steter Wandel von Stimmungen u. Eindrücken, die wir nur im Moment festhalten u. mitteilen können. - Darüber freilich stehen auch bleibende Bilder, die nicht wieder verlöschen u. dazu gehört vor allem die Freude, mit der ich es empfand, wenn mein ernster, verschlossener Freund in unbefangener Lebensfreude übermütig lustig wurde, - u. das tiefe
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| Glücksgefühl, daß mich durchdrang, wenn ich die klare, gefestigte Ruhe u. Zuversicht Ihres Wesens fühlte. Wohl haben Sie Recht, daß ich zum Teil mehr als je unter der Unzulänglichkeit des Ausdrucks gelitten habe u. dennoch ist mir nur das Bewußtsein eines unbedingten Verstehens zurückgeblieben, das über alle Worte geht. Das alles lese ich auch aus Ihren lieben Zeilen nach Halle. - Hoffentlich sind diese Ferientage auch äußerlich eine Erfrischung für Sie gewesen durch die ungewohnte Arbeitslosigkeit. Waren Ihre Eltern mit dem Erfolg zufrieden? Wenn man doch nur wüßte, wie Sie einmal etwas von durchgreifendem Erfolg für Ihre zarte Gesundheit tun
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| könnten. Das ist nun einmal eine stete Sorge!
Wie nett, daß Sie auf der Heimreise Frl. Naumann trafen. Aber dankbar bin ich doch, daß sie erst noch für eine Weile Ihre Gedanken mir überließ. Ich wanderte in Dresden noch eine Zeit planlos durch die regnerische Dämmerung, um dem gemeinsamen Essen in der Pension zu entgehen. Ich hätte keine fremden Menschen ertragen. Am anderen Morgen besuchte ich die Sixtina noch einmal (wendete sogar 50 Pfg. daran!) entdeckte noch eine Totenmaske Melanchthons*) [Fuß] d. h. ein Bild des Toten, von Cranach, von wunderbar friedlichem Ausdruck - aber lange hielt ich es nicht aus u. fuhr dann doch schon 11 Uhr 30 ab. In Halle fand ich meine Freundin
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| wirklich auch mit diesem schauderhaften Husten behaftet, so daß ich mir ernstlich Vorwürfe machen mußte. Daß Sie dies liebe Menschenkind nicht kennenlernten, tut mir doch leid. Sie ist wieder so ganz anders, als meine anderen Freundinnen, u. doch in ihrer Weise mir so besonders lieb. Wir freuten uns, daß trotz des spärlichen Verkehrs wir uns im Laufe der langen Jahre doch immer noch so gut verstehen. Das beruht natürlich auch auf dem Anerkennen u. Eingehen für fremde Eigenart, das die einzig dauernde Basis menschlicher Beziehungen bildet. Ein absolutes Aufgehen giebt es meines Erachtens nicht. Aber wie ich an mir selbst weiß, daß keine verstandesmäßige
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| Einsicht die lebensvolle Überzeugung innerer Notwendigkeit aufzuheben vermag, so wird es mir auch niemals schwer, dasselbe bei andern zu begreifen. Deshalb ist es ein Irrtum, wenn Sie meinen, daß die christliche Richtung Ihres Kurses mir "unsympathisch" ist. Ich fühle die innere Wahrheit, deren glutvolle Kraft mich da oben in Loschwitz auf dem Burgberg- in tiefster Seele berührte. Wie weit sich mein symbolischer Ausdruck je dem Ihrigen annähern wird, kann ich nicht wissen, hier kann ich nichts "wollen". Wohl aber fühle ich deutlicher als je, daß darin nichts Trennendes für uns liegt u. daß der gemeinsame Weg uns mehr u. mehr zur Höhe führt.
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Die Dresdener Kunsteindrücke werden mich noch lange beschäftigen. Es dauert immer lange, bis sich bei mir der gefühlsmäßige Eindruck soweit klärt, daß ich ihn auch ausdrücken kann. Aber dann werden Sie noch allerlei darüber anhören müssen!
Hier in Cassel kam ich bei Platzregen an. Und wer stieg aus dem nächsten Wagen? Mein Bruder Kurt. Ist das nicht abscheulich? Fahren wir 4 Stunden im gleichen Zuge, ohne es zu ahnen. Und ich hatte ihn ohnehin diesmal kaum gesehen. Ein übertrieben äußerliches ästhetisches Urteil fällt mir in letzter Zeit sehr an ihm auf. - Hermann ist noch verklärt von dem Besuch seiner Braut. Möchte es recht lange vorhalten. Wegen seiner Zukunftspläne meint er,
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| daß er Ihre Ansicht auch erwogen u. mit Erdmann besprochen habe, daß seine Absichten aber zweckmäßiger zu sein schienen. Die Verhältnisse lägen in bezug auf Privatstunden in Bonn anders als in Berlin. - Vetter Hans fand ich wieder beunruhigend elend. Sein Ausdruck ist der völligen Erschöpfung u. Mutlosigkeit. Dabei kann er dann auf Stunden auch wieder lebhaft werden. Er sucht sich auszusprechen, wenn man mit ihm allein ist. Aber ich zweifle, ob das wirklich zu helfen vermag. Wenn man ihm doch nur einen guten Rat geben könnte. Er ist drauf u. dran, seine Arbeit aufzugeben u. das Examen zu verschieben. Aber wird es ihn psychisch aufatmen lassen, wenn er dann ohne allen Zwang zu einer Tätigkeit ist?
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| Das kleine Heft hatte ich Ihnen neulich auch zu beliebigem Gebrauch mitgeben wollen. Es blieb in meiner Tasche stecken, so will ich auch das noch an Sie wenden u. es per Post schicken. - Für die Recension, die sehr über meinen Horizont geht, herzl. Dank. Auf die Lektüre der "Speisekarte" freue ich mich sehr. Vielleicht komme ich morgen in der Bahn dazu. In 24 Stunden bin ich nun wieder im schönen Heidelberg - u. wenn auch dort die jubelnden Töne des Amselgesanges an mein Ohr klingen werden die Ufer der Elbe vor mir aufsteigen u. ein Frühlingstraum von unvergänglicher Schönheit.
Grüßen Sie Ihre lieben Eltern vielmals u. seien Sie selbst in treuer Freundschaft gegrüßt von
Ihrer
Käthe Hadlich

[Kopf] Die Karte von Eucken schicke ich das nächstemal. Ich habe heute kein so großes Kuvert. Ist mein Ausdruck nicht etwas sehr über[li. Rand] schwenglich?