Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Juli 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 15. Juli 1907.
Lieber Herr Spranger.
Ich weiß, Sie entschuldigen es, wenn ich noch immer lieber mit dem Stift schreibe. Es ist mir so sehr viel bequemer u. ich bin nun einmal grenzenlos faul.
Wie traurig macht mich das alles, was Sie mir heute schreiben. Könnte ich doch nur irgend etwas für Sie tun! Darf ich Ihnen wenigstens brieflich ein wenig Gesellschaft leisten, oder ist es Ihnen lieber, man läßt Sie in Ruhe? Dann lesen Sie's ein andermal. Ich warte nicht auf Antwort, wenn Sie auch wissen, wie gern ich von Ihnen höre. - Unaufhörlich beobachte ich den Himmel u. möchte diese schrecklichen Wolken bannen können. Wenn sie doch dann alle hier bleiben u. Sie es schön hätten! Ist es wenigstens bei Ihnen auch zwischen durch klar? Sie müssen eigentlich bei jedem Sonnenstrahl merken, daß ich ihn mit dringenden Wünschen zu Ihnen schicke.
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Daß auch alles bisher so schief ging. Wären Sie doch lieber über hier gefahren. Dann hätte es mit dem Rundreisebillet geklappt u. das hätte die Kosten von Osterburken sicher wieder eingebracht. Aber diesen äußerlichen Mißgeschicke sind mir mal weniger wichtig, als der ganze Ton Ihres Briefes, der sich wie kalter Nebel über mich legt. Kann ich Ihnen denn gar nicht helfen? Ist sogar die Wahl des Aufenthaltes verfehlt? Verlieren Sie bitte nicht gleich die Geduld. Es muß doch endlich besser werden, das Barometer steigt, u. dann ist Churwalden wirklich schön. Und bei dieser trüben Kälte an den düsteren Felswänden des Vierwaldstätter Sees zu sitzen, ist kaum empfehlenswerter. Da oben bei Ihnen ist es doch frei u. luftig, u. wenn es nur die Luftveränderung wäre, es tut doch gut. Können Sie denn nicht ein Zimmer mit Ofen bekommen? Es giebt welche, das weiß ich. Wir hatten damals einen, aber das Zimmer ging nach der andern
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| Seite des Hauses u. war nicht empfehlenswert, denn es hatte den Anbau mit dem "Örtchen" in der Nähe. -
Alle dann u. wann scheint mir ein bleichsüchtiger Sonnenstrahl aufs Papier, aber eine Aussicht auf wirkliche Besserung ist nicht da. Auch für Cassel ist das so sehr ungünstig.
Gestern benutzte ich meinen einsamen Sonntag, um mal wieder an Hans zu schreiben. Er ist zugänglich für mein gutes Zureden u. vielleicht kanns ihm ja helfen. Wenn ich da so versuche, Lebensmut u. Zuversicht weiter zu geben, kommt es mir immerrecht zum Bewußtsein, wie unendlich viel ich Ihnen verdanke. Bei so manchem müßte ich eigentlich hinzusetzen: sagt Spranger. - Denn, wenn es mir auch gefühlsmäßig entspricht, Klarheit u. Sicherheit, die Fähigkeit des Ausdrucks hat es für mich durch Sie darum glaube ich auch eigentlich nicht, daß Fechner "mein Philosoph" ist, trotz mancher
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| trennender Eigenart unserer Naturen erscheint er mir innerlich fremder. Wie weit u. reich ist die Welt, die Sie mir geöffnet haben!
Bedauern kann ich nur, daß mein Brief des Naturlebens Ihnen so wenig sagen kann. Warum muß denn eins das andre ausschließen? "Die Himmel rühmen des Einzigen Ehre - " warum wollen wir nicht auch diese Sprache verstehen?
Aber ich weiß, dazu muß die Seele frei sein, u. Sie sind müde. Daß es uns doch immer so schwer gemacht wird mit unsern ungenügenden Körperkräften. Ich bin froh, wenn Sie der Erschöpfung nachgeben u. völlige Ruhe suchen. Aber daß Sie es wieder so weit kommen ließen mit der Überanstrengung, macht mir große Sorge. - Ob Sie dem Direktor nicht zu viel Ehre antun, wenn Sie sich von seinem Mangel an Charakter bedrücken lassen? Er nützt Sie aus, davon bin ich überzeugt, aber
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| im Grunde ist ihm Ihre geistige Überlegenheit unbequem. Ich glaube, Sie halten sich am besten an das, was Ihnen der Unterricht an persönlichem Gewinn bringt u. nehmen die "höhere Leitung" als notwendiges Übel in Kauf.
- Von Aenne hatte ich aus Stuttgart u. jetzt aus Würzburg Nachricht. Es ist viel Unruhe, innerlich u. äußerlich u. sie hatte doch eher Ruhe gebraucht. Ich vermisse meine liebe Pflegerin, aber es geht ja auch wieder ganz gut in der Selbstständigkeit. Was mir gefehlt hat? Ja, Sie sind ja kein Mediziner, mein lieber Herr Dr., nicht mal ein halber, wie ich, da werden Sie auch nicht klüger, wenn ich Ihnen sage, daß es der Dr. selber nicht recht weiß. Es war eine Venenentzündung oder dergl., mit der ich mich schon seit Himmelfahrt hinzog, u. die nun zu einem recht heftigen Ausbruch kam. Schattenseiten sind viel Schmerzen u. große Schwäche. Es sind doch jetzt
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| schon über 3 Wochen u. die Sache ist noch nicht eigentlich abgelaufen, wenn auch gebessert.
Ich muß viel Geduld haben u. da ist es so doppelt niederdrückend, wenn man auch noch von allen Seiten trübe Nachrichten bekommt. Aber besser ist es doch, als garkeine. Und ich habe mir überlegt, daß ich wahrheitsgemäß meine anfängliche Versicherung, nicht zu warten, zurücknehmen muß, u. Sie lieber bitten will: schreiben Sie mir Karten, ich beanspruche ja keine Briefe, aber recht oft eine Karte mit getreuem Bericht, daß ich mich wenigstens nicht auch noch umsonst beunruhigen muß. Eine übrig gebliebene vom vorigen Jahr schicke ich mit. Wer weiß, ob ich sie brauchen werde u. mit Ihrer Schrift ist sie mir lieber.
Kann ich Ihnen sonst irgend etwas schicken? Schreiben Sie es nur, was ich kann, tue ich so gern. Und darum müssen Sie auch
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| nicht von "Güte" reden. Wie kann das Güte sein, was eine Freude ist? Fragen Sie Schiller! Nein; es ist mir ein wirkliches Glück, wenn Sie in dem schönen Gefühl selbstverständlicher Zugehörigkeit es sich freundlich gefallen lassen, wenn ich mal etwas für Sie tun kann. Es ist sehr selten möglich.
Für heut kann ich Ihnen nun nur noch viel herzliche Grüße schicken. Inhalt hat der Brief keinen, denn der Kopf ist hohl - - aber das Herz ist warm! Also seien Sie nachsichtig mit dem Prädikat, mein lieber Schulmeister!
Geben Sie sich recht viel Mühe, sich zu erholen u. benutzen Sie jede gute Stunde. Wann werden Sie mal nach Parpan gehen?
Treulich
Ihre
Käthe Hadlich.