Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. August 1907 (Parpan)


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Parpan. 14. Aug. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Es ist hier so eine grenzenlose Faulheit über mich gekommen, daß wenig Aussicht zu einem halbwegs vernünftigen Briefe ist. Nur malen möchte ich den ganzen Tag, so entzückt bin ich wieder von der hiesigen Gegend. Ich kann garnicht begreifen, wie Ihnen diese Natur nicht gefällt.
Unsre Karten haben Ihnen schon gesagt, daß wir allenthalben Ihrer gedenken, daß wir täglich dankbar sind für das schöne Zimmer, das Sie uns besorgten, daß es uns gut geht u. daß wir uns mit Macht erholen. Ich fühle, daß das stille Herumliegen in der Sonne, ohne großen Tourenehrgeiz für mich viel dienlicher ist. Churwalden gestern war eine "Leistung" u. heut waren wir auf Aennes dringenden Wunsch
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| vormittags in Lenzerheide, aber sie versprach mir auf dem Rückweg mindestens 3x daß sie mich zu solchen Strapazen nicht wieder nötigen wolle. Wir hatten den Hinweg abseits von der Landstraße auch mit allerlei Umwegen gemacht, so daß wir ziemlich den ganzen Morgen gelaufen sind. Ich kann das komischerweise nun mal nicht so recht vertragen, seit ich krank war. - Aber sonst ist alles so zum Erholen gemacht wie nur möglich, u. diese Luft! Wir sitzen hier im Garten ganz still unter den Fichten am Ende u. freuen uns der Stille u. Ruhe. Das wäre doch gewiß auch noch schöner für Sie gewesen, als Churwalden. Das Hotel ist entschieden um mehrere Grade besser, man fühlt sich höchst behaglich darin. Auch die table d`hôte aus mehreren Tischen ist erträglich. Es sind viele Schweizer mit allerliebsten, gut erzogenen Kindern, alle ziemlich re
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|serviert u. wir auch! -
Gelesen habe ich bisher noch garnichts, nicht einmal Ihre Recension. Ich bin zu stumpfsinnig. Aenne, die mich immer unterhalten möchte, kann das garnicht begreifen. Aber ich finde es so wundervoll, ganz still auf der Erde zu liegen, bald die herrlichen Linien der Berge, bald die grünen Matten, bald das kleine Leben auf dem Boden u. in der Luft ringsum zu beobachten, sich von der Sonne anscheinen zu lassen u. sich still glücklich seines Lebens zu freuen. -
Grauenhaftes Vegetieren - nicht wahr?! - Ihre Churwaldener Bekannte haben wir leider noch nicht zu sehen bekommen, ich weiß zu meinem Bedauern auch garnicht, wie man es machen sollte. Gestern Abend saß sie vermutlich vor dem betreffenden Hause, aber es waren allerlei Menschen darum u. man konnte nicht mehr deutlich genug sehen, um sie zu erkennen.
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| Wie wundervoll sind auch die Abende hier. Diese absolute Stille, die man förmlich hören kann, nur hie u. da in der Ferne ein verschlafenes Glockenläuten, das stete, leise Rauschen der Brunnen, weit, weit ein Fuchsschrei, der in seiner Urwüchsigkeit etwas so Lebensfrohes hat - u. dann wieder alles still, wie die ernsten Felsen u. die funkelnden Sterne da oben. Ich glaube, dieses selbstvergessene Genießen gehört auch mit zu dem "rein Aesthetischen" das Ihnen nicht liegt. Aber ich weiß nicht, ob man es darum äußerlich oder leer meinen darf, weil es auf keinem geistig geformten Grunde ruht. Es ist das unmittelbare Empfinden einer Harmonie, die der Seele wohltut u. sie erhebt. Und da wird alles wach, was in unserm Leben an verwandten, reinen Tönen anklingt. Das ist natürlich nicht die Stimmung, auf der der Alltag steht, aber man nimmt doch aus diesen Höhen Kraft u. Freudigkeit auch
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| in ihn hinüber. Das wissen Sie ja auch!

15.8. - Wie mag es nun wieder in der Schule sein? War der Direktor ordentlich? Sind die Kinder noch etwas in Ferienstimmung? Das werden Sie ihnen bald vertreiben. Ist Luise Menz etwas erholt? - Dies Gefrage ist schrecklich, nicht wahr - so machts aber immer die Aenne mit mir, also muß ich mich doch irgendwie rächen.
Auf Ihren Aufsatz für "Die jungen Lehrer" freue ich mich sehr. Möchte er doch recht viel wirkliches Verständnis finden. Ich glaube wohl, daß Ihre Arbeiten niemals leicht zu lesen sind, man muß immer selbst mitarbeiten, sonst kommt man nicht hinein; aber dann sind sie auch von einer Weite des Inhalts, die mich immer wieder erstaunt. Und ich sollte das doch eigentlich jetzt wissen!
Wie freue ich mich, daß Sie sich so erholt u. arbeitsfroh fühlen. Seien Sie nun aber doch auch recht vernünftig u. halten Sie
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| Haus mit den Kräften. Sie tun ja niemand einen Gefallen damit, wenn Sie so ungestüm drauf losstürmen. Sich selbst u. Ihren Zielen am wenigsten. Denn Sie wissen es ja, hier von den Bergen u. - vom Dilsberg: ruhig u. langsam kommt man unmerklich u. sicher zur Höhe.
Wir sind - um vom Allgemeinen aufs Besondre zu kommen! - wieder sehr befriedigt von den Nagelschuhen. Wenn Sie mal wieder in die Berge gehen, müssen Sie es auch versuchen. Aenne war zunächst auch skeptisch, u. ist jetzt ganz erstaunt, wie leicht u. sicher man damit geht. Dabei machen wir doch garkeine eigentlichen Touren. Ich glaube nicht, daß wir aufs Stätzer Horn kommen, ich halte es für eine unnötige Anstrengung in der kurzen Erholungszeit. Und ich sitze so viel lieber auf irgendeinen Stein u.
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| male. Wo man geht u. steht, ist es zum Entzücken schön. Ich bin ja garnicht zufrieden mit den Produkten, aber lassen kann ich es nicht. Es ist, wie Hermann als Kind vom Weinen sagte: ich male nicht, es malt!
Anfangs habe ich ein bißchen für diese Malfreiheit kämpfen müssen, denn Aenne möchte natürlich, daß ich bei ihr bin. Und mir ist, wie Sie wissen, solch unaufhörliche Zweisamkeit etwas schwer zu ertragen. Ich bin dann reizbar u. grob, aber jetzt ist Aenne wieder zufrieden mit mir.
Eben schreiben wir beide an einem Tisch in dem Wäldchen, nahe beim Hause. Aber dazwischen mußte ich mal wieder ein Skizzchen machen - der Calanda war zu schön. Es ist so das rechte Schlaraffenleben, dabei immer herrlicher Sonnenschein.
Nach Tisch. Schluß! Als wir vorhin in unser hübsches Zimmer kamen, lag eine Karte
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| von Frl. Schilplin auf dem Tisch. Das ist aber ungemein liebenswürdig. Ich hatte nach Ihrer Warnung nicht den Mut gehabt, zu ihr ins Haus zu gehen. Jetzt will ich es aber natürlich versuchen, sie zu treffen.
Aenne versichert täglich, es wär hier die idealste Sommerfrische, die man sich denken kann u. ich stimme ihr ehrlich bei. Man fühlt ordentlich, wie man kräftiger wird.
Wann werden Sie wohl endlich diesen Brief bekommen? Es kommt mir vor, als wäre es schon so lange her, daß Sie in Heidelberg waren, u. heut vor acht Tagen sind Sie doch erst abgereist. Aenne läßt Sie herzlich grüßen, ebenso ich Ihre Eltern. Es freut mich, daß die Biscuits Anklang fanden, sogar bei Ihrem Herren Vater.
Hoffentlich haben Sie keine arge Hitze mehr in Berlin, daß die frische Höhenluft noch recht lange nachwirkt. Die blühende Heide grüßt Sie von
Ihrer Käthe Hadlich.