Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Mai 1907 (Heidelberg)


<Pfingsten 1907; undatiert, also 19./20. Mai, je nachdem ob Pfingstsonntag od. Pfingstmontag!>

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Heidelberg. Pfingsten 1907.
Lieber Freund.
Sie können sich wohl kaum vorstellen, wie tief Ihre wunderbar schönen Verse auf mich wirkten, aus denen der ganze Zauber des Frühlings klingt. Ich muß sie immer wieder lesen, u. immer sind sie neu wie das junge Leben da draußen, jubelnd, zuversichtlich, von unerschöpflicher Tiefe.
Und ob ich Ihre Freude an dem Klassenausflug verstehe? Sie wissen ja, wie dies Leben in andern auch mir der eigentliche Inhalt des Daseins ist. Für mich bedeutet es meist nur ein Teilnehmen, wohl auch mal Tragenhelfen - Sie aber können Führer, Helfer, Bildner sein! Darum Ihre Freude an der Macht
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| über die Seelen, ihr Glück über offene Herzen. Verschwenderisch wie der Frühling schütten sie Ihren Reichtum aus, denn Sie wissen ja - "was wir streu'n in die Frühe der Zeit, es reift auf Gottes Gefilde". Glücklich, solch ein Sämann zu sein!
Wie diese Saat einmal aufgehen wird, wissen wir nicht. Ob es ein Erwecken war zu dauerndem Leben, oder ob das Höchste immer nur im Bilde, in der Ahnung für uns lebendig wird - wir wissen es nicht. Ich dichte hier nicht weiter, wenn auch ihre Worte wie ein schöner Traum heimlich in mir fortklingen, an der Sehnsucht u. der Gewißheit aber ändert das nichts. Und wer vermöchte zu sagen, wieviel von dieser Gewißheit ich Ihnen danke?!
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Inzwischen war nun meine "kleine" Schwester ein paar Tage hier. Wir hatten herrliches Wetter u. waren vergnügt zusammen. Und doch empfinde ich es immer schmerzlich, daß ich mit beiden Schwestern eigentlich innerlich fremd stehe. Warum ich den rechten Ton nicht finde, ist mir unklar. Vielleicht ist es ein gewisser, übler Ruf von "Philosophie", der durch Hermann vermittelt, mir bei ihnen im Wege steht. Wir verkehren freundlich (!) aber ich fühle, daß ich kein Vertrauen besitze, so sehr ich mich darum bemühe. Der Tag in Ceilbach-Erusttal mit den beiden Aennen war sehr sonnig u. hübsch. Ich freute mich, daß ich es leisten konnte, denn an Himmelfahrt lag ich noch den ganzen Tag mit unangenhmen Schmerzen. Es war wohl eine Zerrung
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| oder Verrenkung gewesen; ich hatte mich etwas zu intensiv häuslich betätigt.
Es traf sich sehr nett, daß ich, bei dem schönsten, so lange erwarteten Sonnenschein aufs Sofa gebannt, den ganzen Vormittag Besuch von Georg Weise hatte. Das ist wirklich ein lieber, tüchtiger Mensch. Er macht sich sehr stattlich als Hessischer Dragoner, u. entwickelt sich sichtlich. Der weniger zeitraubende Kavalleriedienst macht es ihm möglich, allerlei zu studieren, so ist er eben mit den Engländern des 18. Jahrhundert beschäftigt. Oktober geht er nach Gießen. --- Ich fragte ihn auch nach Dürer, da die hiesige Bibliothek das von Ihnen angegebene Buch nicht hat. Er konnte mir aber auch nichts darüber sagen - Was ists mit Hermanns Dissertation, wer hat sie recensiert u. wie?
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Daß sich Ihre Befürchtungen in Betreff des Rousseau- Übersetzers so bewährt haben, tut mir leid. Möge es doch nun ohne weitere Schwierigkeiten gehen.
Meine Freundin hat eine nette Idee gehabt, die mich sehr amüsierte. Ob Sie nicht neulich beim Anblick des dornenverzierten E zunächst gedacht hätten, Sie sollten in Zukunft Ihre Taschentücher so zeichnen lassen? Sinnig - nicht wahr?
Wenn Sie wüßten, daß ich in letzter Zeit wieder recht häufig auf dem Friedhof war, würden Sie wieder dagegen reden. Aber was schadets denn, es ist so wunderschön dort, so still u. die Nachtigallen singen u. alles ist mit Blüten überdeckt. Ich weiß nichts in der Nähe, wo man in so kurzer Zeit allein in der Natur sein kann. Man braucht da doch nicht leben
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|feindlich zu werden.
Mit meinen Stunden ist es eben betrübend dürftig. Die Schwälbchen sind noch immer krank, dann verreisen sie u. dann ziehen sie nach Karlsruhe. Aus der anderen Stunde fällt auch ein Mädchen, allerdings weniger erfreuliche Schülerin! aus, u. in Schwetzingen war Himmelfahrt frei, jetzt Pfingstferien u. dann Frohnleichnam. - Dafür werde ich in der nächsten Woche für 2 Tage nach Baden-Baden, das ist noch nicht kenne, gehen zu Hanna Virchow u. ihrer Mutter. Ich würde mich freuen, wenn ich dort zufällig Paulsen begegnen würde. Ist er noch dort?
Ich erwarte nachher Wolfgang Mathy zum Kaffee. Schrieb ich Ihnen schon von ihm? Er ist ein Neffe von Aenne u. hat vor kurzem hier eine Augenoperation durch
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|gemacht u. wird deshalb auch hier zum Studium bleiben, um in der Nähe der Klinik zu sein. Der Arme ist fast blind, u. es kann nur immer schlimmer damit werden. Dabei trägt er trotz seiner Jugend sein Schicksal mit großartiger Ergebung. Ich unterhalte mich sehr gern mit ihm u. freue mich, ihm heut den einsamen Feiertag etwas zu verkürzen. Er hat natürlich noch keine Bekannten bis jetzt, da er erst Freitag aus der Klinik kam. Sein Vater ist Gymnasialdirektor in Konstanz aus bekannter, badischer Familie.
Von meinem Vetter Hans hatte ich ein paar längere Briefe u. bemühte mich, ihn bei einer wie es scheint sehr schweren psychischen Depression ein bischen gut zuzureden. Aber es ist ja sehr fraglich, ob man
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| mit dem besten Willen etwas helfen kann. Warum müssen nur die Menschen so leiden? Ist nicht jeder Tag des Glücks wie ein Geschenk u. jede Zeit inneren Friedens wie [über der Zeile] ein Gut, das immer neu erworben sein will?
Daß ich über den Prinzen v. Homburg "moralisiert" habe, tut mir leid für mich. Aber es war nicht so gemeint. Sondern ich verstehe tatsächlich rein menschlich einzelne Züge nicht, sosehr mich das Drama sonst fesselt u. entzückt. Man kann eben doch nur aus dem eignen Gefühl heraus andre verstehen. Und dies bereitwillige Aufgaben alles Wertvollen nur um die bloße Existenz ist mir undenkbar.
Ists denn in Berlin auch wieder so kalt? Hoffentlich ist Ihr Vater jetzt wieder ganz gesund. Bitte, grüßen Sie Ihre Eltern herzlich. Meine Freundin trug mir Grüße an Sie auf u. ich bin in treuer Freundschaft
Ihre
Käthe Hadlich.