Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 07. August 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. August 1907.
Lieber Freund.
Eben erst trennten wir uns nach wunderbar schönen, inhaltsvollen Stunden u. doch kann der Wunsch der Mitteilung kein Ende finden. Ich weiß, daß Sie wie ich die Tiefe empfinden, in die Worte niemals hinabsteigen u. in der uns gleichwohl tausend geheimnisvolle Fäden des Verständnisses, des Mitfühlens verbinden. Ich möchte nie versuchen, das auszusprechen, es wäre mir wie Entheiligung. Hier will ich
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| nicht reflektieren, nicht begreifen, hier lebe ich mit einer Intensität, wie wohl nirgend sonst. Dennoch ist es kein willenloses Sich-treiben-lassen, sondern bewußtes Gestalten - in dem sehnlichen Wunsche, daß dies Alles, wie es mir ein unverlierbares Glück bedeutet, auch Ihnen in dem bewegten, kämpfereichen Leben eine Zuflucht, eine klare Quelle der Ruhe u. Kraft -- eine reine, stille Höhe wie der geliebte Dilsberg - bedeute.
Ob das in der harten Wirklichkeit ein Bleibendes sein kann, ich weiß es nicht. Aber daß es in seiner Wesen
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|heit ewig sein kann, u. daß dies in unserem Willen liegt, das weiß ich. Es ist wohl nicht so ganz häufig, daß auch hierin nie der Hauch eines Zweifels zwischen uns stand.
Wenn es in andrer Richtung Zeiten der Unsicherheit für mich gab, so sind sie jetzt überwunden. Ich weiß jetzt, daß ich Persönlichkeit genug habe, um sie behaupten zu können; daß ich diese geistige Physiognomie nicht austauschen kann, ebensowenig wie ich es mit meinem Gesicht könnte. Aber wie der Ausdruck sich verändert, so ist doch auch dies geistige Wesen nicht unbeweglich, u. so weit
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| stehe ich bewußt u. freudig unter Ihrem Einfluß. Sie wissen nicht, wie viel Bereicherung ich Ihnen danke. Es haben aber auch wenig Menschen so viel zu geben wie Sie.
Ich aber möchte auch etwas zu geben haben u. da wähle ich naturgemäß etwas, was mir wertvoll u. lieb ist: freilich auch eine Münze, aber eine, die mir mein Vater schenkte. Vielleicht haben Sie eine solche noch nicht? Ich erinnere mich leider nicht genau an den Bestand Ihrer Sammlung.
Sie wünscht Ihnen Glück auf den Weg u. daß Erfolg Sie kröne.
Wie immer
Ihre
Käthe Hadlich.