Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. August 1907 (Parpan)


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Parpan. 25. Aug. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Sie haben zwar garkeine Zeit u. schätzen "besonders" die Karten, die man Ihnen schickt, aber ich habe ja so viel Zeit hier u. es ist ohnehin das letzte Mal, daß Sie einen Brief von hier zu sehen bekommen. Er wird schnell gelesen sein, denn ich muß mir eigentlich selbst sagen, daß er kaum einen Inhalt von Interesse haben kann. Am Donnerstag, spätestens Freitag reisen wir dann ab, ob über Thusis ist noch zweifelhaft u. hängt vom Befinden ab. Es war doch oft recht kühl u. wohl infolgedessen habe ich in den letzten Tagen wieder ziemlich viel Schmerzen. - Aber sonst ist unsere Freude an dem hiesigen Aufenthalt immer die Gleiche. Wir machen garkeine weiteren Wege, aber auch in der Nähe ist für uns Abwechslung genug. Immerfort wechselt die Form der sich voreinanderschiebenden Berge, wechselt Farbe u. Stimmung u. die schöne Bildung der Wolken auf dem tiefblauen Himmelsgrunde. Ich könnte einen ganzen Sommer hier oben sein u. würde nicht müde,
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| zu bewundern. Gestern waren wir in dem Wald nach dem Pavillon, dem Wege nach Arosa zu. Ist das eine Pracht, wie im Märchen. Diese himmelaufstrebenden Baumriesen, gerade u. fest wie ein freier klarer Gedanke in ihrer ungebrochnen Kraft, u. in dem Schatten u. Schutze dieser ernsten düsteren Stämme das goldig grüne Moos auf uralten Felsen, auf gestürzten Stämmen - u. bei den Lichtungen, den Quellen eine Fülle üppiger Blüten. Wild u. geheimnisvoll u. doch voll reicher Schönheit ist das traumhafte Genießen dieser zauberhaften Waldesnacht. Man würde es nur selbstverständlich finden, die Elfen in dieser menschenfernen Stille tanzen zu sehen.
Es war mir eine Freude, hie u. da einen Farbeneindruck festzuhalten u. er wird mir später eine liebe Erinnerung sein. Wirklich mit Befriedigung arbeiten kann ich leider nie, dazu reichen die Fähigkeiten nicht.
Wie freu ich mich aber, wenn Sie mir schreiben, daß sie mit Freude u. Erfolg tätig sind. Es
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| giebt ja doch nichts Schöneres, als seine volle Kraft für ein erstrebtes Ziel einsetzten zu können. - Wilhelm v. H. in seiner ausgeglichnen Menschlichkeit beschäftigte mich gerade in diesen Tagen lebhaft. Sie wissen, daß ich den Fragen, die Sie theoretisch durchleuchten, immer nur mit dem allgemein menschlichen Empfinden gegenübertreten kann. Der Grund dazu war ein Erlebnis, mit dem ich eigentlich noch nicht so ganz fertig innerlich bin. Äußerlich liegt einmal wieder so gut wie nichts vor, u. der Grund ist schließlich nur mein Temperament. Zu erzählen ist die Sache recht schwer, denn es könnte leicht in meinen Worten Kritik oder dergl. für jemand anderes liegen, was ganz unberechtigt wäre. -
Wie Sie aus unserer Karte neulich erfahren, haben wir Frl. Schilplin wirklich getroffen u. waren seitdem mehrfach mit ihr zusammen. Es war so liebenswürdig von ihr, uns zuerst aufzusuchen u. als wir tags darauf mit ihr einen kleinen Spaziergang machten hatten wir den Eindruck einer klugen, vielseitigen, lebhaft empfindenden Persön
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|lichkeit, die [über der Zeile] sich zu ausgeglichner Ruhe u. selbständigem Frieden durchgekämpft hat, ohne darum in sattes Selbstgenügen zu verfallen. - Ich war ja durch das, was Sie mir berichtet hatten, mit dem günstigsten Vorurteil an die Dame herangegangen, aber auch Aenne stimmte diesem Urteil bei. Es hat sich nicht bewährt u. ich bin jetzt in unklarem Zwiespalt zwischen dieser liebgewordenen Illusion u. der Wirklichkeit, die zu ergründen mir nun wohl keine Gelegenheit mehr bleiben wird, da die Betreffende morgen schon abreisen wird. Es tut mir das alles so leid, denn ich kann so nicht zu einer unbefangen gerechten Würdigung, weil mich jede Ernüchterung von der unberechtigt idealistischen Voreingenommenheit schmerzlich enttäuschte.
Heut ist ein wundervoller Sonntag, in der Sonne fast heiß, aber das ist nur Täuschung, denn die Luft ist immer kühl. Wie froh sind wir über das Zimmer, in dem wir jeden Sonnenstrahl bekommen, der überhaupt im Laufe des Tages in dieses Tal fällt. Könnten
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| Sie doch mal Ihren Spaziergang statt in Tegel nach hier machen u. sich überzeugen, wie sehr wir die Folgen Ihrer Fürsorge genießen. Sie bekämen auch eine Tasse guten selbstgekochten Kaffee mit Kuchen aus Churwalden!! Ich bin jetzt auch allmählich wieder etwas geistig aufnahmefähiger u. habe endlich Ihre Besprechung über Euckens Religionsphilosophiegelesen, mit großem Interesse. Ich werde mich jetzt die wenigen Tage des Hierseins noch gründlich damit beschäftigen. - Ob ich wohl vorher noch einmal von Ihnen hören werde? Sollten Sie keine Zeit haben, mir bis spätestens Dienstag noch eine Karte zu schreiben, so erreicht mich fürs erste keine Nachricht mehr. Spätestens Sonntag Abend sind wir aber dann in Heidelberg. Die Zeit ist uns schnell verflogen, aber wir hoffen doch, eine gute Erholung davon mitzunehmen. Wir haben wirklich nur der Gesundheit gelebt u. sehen beide viel besser aus. Aenne muß dann wieder in ihr bewegtes pflichtenreiches Leben; ich hoffe doch, etwa den
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| 4. oder 5. Sept. noch auf kurze Zeit, nach Cassel zu gehen. Noch habe ich aber keine Antwort, ob u. wo ich dort etwa als Besuch erwünscht bin.
Daß Ada Thönes diesmal den Schwarzwald vorgezogen hat, tat uns leid. Schrieb ich Ihnen, daß sie mit einer Freundin in - Freudenstadt ist?
Von Cassel höre ich außer kurzen Kartenberichten nichts. Wenigstens sind es leidlich gute Nachrichten, die man mir schickt. Von Hermann habe ich noch keine Antwort auf die Geburtstagsgratulation. Wie froh wird er sein, wenn er endlich das Militärjahr hinter sich hat. - Was ist nun mit Paulsen? War die Besserung doch nur scheinbar? Meinem Onkel scheint es auch immer noch wenig gut zu gehen. Er hat garkeine Kräfte mehr.
Schreiben Sie mir nur von sich u. den Ihrigen Gutes! - Sehr leid tut mir die Sache mit L. M.! Ich kann mir denken,
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| wieviel unnötiger Kummer dem Kind mit dieser Gewalttat verursacht wird. So gewaltsam aus dem Boden gerissen, in dem sie gern wurzeln wollte! Möge sie es ohne bleibenden Schaden überwinden.
Doch für heute genug. Mit Grüßen von Aenne an Sie u. von mir an Ihre lieben Eltern u. Sie bin ich in herzlichem Gedenken
Ihre Käthe Hadlich.