Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Mai 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Mai 1907.
Lieber "Dresdner" Freund.
Es ist nichts mehr mit Sonne u. Blüten hier u. Ihre günstigen Vorurteile für die Neckargegend sind gänzlich unbegründet. Ob es überhaupt diesmal Frühling wird, ist noch ganz unentschieden. Vielleicht fangen wir gleich beim November wieder an. Weitere betrübende Nachrichten sind die vom Aussterben der mit Recht so beliebten Kilometerhefte. Die werden jetzt im Laufe des Jahres alle zu ihren Vätern versammelt. - Bei Schwalbes sind die Masern, also sind meine Stunden wieder unterbrochen - kurz, es gibt garnichts Erfreuliches.
Wenn es dann doch wenigstens von Ihnen käme! Das ist ja eigentlich wohl der
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| Fall, in der Form von lieben Briefen. Aber auch darin ist immer manch trüber Ton. Vor allem muß ich immer an Paulsens Krankheit denken. Wenn doch ein mitleidiger Herzschlag seine Leiden abkürzen möchte. Es ist zu grausam, was ihm noch bevorsteht, wenn Ihre Vermutung Recht hat. Und was hat es für einen Sinn so unmenschlich leiden zu müssen, wenn eine Besserung ausgeschlossen ist? Ich habe dies Leiden jetzt schon so oft mit angesehen! - Haben Sie Nachricht von ihm? - Was ist der Tod, daß man ihn fürchten sollte? Erlösung, Frieden - "Ruhe in Gott" sagt die Kirche.
Können Sie diese blinde, alles vernichtende Todesfurcht im "Prinz v. Homburg" verstehen? Kann man so an der bloßen Existenz hängen, daß man um ihretwillen allen Inhalt des Lebens preisgeben will?
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| Mir scheint das eines charaktervollen Menschen einfach unwürdig. - Ist es nicht auch ein sehr grober künstlerischer Effekt?
- Sonntag. Bei Sonnenschein! Ich war mit Aenne im Kunstverein u. dann sind wir über den Philosophenweg gegangen. Wir wollen auch demnächst mal zusammen in die Kirche zur Predigt von Frommel gehen. Aber die Natur kann auch predigen. Wie wunderbar schön ist es jetzt, überall dies blühende junge Leben! Es mag wohl sehr schwer sein von alledem Abschied zu nehmen u., doch meine ich, löst sich der Mensch im Laufe des Lebens mehr u. mehr von allem Äußeren u. wächst hinein in unvergänglichen Besitz. Braucht man zu diesem Dasein im Angesicht der Ewigkeit notwendig den Glauben an persönliche Fort
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|dauer? Ist nicht gerade das Persönliche notwendig ein begrenztes Endliches? Und ist nicht diese Erkenntnis erst recht eine Mahnung, "so zu leben, daß man sterben kann", d.h. so daß mein Leben teilhatte am Unvergänglichen, an göttlicher Wirklichkeit? Das bleibt ein Streben, eine Sehnsucht - aber was ist "leben" anderes! Alles Erreichte, Vollendete ist Stillstand - Verfall. Nur die vollkommenen Ideen leben ewig, weil sie ewig unerreicht sind, u. sie leben in der Wirklichkeit. - Ja, das alles ist geheimnisvoll u. unergründlich, aber nicht unheimlich, sondern herrlich u. beglückend, denn es ist uns ja gegeben im "Gleichnis"; u. es ganz u. unverkürzt darin zu fühlen u. zu erkennen, das ist Offenbarung.
Für mich ist dies bewußte Erleben des höchsten Lebensgehaltes die reinste
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| u. unmittelbarste Beziehung zum Ewigen. Die Führung eines genialen, schöpferischen Triebes ist mir nicht gegeben - aber ich sehe dies Wunder des Gestaltens aus dem unbewußten Dunkel zur bewußten Klarheit in Ihnen. Ich sehe die Sicherheit der Kraft, die aus Ihnen wirkt, u. ich glaube daran in unbedingtem Vertrauen.
Darum verstehe ich auch Ihre Warnung vor der "Bewußtheit des Lebens", obgleich meine Natur vor allem im Bewußten lebt. Die dunkle Tiefe ist nur der Hintergund, in den die Perspektive hinüberleitet, in den großen unendlichen Zusammenhang, - leben muß ich im Licht. - Das ist Ihnen ein Armutszeugnis, ich weiß. Aber kann ich aus meiner Natur?
Nun entspricht es ferner meiner
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| Natur, daß mich der geschmacklose Buchstabe am Anfang Ihrer Rousseau-Einleitung ärgert. Wollen sie nicht Herrn Diedrichs vorschlagen, beifolgenden kleinen Entwurf (als Zinktype zu vervielfältigen) stattdessen zu benutzen? Er kann den Buchstaben ja dann behalten, schöner wie seiner ist er doch wohl, ohne Selbstüberhebung! Verstehen Sie auch die Symbolik? Ich habe daran gedacht, daß Ihnen die Arbeit ein ziemlich "dorniges " Vergnügen war, u. dann finde ichs für Rousseau bezeichnender, daß die "Blüte" eigentlich nur das Negativ des eigentlichen Rankenornaments ist! - Gestern habe ich in einer franz. Monographie über den Maler La Tour ein Porträt von Rousseau gesehen. Das ist sehr merkwürdig; etwas eng stehende, lebhafte u. leuchtende, dunkle Augen, ein
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| weichlicher Mund, ein hübsches Gesicht im Ganzen, aber doch unsympathisch. Was gibt es noch für Bilder von ihm?
Das Buch von Osborn will ich mir von Arnold Ruge besorgen lassen. Ich kann von der Bibliothek nur durch Vermittlung Bücher bekommen. - Denken Sie, A. R. erklärte mir, Nierenentzündung zu haben. Das ist doch wohl recht bedenklich? Er sieht auch ziemlich elend aus.
Und wie geht es Ihnen? Sind Sie vernünftig? Sie wissen ja doch, was von der Basis einer leidlichen Gesundheit abhängt. Tun Sie das Ihrige dazu, daß sie vorhält. Denn, daß sie ausfällt, damit haben die "Heiligen" nichts zu tun, sondern Ihr vernünftiger guter Wille!
Daß die Schule Ihre Kräfte eben weniger
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| intensiv fesselt, ist bei den vielseitigen anderen Anforderungen sicherlich nur gut. Sie dürfen wirklich nicht so auf Ihre Gesundheit losstürmen. Die Geschichte mit dem Aufsatz ist sehr nett. Jetzt wird der Ehrgeiz wohl gemacht sein. Ja, die weibliche Gründlichkeit ist so eine Sache! Dreimal steht unter dem Jahresbericht die Titelangabe, ohne daß es bis zu meinem Verständnis gedrungen wäre! Ich danke für Ihre schonende Aufklärung. - Sehr herzlich danke ich auch nochmals für die Karte Ihrer lieben Mutter. Sie sagten doch, daß sie es im ganzen nicht gern täte, mir zu schreiben, so waren die lieben Zeilen mir unerwartet u. doppelt erfreulich. Ich will ihr doch mit dem bißchen Unkraut nicht auch noch Mühe machen! Hoffentlich sind Sie alle gesund?
Recht herzliche Grüße an Ihre Eltern u. Sie sendet
Ihre
Käthe Hadlich.