Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Juni 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Juni 1907.
Lieber Herr Spranger.
Dank für Ihre Zeilen vom Montag u. vor allem aber für den Aufsatz in der Christl. Welt, der mich gestern überraschte u. erfreute. Sie wissen, wie er mir lieb ist durch seine Anklänge an gemeinsam Erlebtes, wenn ich ihn auch zu wirklichem Verständnis noch öfter lesen muß. Ich bin auch gerade so lahm, daß mir selbst das Mit-Denken schwer wird. Deshalb verzeihen Sie auch bitte, daß ich mit Bleistift schreibe. - Wie war es gestern, waren Sie recht vergnügt? Was haben Sie aber auch immerfort vor. Es ist wirklich nötig, daß Sie bald in Ferienruhe kommen. Könnte ich Sie nur über diese Ferienpläne mal sprechen, schreiben ist so umständlich u. man kann auf eventuelle Einwände nicht Rücksicht nehmen. Aber ich will doch
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| versuchen, ob ich Ihnen damit nicht ein bißchen Überlegung sparen u. Sie vor unrichtigem Entschluß bewahren kann. - Ich habe doch jetzt allerlei eigne Erfahrungen u. wir sind darin einig, daß es sich für unsereinen nicht nur um einen Ausspann in schöner Gegend, sondern um eine wirklich wohltätige Einwirkung auf überreizte Nerven handelt. Oberstdorf hat auf Aenne, die ähnlich auf atmosphärische Einflüsse reagiert wie ich, sehr ungünstig gewirkt, liegt kaum höher als München, ist heiß u. s. w.
Luzern*) [Schluss] ist allerdings paradiesisch schön. sucht man in Frühjahr u. Herbstzeit, wenn man nicht bis an die Riviera gehen will, sondern nur für Tage. Der übrige Vierwaldstädter See ist eng, aus dem Wasser aufsteigende steile Ufer, wär Ihnen zweifellos bedrückend. Bliebe die Richtung auf den Brünig zu, mit kleineren Seen, Sarnen, Lungern - ist aber alles nicht ent
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|fernt
die Luft wie in Graubünden [über der Zeile] z. B. nur Churwalden. Ich habe mich dort nicht erholt.
Und nun sehen Sie sich bitte einmal die Karte an: wenn Sie von Berlin direct über Friedrichshafen Romanshorn gehen, ist die Strecke bis Chur wirklich nicht mehr weit. Von dort die Albulabahn ist an sich schon eine Erholung. Es gibt in der Schweiz Rundreisebillets, die glaube ich Preisermäßigung haben u. mit denen man nicht an demselben Ort zu endigen braucht, wo man anfängt. Ich würde es nun sehr praktisch finden (es brauchen nur bestimmte Km sogenannte Rundfahrt zu sein, das andre kann man doppelt nehmen): zu fahren: vom Bodensee direct nach Süden, auf der Rückfahrt das gleiche bis Sargans u. dann zurück Basel oder Schaffhausen über Zürich. - Die Mehrkosten der Reise
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| sind etwa 20 Frs. Wenn Sie dafür also etwa 3 Tage weniger lange bleiben würden, so hätten Sie doch 10 x so viel Erholung, als von dem andern.
Im Engadin ist alles so großzügig, weit, klar u. frisch - nirgend habe ich die Luft so belebend gefunden.
Und der Aufenthalt soll factisch dort auch einfacher möglich sein. Ich würde Ihnen raten, in Samadan, Hotel Bellevue, abzusteigen. Das ist klein, einfach, gut, u. sich von dort umzusehen.
Wenn Sie ein Rundreisebillet nehmen wollen (wir hatten es immer) so würde ich es Ihnen gern nach dem Kursbuch zusammenstellen. Es giebt dazu extra Büchlein mit Km Verzeichnis. Schreiben Sies nur, ich habe ja jetzt viel Zeit.
Auch wegen Gepäck u. s. w. habe ich
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| noch allerlei practische Ratschläge.
Was mir aber im Augenblick noch wichtiger ist, ist die Bitte um das feste Versprechen, daß Sie niemals auch sogenannte leichte Turen allein zu machen. Sie wissen, daß ich sonst keine Ruhe haben könnte. Nehmen Sie diese Rücksicht auf das Schwere, was ich schon erlebt habe.-
Und wie es mit meinen Plänen wird, ist leider noch nicht bestimmter, als bisher. Meine augenblickliche, ganz unprogrammgemäße Erkrankung* [li. Rand] *Ich bin aber schon relativ wieder ganz wohl. wird es vielleicht wünschenswert machen, daß ich doch gleich mit Beginn der Ferien nach Cassel gehe. Und wer weiß - ach, es geht dem Onkel so schlecht. Heut habe ich die Nachricht, daß es eine Lungenentzündung geworden ist. Wenn er es nur durchmacht!
Sollte er plötzlich sterben, so würde ich doch jedenfalls hin reisen. Allerdings könnte ich das wohl kaum vor einer
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| Woche. Ich weiß nicht woran es liegt, aber ich sehe diese schleichende Krankheit, er hat nun schon fast 4 Wochen immer Fieber, sehr ernst an. Mir ist, als könnte ich jeden Tag ein Telegramm bekommen - also zu bestimmen ist für mich da nichts u. Sie können darum keine Rücksicht nehmen. Ich werde froh u. dankbar sein, wenn ich Sie in guter Erholung weiß u. werde suchen, Sie irgendwo u. wie auf der Rückreise zu sehen, käme auch, wenn möglich in irgendein von Cassel nicht zu entferntes thüringisches Nestchen - aber irgendwelche festen Versprechen kann ich nicht geben. Keinesfalls aber bin ich länger als eine Woche im August noch hier. - Führte Ihr Weg auf der Hinreise schon über hier, so bin ich ja voraussichtlich da - aber wenn dann gerade der Onkel wirklich sterben sollte!
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| Ich weiß garnicht, was ich wünschen soll. -
Onkel ist der jüngste Brüder meines Vaters u. ich habe von je besonders herzlich mit ihm gestanden. Ich würde viel mit ihm verlieren, er war mir stets in liebevollster Weise mit Rat u. Tat ein wahrer Freund. Hoffentlich sind meine Sorgen noch einmal umsonst. -
Nun verzeihen Sie diesen so wenig erfreulichen Brief u. die arge Schmierschrift. Vielleicht können Sie doch immerhin einiges lesen!
Mit herzlichsten Grüßen an Sie u. Ihre Eltern bin ich wie immer
Ihre
Käthe Hadlich.

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Nachtrag
Ich bekam gestern das Kursbuch erst, als mein Brief schon fort sollte. Nach meinem Dafürhalten bestellen Sie also das Rundreisebillet am besten nach
               Rohrschach, Hafenbahnhof.
Da Sie über dort auf alle Fälle mit genügendem Aufenthalt fahren können.
Wenn Sie über Basel zurück fahren u. sich dort nicht aufhalten sollten, so brauchen Sie zum Durchfahren von einem Bahnhof zum anderen Coupon No:
frc.<unleserl>
78III.Basel Bad. Bhf.5 km-   ,40
- Basel Sch. B.B.
Das wird sonst mit 1 frs. angerechnet,
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<hier folgt 1 Seite Auszüge aus dem Kursbuch>
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| Ob Ihnen meine Kursbuchsucherei nun wohl was nützen wird? Über Ulm scheint mir doch am vorteilhaftesten, besonders braucht man am 2. Tage nicht so früh fort u. ist viel weniger lange unterwegs. In Chur (wir waren in den 3 Königen, einfach bürgerlich) ist es ganz interessant u. Sie könnten dort eine Weile ausruhen vor der Postfahrt. Wenn Sie von München Lindau direct nach St. Magarethen fahren, so ist es nicht so sicher für das Rückreisebillet.
Viele herzliche Grüße!
K.

Kursbuch Seite 272.
Berlin Anh. Bahnh.    7.20
Nürnberg 4.55
Crailsheim 6.10
Aalen 6.58
<unleserl.> 8.31
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Sargans ab Ulm 9.42
Friedrichshafen 11.22
Rohrschach 12.30
nach Chur 12.40
an 2.35
Seite 93. Berlin 7.20 - 8.30 München 6.07 9.39
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300 München 7.307.40 Lindau 11.27 12.36 D I u. II<unleser.> III Lindau Schiff 11.33 12.50 Rohrschach 12.23 1.35 nach Chur ab 2.40 2.36 an 2.35 4.36
Post ab Chur 2.20!! - Churwalden an 4.25 _ ab 5.40 - an 7.45