Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. Juni 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Juni 1907.
Lieber Herr Spranger.
Es ist mir selbst erstaunlich, wie groß die Pause zwischen meinen Briefen diesmal war. Denn ich habe immer den Wunsch der Mitteilung bei allem, was ich erlebe - oft sogar noch mehr, wenn ich nichts "erlebe". Denn das Reich der Gedanken, die unsichtbare Welt ist ja doch eigentlich das, was man mitteilen möchte, nicht zufällige äußere Ereignisse. Unter einer solchen Kette äußerer Tatsachen, von Stunde zu Stunde geschäftig ohne großen Inhalt ist meine Zeit eilig dahingeflossen u. es tauchen in der Erinnerung nur noch einzelne Momente u. Stimmungen auf: bald froh, ausgefüllt, zuversichtlich, bald enttäuscht, entmutigt, unter dem Druck
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| des eignen Unvermögens, unter dem quälenden Gefühl, wie das Leben durch die Finger rieselt, ohne daß man es zu halten, zu gestalten weiß! Es ist nicht Neid, womit ich das kraft- u. lebensvolle Wirken andrer sehe u. mit meiner Enge vergleiche, - aber schmerzliche Sehnsucht.
Wie bewundre ich - hier allerdings ohne Vergleich! - Ihre großartige Leistungskraft. Es ist wirklich fabelhaft, was Sie fertigbringen. Man sollte meinen, der Tag sei bei Ihnen dreimal so lang, wie bei andren Menschen. Und umso mehr bewundre ich, wieviel Sie in der vielseitigsten Weise leisten, als ich weiß, wie Sie sich bei allem ganz u. voll einsetzen. Schule, Recensionen, eigne Arbeiten in rastloser Folge; was haben Sie in dem allen doch schon an positiven inneren Besitz erarbeitet, verarbeitet.
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| Das war es ja, was mich schon damals 1903 so frappierte, das eigene Lebensblut, das man in allem fühlte, was Sie sprachen. Das Bewußtsein dieses unverlierbaren Erwerbes muß Ihnen da eben ein Trost sein, wenn der "sichtbare" Ertrag dieser mühevollen Arbeiten so gering ist. Aber entrüstet bin ich doch über die schlechte Bezahlung. Wollen Sie es mit etwas dazu Geeignetem nicht mal bei der Frankfurter Zeitung versuchen? Die soll relativ gut honorieren.
Hoffentlich ist der Rousseau wenigstens in dieser Richtung nicht auch dornig? Den Buchstaben tun Sie nur ruhig fort. Der paßt doch zu nichts anderem. Daß D. ihn nicht wollte, tut mir leid, ich hätte mich gern damit unsichtbar ein bißchen eingeschmuggelt. Aber Sie haben sehr Recht, daraus keine
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| "Geschichte" zu machen, oder sich gar zu ärgern! Wissen möchte ich nur, ob der stilvolle D. auch verlangt, daß Ihre Arbeit in Sprache u. Inhalt Stil 1830 sei?
Die geheimnisvolle Pfingstkarte hatte mir ja schon die nachfolgende Recension ungefähr angekündigt - wenn ich nicht die Empfehlung eines sauren Herings für eine ganz ungerechtfertigte Verdächtigung auffassen wollte! Ich habe die Besprechung mit großem Interesse gelesen u. brauche Ihnen nicht zu versichern, daß mir Ihre positive Wertung der wissenschaftlichen Forschung entschieden sympathischer ist, als die gefühlsmäßige Ablehnung des Verfassers. Da wird durch Dunkelheit die Existenz einer Lebensmacht nur verhüllt, aber keine innere Einheit mit ihr gewonnen. Er dreht ihr einfach den Rücken u. meint, nun ist sie nicht mehr da. Ebenso stoße ich mich an der sogenannten "Absolutheit" des Christentums. Meinem
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| durch u. durch pantheistischen Empfinden ist alles dogmatisch begriffliche Festlegen des großen "Unsichtbaren", jede konkrete Vorstellung des geistig Ideellen, das hinter, oder besser in der Welt der Erscheinung lebt, entgegen. Es fehlt mir das Organ für jene Wirklichkeit jenseits des Bewußtseins, ich kenne nur jene, die im Bewußtsein nach Befreiung nach Ausdruck ringt, die in uns u. durch uns lebt u. deren Wesen wir nach unserem Bilde einschränken, wenn wir es [über dem Gestrichenen] sie individuell begrenzt, an sich, real deuten. Wir haben nur sinnliche Bilder dafür, um die Offenbarung des Unendlichen auszudrücken, aber absolut, einer "jenseitigen" Wirklichkeit ädaquat sind sie niemals.
Wenn diese Vorstellung eines "Jenseits" eine notwendige Äußerung religiösen Empfindens ist, so muß ich mich als nicht religiös bekennen. - Aber ich denke darüber anders.
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| Mit großer Freude lasen wir dieser Tage einmal wieder Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts". Das war einmal ein großartiger Mensch, so klar u. frei, ein Herrscher im Reich des Gedankens . Wie wunderbar weiß er in durchsichtig klarer Sprache noch viel mehr anzudeuten, als er auszusprechen für gut fand.
Könnte ich etwas Derartiges nur immer gleich im frischen Eindruck mit Ihnen besprechen. Aber so gehts, wenn ich zum Schreiben komme, ist nur noch der ungefähre Eindruck da, das Sachliche ist verschwommen.
So hatte ich auch, ehe Ihr letzter Brief mir von Nietzsche sprach, über ihn nachgedacht u. glaube, wir stehen innerlich ziemlich ähnlich zu ihm. Ich fragte mich nach dem bleibenden Gewinn, den man von ihm haben könne, weil mein Vetter Hans
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| augenblicklich Hülfe bei ihm sucht. Ich hatte für mich bei ihm den klaren, rückhaltlosen Ausdruck gefunden für Kämpfe u. innere Schwierigkeiten, - ich möchte sagen: die dichterische, befreiende Aussprache. Durch ein solches Durchschauen wird man dann eben fertig mit einer Sache. Aber dieses rein reflektierende Verhalten dem Leben gegenüber ist nur einseitig. Nietzsche war durch seine Krankheit von dem realen Leben ausgeschlossen, daraus erkläre ich mir das Schrankenlose seiner Ideen. Seine Überwindung war es wohl, sein geistiges Ich frei zu halten von dem Druck der Krankheit. Er brauchte seine ganze Kraft nicht zum Kampfe, sondern zur Selbstbehauptung u. so dichtet er das Ideal vom Übermenschen, der frei, in ungehemmter Entfaltung
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| da einsetzen kann, wo ihm Betätigung versagt ist. Ich glaube aber, daß man ihn mißversteht, wenn man diesen absolut ungebundenen Übermenschen für unsittlich hält, vielmehr gründet sich die Forderung nach Freiheit von äußerem Zwang doch wohl auf einen tiefen, unausgesprochnen Glauben an die immanente Göttlichkeit des menschlichen Wesens, die in immer freierer Entfaltung nur immer klarer zum Ausdruck kommen muß. - Diese Förster-Nietzsche ist zum Verzweifeln mit ihrer Vergötterung. - Aber kennen Sie den Briefwechsel Rohde-N.?
Ein ganz tragischer Zug an N. ist seine Heimatlosigkeit in jeder Beziehung. Nirgends vermag er dauernd eine Beziehung zu halten. Das prägt sich in allem aus: sein unhistorischer Sinn, seine Unfähigkeit
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| mit Menschen dauernd auszukommen, seine Theorie von dem "aus sich rollenden Rade" u. "der ewigen Wiederkehr des Gleichen" Hier dichtet er in die Zukunft hinein den Zusammenhang, den er nicht besitzt u. den er doch nicht entbehren kann. - Gewiß ist der Mensch in letzter Linie allein, - (u. gerade dies Einsamkeitsgefühl findet bei ihm ergreifenden Ausdruck) - aber ebenso wenig können [über der Zeile] wir uns aus dem Zusammenhang mit der Welt im Ganzen lösen. Er reißt seine Wurzeln aus der Vergangenheit - da kann, für mein Gefühl wenigstens, auch nichts in die Zukunft wachsen denn wieviel zersetzendes Gift wirkt aus seiner Lehre, wie wenig vermag sie selbst die verständnisvollen Anhänger wirklich frei zu machen.
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| Ich kenne solch einen Menschen, hochbegabt, zu Großem fähig u. doch kaum für die Nächsten ein Segen - isoliert in stolzen Selbstgenügen u. doch grenzenlos unglücklich durch die selbstgeschaffene Distanz zu allem Lebendigen - sogar zu den eignen Kindern. Wo soll die Wirkung weiter strömen, wenn wir alle natürlichen Lebensbeziehungen abschütteln, ist diese Einsamkeit denn wirklich Freiheit?
Ich meine, Freiheitsgefühl ist einzig im Wirken gegeben, in dem über sich selbst hinaus gehen - u. Sie wissen, daß ich mit Ihnen, das Wirken auf Kinder für unendlich wertvoll halte. Darum höre ich immer mit den größtem Interesse Ihre Berichte u. freue mich an dem Einfluß, den Sie üben.
Was mag nur mit Luise Menz sein?
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| Ist das Kind vielleicht noch nicht fähig zu der freien Selbstbetätigung, die Sie wecken wollen? Ist sie zu jung u. unfertig oder momentan zu gedrückt u. unfrei? Oder kann sie überhaupt nicht mit persönlichem Anteil aus sich herausgehen aus Mangel an Initiative u. Selbstvertrauen? Hat sie etwas Eignes, was nur nicht heraus kann, oder nicht - da sie doch bei allem, was der Fleiß leisten kann genügt? - Ich wüßte nicht, was ihr besser helfen könnte, als der Ausdruck des Vertrauens, den Sie ihr gaben.
- Und Landpartien machen Sie, scheints, ohne Ende. Da sind wir doch viel weniger vergnügungssüchtig. Wenn Sie übrigens von dem bißchen Laufen so lahm geworden sind, so wäre Ihnen das Militärjahr doch eine
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| recht dienliche Muskelstärkung gewesen!!! Aber sonst - da ists schon besser so. Hermann hat es auch recht herzlich satt! Ich hatte einen netten Brief von ihm - u. überhaupt einige Briefe, die ich Ihnen ganz gern mal mitschickte, wenn ich nicht dächte, es wäre Ihnen vielleicht lästig. Es ist ja meist nichts Besonderes, nur machte es mir gerade Freude - also schreiben Sie ehrlich, wenn Sie es einen unnützen Zeitverlust finden.
Amüsiert hat es mich, wie die Kinder auch Sie erziehen! ich weiß jemand, der sich vor Raupen graut, u. der bei einem niedlichen Kätzchen sehr unsicher fragte: Können Sie es mal nehmen? - u. der soll "Padden" angefaßt haben. Unglaublich! -
Was mögen nun Ihre diesjährigen Ferienpläne machen? Wenn Sie daran
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| denken, eventuell einen Ferienzug zu benutzen, so müßten Sie doch diesmal gleich Anfang Juli reisen? Das wäre gewiß auch vernünftig, denn sonst wird die Erholungszeit, die Sie doch dringend brauchen, garzu kurz. Wenn ich Ihnen aus meiner Erfahrung raten kann, so ist für ermüdete Nerven gerade wirkliche Höhenluft sehr zu empfehlen. Fragen Sie aber einen Arzt wegen des Herzens. - Ich empfinde die Wohltat erst über 1000 m, u. zwar in Graubünden u. vor allem dem Engadin wesentlich mehr, als im Berner Oberland, das viel heißer ist. Auch das Oberrheintal bei Dissentis soll sehr zu empfehlen sein. Das liegt ja da alles nah bei einander. Ich würde es glaube ich, an Ihrer Stelle mit dem Engadin versuchen. Das schöne, weite Tal, die Seen, Wald, Schneeberge
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| alles ist beisammen. Es ist ja teuer dort, besonders in Sils u. Silvaplana, aber in St. Moritz, Pontresina, Celerina, Samedan ist auch einfacher zu leben möglich. Wie herrlich die Fahrt über den Albulapaß u. vielleicht, wenn Sie dann geübter sind, könnten Sie über den Julier gehen! Ich höre, daß man für dasselbe Geld in der Schweiz entschieden mehr hat, als in Bayern u. Tirol. Für 5 Tage giebt es Pension, 6 - 7 frs. täglich ist doch nicht so unerhört.
Und, ob die Fahrt Sie dann über hier führen würde? Ich muß sagen, daß es mir garnicht, wie ein richtiger Sommer vorkäme, wenn es nicht der Fall wäre. So schnell gewöhnt man sich an das Gute!
Aber natürlich darf das kein Motiv für Ihre Erholungsreise sein, sondern Sie dürfen nur tun, was Ihnen gesundheitlich wünschens
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|wert erscheint. - Meine Pläne sind dies Jahr ziemlich unbestimmt. Ich habe Aussicht, Ende August für 2 1/2 Wochen mit Aenne zu verreisen, - vielleicht in die Schweiz. Sonst werde ich wohl nach Cassel gehen. Ferien bekommen wir am 27. Juli, aber wahrscheinlich bleibe ich die ersten 10 - 14 Tage davon noch hier. Ob Sie dann vielleicht wieder ostentativ 2 Tage nach meiner Abreise herkommen?! Das könnten Sie nur gut machen, wenn Sie dann über Cassel reisten, oder wenigstens in erreichbare Nähe von dort.
Ihre Freunde treffe ich übrigens niemals. Zu meinem großen Bedauern fand ich am Donnerstag, als ich von Schwetzingen kam, die Karte von Erwin Seidel. Schade, daß er nicht noch einmal kam.
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Nun habe ich durch Quantität zu ersetzen gesucht, was ich an Rechtzeitigkeit versäumte. Also habe ich wohl Dispens erlangt?
Noch eins: haben Sie in der Beilage der allgemeinen Zeitung, [über der Zeile] Wochenschrift vom 18. Mai den Aufsatz von Troeltsch: "Autonomie u. Rationalismus in der modernen Welt" gesehen? Der scheint mir lebhaft umzuschwenken: irrational, alte überkommene Lebensinhalte, nicht rationalisierbar - ganz anders als der Amerikavortrag.
Aber nun wirklich Schluß. Grüßen Sie Ihre Eltern herzlich, ebenso grüßt Sie, - "freundlich" - wie immer
Ihre
Käthe Hadlich.