Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Juli 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Juli 1907.
Lieber Herr Spranger.
"Halt ein mit Deinem Segen", werden Sie denken. Erst schreibt sie 3 Wochen garnicht u. dann alle 3 Tage! - Und Sie haben doch "garkeine Zeit" - pardon, es ist doch wahr!! - Aber ich bin betrübt u. gekränkt, daß mein Mäppchen keine Gnade vor Ihren Augen gefunden hat, so daß Sie es nicht einmal benutzen wollen. Was soll es dann im Kasten? Da tun Sie es lieber fort. Ist es unbequem?
Doch es giebt noch Wichtigeres. Damit Sie sehen, daß ich nicht aus Prinzip "schwarz sehe", lege ich Ihnen die letzte Nachricht aus Cassel bei. - Tante ist verstimmt, daß ich ihr noch nicht schrieb, aber ich wollte
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| es nicht mit Bleistift tun, weil sie nicht weiß, daß ich krank bin u. im Liegen kann ichs nicht mit Tinte. Gestern habe ich die kurze Zeit des Aufseins benutzt, um an meinem Schreibtisch einige Zeilen an sie zu schreiben. Es war aber eine rechte Strapaze. - Da es also, wie Sie sehen, mit mir nur langsam besser geht, würde ich selbst im schlimmsten Falle in 8 Tagen noch nicht nach Cassel reisen können.
Sie würden mich also, sollten Sie schon auf der Hinreise über hier kommen, sicher treffen. Und ich hoffe auch, bis dahin soweit hergestellt zu sein, daß ich Ihnen eine erfreuliche Gesellschaft wäre, wenn ich auch noch keine Fußturen machen könnte. Aber danach werden Sie selbst kein Verlangen haben. Es würde mich sehr, sehr freuen, wenn wir uns dann also doch
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| in Heidelberg sehen würden.
Und was das weitere Reiseziel anbetrifft, so ist es mir allerdings sehr verantwortungsvoll, Ihren Gegengründen so energisch zu widerstehen. Aber ich glaube, wenn Sie ein Urteil aus eigner Erfahrung hätten, dächten Sie wie ich. Lieber die Hälfte der Zeit in bester Erholungsmöglichkeit als das Doppelte in minderwertiger Luft. Wenn Sie das Engadin gesehen hätten, die Weite u. Freiheit, gegen die engen schroffen Täler u. Kessel des Berner Oberlandes, - aber wenn es Ihnen zu weit ist, wie wäre es mit Churwalden, Parpan, Lenzerheide auf der Höhe zwischen Chur u. Tiefenkastel? Es ist ja kein See, aber alles viel größer, wohltuender als an dem eng eingeschlossenen Vierwald
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|städter See
. Und der Luftunterschied ist wie zwischen Eberbach u. Griesbach. Mir ist immer wie erlöst in solcher Atmosphäre u. das habe ich auf der ganzen Reise im vorigen Jahr nie empfunden. Im Engadin können Sie (immer 1700 m hoch) viele Stunden eben wandern, was gerade zur Erholung u. ohne Anstrengung für das Herz so gut ist. Und was machen denn bei einer so weiten Reise die paar Stunden mehr aus? Und dort haben Sie auch Seen. - Aber sonst würde ich mich unter keinen Umständen irgendwo unten ans Wasser setzen, dann immer auf die Höhe darüber, am Rigi oder Staufer Horn, oder am Thuner-Brienzer See: Bratenberg oder dergl. - Unser Rundreisebillet 1906: Schaffhausen, Zürich, Luzern, Brunig, Interlaken, Bern, Basel, hat 15 frs. gekostet.
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Aber wohin Sie auch gehen, sorgen Sie für ein Paar feste Stiefel mit dicken Sohlen. Es geht sich viel leichter auf den Steinen damit. Aber sie müssen bequem, getragen sein. Und sein Gepäck schickt man in der Schweiz so weit man will für 1 - 2 frs. per Post , aber es darf nicht über 20 kg. sein. Dann lieber 2 Kolli. Bahnfracht ist viel teurer. Wenn man an der Grenze Zeit hat, ist dies ja nach dem Zoll leicht besorgt.
Doch Sie werden mich auslachen mit meinen weisen Ratschlägen. Aber es ist doch eine alte Sache, daß man seine Erfahrungen gern für andere nützbar machen möchte!!
Aenne u. ich hoffen sehr, Ende August noch für etwa 3 Wochen nach Parpan zu kommen. Es ist so schön dort. Aber [über der Zeile] wer weiß, ob es geht! Nächste Woche verreist Aenne für 14 Tage. Da werden Sie sie kaum treffen,
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| Sie werden nämlich mit Recht unzufrieden gewesen sein mit dem ganzen Echo, das Ihr schöner Aufsatz scheinbar bei mir fand. Es war nicht so, aber ich war tatsächlich zu elend, um entsprechend zu reagieren. Ich habe ihn seitdem mit Aenne u. allein immer wieder gelesen u. mich in seinen tiefen Gehalt eingelebt. Zuerst stieß ich mich immer an dem Wort: Was tröstet, ist wahr. Umgekehrt würde ich es leichter annehmen. Jede, auch die grausamste Wahrheit ist erträglicher als Zweifel u. Ungewißheit. - Aber ich verstehe, wie Sie es meinen u. ich fühle die warme Überzeugung u. verständnisvolle Duldung aus allem.
Wie sehr Ihre Worte Erinnerungstöne in mir weckten, mögen Sie aus der beifolgenden kleinen Skizze sehen. Sie ist ja nicht entfernt von, was mir vor
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| der Seele steht u. was ich machen wollte, aber vielleicht denken Sie doch einer Stunde dabei am ersten Abend in Dresden, als wir an der Elbe wanderten u. ich mehr wie je unter der Unzulänglichkeit des Ausdrucks litt. Daß wir uns doch verstanden habe, sehe ich an Ihrem Aufsatz. - Hören Sie, singt nicht irgendwo eine Amsel? Ach, dafür hat so ein Großstädter keine Zeit. Und das ist im Grunde gut. Ich möchte niemand so viel "Zeit" wünschen, wie ich jetzt habe. Doch das wird ja hoffentlich nun bald ein Ende haben.
Und die Schreibunterlage benutzen Sie bitte - nicht mehr? Sie hat Ihnen doch so viel "Freundliches" zu sagen, u. wenn sie Ihnen eigentlich nicht
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| recht gefällt, Sie werden es bald gewöhnt sein. Ich will nicht in den Kasten - ad acta gelegt werden.
Aenne läßt vielmals grüßen. Ich grüße Ihre lieben Eltern u. Sie herzlich. Auf dem Wege der Besserung.
Ihre
Käthe Hadlich.