Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Juli 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Juli 1907
Mein lieber "deportierter Gauner"!
Dank für die endliche, definitive Nachricht. Es freut mich sehr, daß meine Vorschläge Ihnen nützlich sein konnten, das kann man beim besten Willen nicht immer wissen! Möchte nun der Himmel auch seinen Segen in Gestalt von gutem Wetter dazu geben, u. Sie sich in meinem lieben Churwalden recht, recht erholen. Hoffenlich läßt Sie eine bessere Einsicht auch morgen nicht in Friedrichshafen hängen bleiben, sondern bis Rohrschach gehen. Zoll wird auf dem Schiff revidiert u. alles andre müssen Sie doch auf Schweizer Boden ordnen. Leider kann ich Ihnen diesen "Ordre" nicht mehr zukommen lassen. Kommen Sie sich so sehr gemaßregelt vor?! Ich bin, wirklich ganz stolz, daß Sie mir mal folgen!
Das tröstet mich auch darüber, daß ich mir in der letzten Zeit wirklich etwas schlecht
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| behandelt vorkam, wenn ich mir auch mit dem Verstand sagte, daß Sie eben freilich garkeine Zeit u. Gedanken für mich haben konnten. Aber wenn man krank ist, wird man anspruchsvoll u. ungeduldig. Da sind die Tage so lang. Jetzt ist nun auch Aenne u. ihre Mutter fort - denken Sie, auch heute in Stuttgart! - u. ich muß, mit allerlei Hilfe von guten Freunden wieder versuchen, für mich selbst einzustehen.
Zum Glück sind die Nervenschmerzen jetzt so viel besser, daß ich mich ziemlich frei bewegen kann. Sie hätten nun mal sehen sollen, mit welcher Würde ich bisher noch ging, es hätte Ihnen sicher imponiert.
Heut morgen mußte ich nun doch in die Stadt, da habe ich gleich die Pappkästchen für Sie besorgt, u. warte nun nur auf die Adresse, um sie abzuschicken. Diesen Brief lasse ich auf gut Glück nach Churwalden gehen. Vielleicht kann er Sie dort begrüßen! Im Grunde bin ich überzeugt, daß Sie die Blumenkästchen
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| auch in Ch. bekommen, das gibts in all diesen Schweizer Nestern. - Ich glaube, wenn Sie über die Wiesen hinter der Post nach Pradaschir zu gehen, werden Sie auch Enzian finden. Nein - ich möchte das sehen können: der Philosoph auf der Blumensuche! In den Kästchen sind stillschweigend gute Wünsche für Paulsen u. Ihren l. Vater mit drin. Hoffenlich gehen sie alle in Erfüllung.
Und nun erzählen Sie mir bald von allem was Sie angeht: wie es Ihnen gefällt? ob Sie auch die Wohltat der Höhenluft wie eine momentane Befreiung fühlen? ob sie gut schlafen? - u. vor allem was in der Hast der letzten Wochen unterging.
Aus Cassel hatte Aenne noch einmal Nachricht im gleichen Sinne wie die letzten. Möge es weiter so gehen. -
Ihnen aber möchte ich noch raten, nicht gleich wie ein Automobil loszusausen, sondern die ersten Tage sich recht in Ruhe zu akklima
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|tisieren. Im ganzen glaube ich, daß ich Sie ohne Bedenken in den Churwaldner Bergen wissen kann. Aber es wäre mir doch eine Beruhigung, wenn Sie mir das gewünschte Versprechen, keine eigentlichen Bergtouren zu machen, u. besonders nie allein, geben wollten. Finden Sie nicht, daß Sie das wirklich für mich tun könnten?
Ich schreibe noch immer mit dem Stift, da mirs im Liegen so viel bequemer ist, u. das gebückte Sitzen am Tisch nur Schmerzen macht. Hoffentlich können Sie es doch lesen. Es steht ja nicht viel drin! Umso mehr hoffe ich in einigen Tagen von Ihnen zu hören u. recht Gutes!
Ist der Calanda bei Chur nicht ein herrlicher Berg? Eigentliches Hochgebirge mit wenigem Schnee gibt es ja dort nicht, aber vielleicht ist dies wohltuender. Grüßen Sie die grünen Abhänge u. feintönigen, schroffen Höhen, u. wenn Sie wollen, grüßen sie auch Frl. Gadmer von uns (Ada Thönes, Frl. Lade, Frl. Brambach werden ihr auf die Fährte helfen) u. die hübsche kleine Nichte auch, wenn sie noch bei ihr ist. Ihnen sendet zum Willkommen herzlichste Grüße u. Wünsche
Der Reiseführer!