Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. April 1907 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 17. April 1907.
Lieber Herr Spranger.
Wenn ich auch nicht weiß, ob ich heut lange Zeit zum Schreiben haben werde, so möchte ich doch wenigstens anfangen. Denn meine Gedanken sind so viel bei Ihnen. Als ich am Sonntag morgens Ihren Brief auf meinem Schreibtisch vorfand, freute ich mich sehr. Aber leider war die Freude ziemlich getrübt. Denn wie soll das nur weitergehen, wenn Sie unmittelbar nach der angeblichen Ferienerholung schon wieder so erschöpft sind? Und dann sorge ich mich, daß die Dresdener Tage mit dem vielen Spazierenlaufen doch anstrengender für Sie waren, als Sie zugeben wollten. Es war eben ein Fehler, daß wir so kühles Wetter hatten, so daß man noch kaum draußen
[2]
| sitzen konnte. - Dann aber sind Sie doch auch unverantwortlich leichtsinnig im Vergeuden Ihrer Kraft. Werden Sie denn gar nichts dazulernen, lieber Hitzkopf? Sich so wahnsinnig zu ärgern um nichts u. wieder nichts, ist doch blamabel! Konnten Sie denn nicht erst einmal forschen, wie die Verhältnisse liegen, ehe Sie sich grundlos "beeinträchtigt" fühlten? Wo bleibt da die Philosophie, die Einsicht, die gewonnene Lebenserfahrung?
Und wie soll ich an eine Wirkung der sonnigen Frühlingstage von der Elbe für Sie glauben, wenn sie nur in der Gegenwart, nicht in der Ferne fühlbar ist? Mir drängte sich der unverlierbare Gewinn dieses schönen Zusammenseins in die wenige Worte, die ich in das kleine Buch schrieb, gleichsam als Versprechen    nicht um Sie damit irgendwie für den weiteren Inhalt der Blätter zu bestimmen. Und mit Freude nahm ich einen
[3]
| ähnlichen Klang aus Ihrem Briefe auf: "daß wir nicht die Echtheit, sondern die Kraft des Ringes beweisen wollen." Unter diesem Zeichen stehen meine Tage bisher u. werden es hoffentlich bleiben. Die Stunden waren eine wirkliche Freude. Es ist rührend, mit welchem Eifer die ganze, kleine Gesellschaft wiederkam, wie man die Lust an der Arbeit merkte. Auch von elterlicher Seite habe ich günstige Eindrücke über den Erfolg der Stunden. Es ist ja bei mir so garkein systematisches Vorgehen, daß es mir immer wieder ängstlich dabei wird. Aber ich lerne ja beständig dazu u. die Kinder sind so empfänglich u. dankbar auch für das Wenige, was ich in diesem begrenzten Kreise bieten kann. - Und ganz merkwürdig ist es, wie sich in diesen unbeholfenen Anfängerarbeiten schon die ganze Eigenart der Kinder in Anlage u. Charakter ausprägt; viel mehr
[4]
| als daß man sich daraus ein Bild der eigentlich künstlerischen Begabung machen könnte.
Wenn sie aus Ihrem Wirkungskreise heraus allerdings diese dreiviertel auf mechanischer Übung der Geschicklichkeit beruhenden Stunden beobachten könnten, so würden Sie mich sicher ungeheuer bescheiden finden. Aber was tuts!
Ich freue mich umso mehr auch an dem, was Sie wirken u. wecken. Ich kann es so gut nachfühlen, wie dieses Feuer zünden muß, kenne ich doch aus eigenster Erfahrung die wunderbar lebensweckende Kraft Ihres Wesens. Nur eins möchte ich immer wieder bitten: Halten Sie Maß mit Ihren Kräften! Wenn Sie es nicht aus Egoismus tun, so denken Sie doch an die Ziele, für die Sie leben. Liegen Ihre Stunden wieder, wie bisher? Welche von den alten Schülerinnen haben Sie behalten?
[5]
|
Ich habe mich hier sehr rasch wieder eingelebt. Der Abschied von Cassel wurde mir schwer, es war mir, als hätte ich eigentlich noch so manches dort versäumt, u. man weiß doch nie, wann man sich wieder sieht. Am letzten Abend war Kurt um meinetwillen nochmal von Witzenhausen gekommen, das fand ich so lieb von ihm. Was wird er jetzt in dem Nest mit seinem theosophischen Amtsrichter treiben? Er machte solch amüsante Schilderung der verschiedenen Typen, mit denen er sich dort anbiedern wird; aber lange wird es ihn kaum unterhalten, wenn ihm nicht ein glücklicher Zufall dort auch gleichgesinnten Umgang zuführt.
Hier ist noch immer die weiche, lähmende Luft. Auf meine Stimmung drückt sie nicht, aber müde war ich beständig. Auch die Erkältung ist noch immer nicht fort.
[6]
| Man darf sie wohl jetzt mit recht als chronisch bezeichnen. Aber ich ignoriere sie einfach. - Dagegen denke ich in lebhafter Teilnahme an Paulsens Kranksein, u. an Ihre Sorge um ihn. Es ist so ungünstig, daß wir noch immer Kälte haben, so daß er selbst im milden Baden noch wenig von der Heilkraft der Sonne spüren wird. Auch bei uns ists kühl u. regnerisch, aber die Mandeln u. Aprikosen blühen u. über der ganzen Natur liegt ein entzückender Frühlingszauber. Wer das doch mit ein paar Pinselstrichen wiedergeben könnte!
Unsre Galerieeindrücke beschäftigen mich noch viel. Wir kamen von unseren so verschiedenen Ausgangspunkten doch bei wirklich bedeutenden Sachen immer zu einer Verständigung im Urteil. Wenn Sie mich mit Ihrem Spott nur nicht so verschüchtert hätten; so fand ich noch weniger
[7]
| einen Ausdruck für das, was bei mir zunächst immer erst unklare, gefühlsmäßige Ansicht ist. Nebelhafte Ansichten - -
Meine Freundin erklärt mir täglich, wie sie sich freut, daß ich wieder da bin. Nächstens werde ich mir was drauf einbilden! Was meinen Sie übrigens damit, daß Aenne Ihnen eine milde Richterin sein solle? Bitte, beantworten Sie mir diese Frage; ich kann es mir garnicht denken.
Und noch etwas möchte ich fragen u. Sie müssen über meine Dummheit nicht böse werden. Sie haben mir oft von dem Jahresbericht gesprochen, ich habe aber nie begriffen, für welches Werk Sie ihn machten? Worauf beziehen sich die Nummern der einzelnen Schriften? Ich lese täglich in diesen Blättern u. staune über die kolossale Arbeit, die darin steckt. Es ist in diesem kurzen Auszug ein ganzes Studium für mich u. es
[8]
| ist mir von doppeltem Interesse durch den Standpunkt, von dem aus es unverkennbar geschrieben ist. Sonst habe ich noch garnichts gelesen. Ich habe zunächst hier immer mit der geistigen Schwäche zu kämpfen, die sich mit der Luft auf mich legt.
Wie traurig sind die Nachrichten von Ihrem Freund Nieschling. Können Sie ihm denn garnicht erfolgreich zureden? Er ist doch Soldat u. würde in seinem Beruf ganz selbstverständlich zu jeder Handlung voll Mut u. Selbstverleugnung bereit sein, warum - wenn ihm das Leben zum Feind wurde, - kann er nicht auch in diesem Kampf die Tapferkeit beweisen? Wir müssen doch alle so viel verzichten. Er ist doch der Einzige nicht! Wie schwer auch dieser Kampf für alle weichen, glückbedürftigen Naturen ist, es ist doch schließlich auch ein Glück, sich durchzuschlagen.
[9]
| Das giebt eine Sicherheit, die von allen äußeren Verhältnissen unabhängig macht; wenn man nicht in verzweifelter Auflehnung erliegt, sondern sich behaupten will, trotz allem. Als ich im Catechismus lernte von "Mißglauben, Verzweiflung u. andre große Schande u. Laster" - beschäftigte mich das sehr, daß man Verzweiflung so hart verurteilen könne. Seit ich die lebensbejahende Kraft wahrer Resignation kenne, weiß ich, warum diese Überwindung als eine Äußerung göttlichen Lebens in uns angesehen wird. Wir haben kein Recht, zu verzweifeln, denn diese Kraft lebt in uns allen, wenn wir nur wollen!
Hat ihr Freund irgend eine ausgesprochene Veranlagung zu einem bestimmten Beruf? Veranlassen Sie ihn doch einmal zu nüchterner, vorurteilsloser Erwägung u. fester Willensentscheidung. Es hilft so manchmal, wenn man erkennt,
[10]
| daß das eigene Kreuz eben doch das einzige ist, das man tragen kann!
Von Ada Thönes bekam ich sehr zufriedene Nachricht. Sie ist auch so fabelhaft fleißig u. leistungsfähig, daß ich fast neidisch werde. Nach Ostern übernimmt sie 14 Stunden, daneben die Dr.-Arbeit umzuschreiben u. mündl. Vorbereitung. An Pfingsten reist sie nach Mainz u. Straßburg zu Vereinstagen, hat aber für mich leider keine Zeit. - Und sie wollen sich auch einen neuen Odenwaldführer zulegen? Ich habe eigentlich keine Anlage zur Eifersucht, aber dann würde ichs, glaub ich!
Sehen Sie nur, was für wunderbare, seidenweiche, geheimnisvolle fremdartige Gebilde jetzt an allen Zweigen bei uns gewachsen sind. Man staunt über all die Schönheit, es ist alles so neu u. seltsam,
[11]
| u. man denkt, was wohl für Wunder aus all den fein gefalteten, halb geschlossenen Knospen kommen werden. Noch zwei Wochen weiter u. es sind lauter biedre, altbekannte Buchenblättchen! So ist es oft im Leben, u. doch hören wir nicht auf, Wunder zu ahnen u. - zu erleben.
Doch nun will ich "Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen", u. schicke hiermit auch die Karte von Eucken wieder mit bestem Dank.
Grüßen Sie Ihre Eltern recht herzlich u. nehmen Sie viele Grüße u. gute Wünsche für Ihr Wohlergehen von
Ihrer
Käthe Hadlich.
Auch von Aenne soll ich grüßen.