Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Juli 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Juli 1907.
Lieber Herr Spranger.
Auch ohne Ihre heutigen Zeilen wäre es meine Absicht gewesen, Ihnen heute zu schreiben. Erstlich lauten seit gestern die Berichte aus Cassel besser, ich lege Ihnen die letzte Karte bei. Sie können sie dann zerreißen. - Ich bin sehr dankbar, daß die schwere Sorge nun von uns genommen ist, wenn die Sache auch immer noch ernst genung bleibt. Es handelt sich um Abszesse in der Lunge. -
Und sehr froh will ich auch sein, wenn ich Sie endlich in Höhenluft u. Ruhe weiß, denn es ist wirklich fast zu viel, daß Sie bei dieser aufreibenden Arbeitslast nun auch noch so traurige u. aufregende Eindrücke hatten. Wollen Sie nun nicht einmal, wenn Sie Zeit u. Lust haben, mehr von diesem Manne u. Ihren Beziehungen zu ihm erzählen?
- Was ich heut hatte schreiben wollen,
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| trifft mit Ihren Plänen sehr gut zusammen.
Ich fand nämlich, daß es bei den langsamen Fortschritten meiner Besserung nicht in Ihrem Interesse wäre, den Hinweg über hier zu nehmen. Die Gegend ist im August dieselbe u. ob ich fort bin oder krank, u. unfähig zu fröhlichen Ausflügen, ist ziemlich gleich.
Daß Sie sich für Churwalden entschieden haben, freut mich herzlich. Wir waren in der Post (Inhaberin Fräulein Gadmer) recht zufrieden. Publikum war mäßig. Das Rothorn schien uns eher geringer. - Ehe sie sich fest binden, sehen Sie sich aber vielleicht auch Parpan, Stätzerhorn an? Wir würden das vorziehen. Für 6 - 7 Frs. kommen Sie überall dort an. P. ist 300 m höher, u. mir gefällts noch viel besser. Wenn wir, Aenne u. ich überhaupt reisen, so nicht vor Ende August. Sie sind also dort sicher vor uns!
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Engelberg ist ein Talkessel mit 3 Spaziergängen: dem unteren, dem mittleren u. dem oberen. Es ist herrlich für alte Herren, aber jemand mit lebhaften Geist soll dort verzweifeln.
Ist die Fahrt über München nicht ein Umweg? Nürnberg, Ulm scheint mir näher, aber vielleicht gibt es da keine direkten Züge? Auf der Post von Chur haben Sie 10 kg Freigepäck, (es wird alles gewogen, was man an Handgepäck bei sich hat) Sie schicken also die Sachen wie gesagt besser unabhängig per Post, weil das billiger berechnet wird, als mit der Personenpost.
Hier lege ich Ihnen nun also einen Vorschlag zum Rundreisebillet bei, für 10 frcs doch alles Mögliche. Retourbillets gelten nur 10 Tage, kombinierte Billets schließen meist unbrauchbare Sachen ein, Generalabonnement kostet 40 frcs.
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| Die Strecke bis St. Moritz werden Sie im Bedarfsfalle wohl von Tiefenkastel als Retourbillet nehmen, oder einfach u. zurück über den Julier gehen. Ach, das dächte ich mir famos. Sie sollen einmal sehen, wie Sie aufatmen da oben.
Über den Bodensee haben die Schiffe von Friedrichshafen in Rohrschach sicher Anschluß, im Rundreisebillet rechnet es aber nicht mit, doch ist die nötige Anzahl (200 km ohne doppelte Fahrt) ja beisammen. Ich hatte erst Romanshorn dazu genommen, weil ich glaubte, es wären nicht genug. Irgendwelche Abstecher können Sie ja natürlich von jeder beliebigen Station aus machen, die dann aber nicht ins Billet aufgenommen werden, sondern eventuell Retourbillets, oder dergl. sein werden. -
Für heut nur dies "Geschäftliche". Ich sitze im Garten u. freue mich der Vogelstimmen, unter denen die frischen, charaktervollen Amseln nunmal meine Lieblinge sind. Gott sei Dank hat bei uns der Lärm der Kultur diese Laute noch nicht erstickt. <Fuß, S. 3> Ich bin noch recht schwach u. habe viel Rückenschmerzen, aber es geht doch täglich ewas besser. Aenne glaubte <Fuß, S.2> schon mal wieder, ich würde eilfertig in ein besseres Jenseits abkratzen. Aber - vielleicht ist mir der Sache doch noch nicht sicher genug damit! - ? - <Kopf, S.4> Und nun hoffe ich bald einmal einen "wirklichen" Brief aus stiller "Höhe" zu bekommen. Ich hatte wohl lange keinen. <Kopf, S.1> Herzlichste Grüße u. Verzeihung für das Geschmier. In der Hoffnung, daß Ihnen meine Vorschläge nützen.
Ihre Käthe Hadlich.

<Text der dem Brief beigefügten Karte an Käthe Hadlich>
Cassel 4. July 07.
Liebe Käthe! Heut kann ich aber Gutes über das Befinden des Onkels schreiben. Er hat eine gute Nacht gehabt und heut gar keine Fieberneigung. Daß er sich sehr schwach fühlt ist wohl nur natürlich. Sonnabd. werden die Sachen nach Villa Heinrich* [Kopf] *Wilhelmshöhe in der Steinhöferstr. (noch etwas höher als Villa Fiedler) gebracht, damit der Onkel nächste Woche hinauf kann. Das Wetter scheint nun ja viel günstiger zu werden, so daß man alle Hoffnung hat, daß sich nun alles gut gestalten wird. Wie geht es mit Deinem Befinden? Hoffentlich auch besser. Von uns allen Herzliche Grüße.
Deine M.

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Nachtrag
Ich bekam gestern das Kursbuch erst, als mein Brief schon fort sollte. Nach meinem Dafürhalten bestellen Sie also das Rundreisebillet am besten nach Rohrschach, Hafenbahnhof. Da Sie über Basel zurück fahren u. sich dort nicht aufhalten sollten, so brauchen Sie zum Durchfahren von einem Bahnhof zum anderen Coupon No: 78 |III.| Basel Bad. Bhf. - Basel Sch. B.B. |5 km| - | ,40 Das wird sonst mit 1 frs. angerechnet,
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<hier folgt Seite aus dem Kursbuch>
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Ob Ihnen meine Kursbuchsucherei nun wohl was nützen wird? Über Ulm scheint mir doch am vorteilhaftesten, besonders braucht man am 2. Tage nicht so früh fort u. ist viel weniger lange unterwegs. In Chur (wir waren in den 3 Königen, einfach bürgerlich) ist es ganz interessant u. Sie könnten dort eine Weile ausruhen vor der Postfahrt. Wenn Sie von München Lindau direkt nach St. Magarethen fahren, so ist es nicht so sicher für das Rückreisebillet.
Viele herzliche Grüße!
K.
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