Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Juli 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Juli 1907.
Lieber Herr Spranger.
Sie haben wohl keinen Brief mehr erwartet, aber da kann ich Ihnen nicht helfen. Es ist nun einmal gerade noch Zeit u. ich möchte also die 20 cf an Sie wenden! - Ihre Auseinandersetzung im letzten Brief über das "Religiöse" war mir gerade in diesem Moment wie eine Antwort auf eigne Gedanken. Ich hatte auf das Couvert Ihres Briefes geschrieben: was ist Religion? u. da kam von selbst Ihre Erwiderung. In dieser wird es mir viel leichter eine Übereinstimmung mit dem eignen Denken zu finden, als bei dem Aufsatz
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| in der christlichen Welt. Das erscheint mir viel mehr als der impulsive Ausdruck einer augenblicklichen, subjektiven Stimmung, die Sie selbst nicht in dieser Schärfe festhalten werden. Oder ist die veränderte Ansicht des letzten Briefes nur eine unwillkürliche Konzession an mein Verständnis?
Wie sehr die tiefe Empfindung, der jener Aufsatz entsprang, auf mich wirkte, in wie hohem Grade ich mich hineinleben konnte, hat Ihnen wohl die kleine Erinnerungsskizze damals besser als Worte gesagt. Aber es kommt mir vor, als wäre das mehr ein persönliches Eingehen, als ein unwillkürliches, in der Sache liegendes Anklingen. Es war mir, als müßte ich erst durch eine hindernde Schicht mir unzu
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|gänglicher Worte, um den auch für mich lebendigen Kern zu finden. In Ihrem letzten Brief aber gehen Sie selbst auf diesen Grund zurück. Hier finde ich nichts was mir nicht unmittelbar entspräche. Ob ich da nur ein ungenaues Wortverständnis habe oder ob Sie wirklich das sagen wollen, was ich meine?
Wenn Sie sagen: " -- Die Wurzel, aus der das Religiöse emporwächst, aber als hoffnungs- u. blütenlose Pflanze, wenn man das Problem auf dem Boden der Vorstellung, statt auf dem der Werte zu lösen hofft. --", so kann ich damit nur völlig übereinstimmen. Die Vorstellung, das Symbol unter dem wir diese Erfahrungen zum Ausdruck bringen, bleibt ein Unzulängliches,
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| u. diese äußere Form ist niemals fähig den Inhalt zu übermitteln, den eben jeder selbst hinein tun muß. Die Kirche aber gründet sich auf das Symbol, das Dogma.
Der Glaube der "individuellen Religiosität" aber ist es, daß dieser Inhalt u. diese Werte in jedem Leben offenbar werden könne, daß sie allein fähig sind, das Leben zu tragen u. daß sie auch in dem hemmenden Kampfe des Realitätszusammenhanges stets ihren Ewigkeitsgehalt bewähren. Ob für mich in dieser Gewißheit der Wille eines persönlichen Gottes oder das immanent Göttliche zum Ausdruck kommt, ist meinem Gefühl nach äußerlich u. hat mit der Tiefe des religiösen Empfindens nichts zu tun. Der Dogmengläubige wird leicht am
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| Worte haften, der aber, dessen Seele Teil hat an der unsichtbaren Welt ewigen Lebens, wird es in jeder Form erkennen. Dieses persönliche Verhältnis zur schaffenden Kraft des Lebens ist, meine ich, Religion, nicht irgend ein überlieferter Glaubensartikel, u. ihr Gehalt besteht in der Weite u. Gewißheit, mit der sich dem Gefühl der höchste Sinn des Lebens kundtut.
Das ist nun mal wieder sehr unwissenschaftlich u. - unkirchlich. Ich kann aber so wenig gegen meine Natur, wie Sie. Die "abgelagerte Steinweisheit" der Kirche blieb für mich tot, bis aus der eignen Lebenserfahrung ein Licht hinein fiel, das vieles davon
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| als Edelsteine erglänzen ließ. Ist es da ein Wunder, wenn ich das Licht noch mehr schätze, als den Reflex? Aber ich weiß recht gut, daß dieses Licht nicht mein eigenes ist; ich bin nur, was ich ererbte von den Vätern.
Wann werden wir über all dies reden können? Hoffentlich heute in acht Tagen. Wenn Sie sich doch recht erholt hätten! Sie schreiben garnichts davon.
Die Wohnung von Ruska, der Lehrer an der Ober Realschule ist, habe ich noch nicht ergründet. Sie ist in Neuenheim.
Wenn Sie Troeltsch einmal persönlich kennen lernten, würde ich mich freuen. Ich bin sehr begierig auf Ihren Eindruck von ihm.
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Nun ists aber schon recht spät am tage u. ich will schließen. Ich freue mich unendlich aufs Wiedersehen. Möge bis dahin alles gut gehen. Aenne erholt sich langsam, mir geht es viel besser. Aber die Reise ist doch sehr erwünscht. Es ist si hübsch, daß Sie uns ein so feines Zimmer besorgt haben. Wenn Sie nur nicht so viel Mühe davon gehabt hätten. Ich würde Sie wohl nicht darum gebeten haben, wenn ich das gedacht hätte.
Hoffentlich bleibt das Wetter noch gut, daß Sie noch recht angenehme Eindrücke mitnehmen. Aber unsre sanften Hügel werden Ihnen recht unbedeutend erscheinen nach den
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| Dimensionen, an die Ihr Auge jetzt gewohnt war. Schade, daß ich garnicht weiß, was Sie nun eigentlich vor haben. Schicken Sie mir nur noch mal eine Karte!
Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Käthe Hadlich.

Gelt, der Brief ist keine 20 cf wert - na, das hilft uns nichts mehr!