Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 03. September 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Sept. 1907.
Lieber Freund.
Nun sind wir also wieder hier nach drei schönen, erfrischenden Wochen. Wie lebhaft erinnerten mich die Räume an die letzten Eindrücke vor der Reise durch Ihren lieben Besuch. Und welch reizende Idee war es, daß Sie mich hier mit den schönen Worten Wilhelms v. Humboldts empfingen - (vom 31.8. von Berlin u. hier gestempelt!). - Sie haben sich eine so große Mühe mit dieser Abschrift gemacht, u. Ihre Zeit ist doch immer so ausgefüllt - aber die unerwartete Freude u. der tief ergreifende Eindruck des Briefes lassen mich alle Bedenken vergessen, so daß ich Ihnen nur von Herzen
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| danken kann.
Welch wunderbar abgeklärter, harmonischer Mensch spricht aus diesen Zeilen u. doch ist hinter der Ruhe eine Wärme des Gefühls, wie sie nicht immer bei ihm durchzufühlen ist. Dieser Reichtum an Gedanken u. Erfahrungen, u. wie verklärt ist alles in seiner edlen Auffassung! Das ist "Leben in Ewigkeit", frei, erlöst von der Hast des Zeitlichen; mag es erscheinen in der Form des individuellen Erdendaseins u. nur in dieser Form zum Ausdruck kommen können, es ist doch unvergänglichen Geistes.
Mag ich mehr an dem Bilde haften, in dem uns das Ewige erscheint, als Sie billigen, das Überragende der Ideen, des wahrhaft Wertvollen ist mir darum nicht verschlossen. Mag unsre Ausdrucksweise eine verschiedene sein, ich weiß, daß wir das Gleiche empfinden u. wollen, daß
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| die Worte, in denen wir leben, dieselben sind, mögen Sie ihnen eine von der Realität gelöste Erfüllung dichten, - oder ich sie als immanente, die Realität überwindende Kraft empfinden, es ist dasselbe. Sie sind der tiefste, verhüllte Gehalt der Welt der Erscheinungen; mir aber erscheint es immer eine Gefahr, diese Realität zu verachten, durch die wir einzig Zugang zu ihnen haben. -
Und dieser Brief in seiner reichen Lebenswärme soll mich an die kalte "stumme" Ruhe der Berge erinnern?
Aber es war doch so schön da oben, u. wenn ich nicht die Rückreise mit meiner Freundin hätte machen wollen u. die Aussicht gehabt hätte, nach Cassel zu gehen, wäre ich gern noch eine Woche allein dort geblieben. Da mein Herz "normal" ist, macht mir die Höhe
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| nichts u. für die Nerven ists soviel wohltuender, als die hiesige Treibhauswärme, die mich schon wieder bedrückt. Ich bin nun mal nicht für das milde Klima gemacht, mir schaden Stürme u. rauhe Luft nicht.
Sehr bedauerte ich aber den ungünstigen Einfluß der Kälte für Frl. Schilplin. Ich fürchtete immer, es könne ihr noch gehen wie im vorigen Jahr meiner Tante u. war darum froh, daß sich ihr Aufenthalt unerwartet abkürzte. Was meine Empfindungen ihr gegenüber betrifft, so ist sie wirklich für meine anfängliche Überschätzung nicht verantwortlich zu machen. Ich glaubte eine klare, zur Ruhe gekommene Persönlichkeit in ihr zu sehen u. mußte entdecken daß ihr gerade dies einigende Centrum, der feste, schicksalsmutige Wille, fehlt. Darum mag sie wohl in der geoffenbarten Religion,
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| in der Neigung zum Katholizismus (obgleich Protestantin) den äußeren Halt suchen, der ihr innerlich fehlt. Und so nimmt sie, wie mir scheint, alles Dinge mehr von außen. Eine rasche Entzündlichkeit u. ebenso schnelle scharfe Kritik lassen sie geistig sehr beweglich erschienen, aber eine vertiefte, durchgeistigtere Lebensauffassung scheint ihr unmöglich zu sein. Nirgends haben wir ein Echo gefunden, weder Dante noch Goethe sind ihr zu gänzlich, u. was ich nach Ihrem wohltuenden Eindruck als selbstverständlich voraussetzte, ein rein menschliches Eingehen u. Verständnis für andre, ließ sich zwischen uns nicht festhalten. Ich habe es unermüdlich gesucht u. immer ist es wieder verflogen, wenn ich es zu sehen meinte. Erst nachträglich ist mir eine Erklärung gekommen , die mir das seltsam Schwankende in ihrem Wesen
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| zu mir, sowie allerlei erstaunlich taktlose Bemerkungen u. Fragen mit einem Schlage aufhellte. Sie hatte mich unter einer Voraussetzung erwartet, zu der meine bereits angegrauten Haare nicht passen wollten, u. ihrer Auffassung von Welt u. Menschen war es unmöglich einen andern Standpunkt zu finden. So haben wir uns gegenseitig mißverstanden.
Sie war der einzige Mensch, dem ich dort oben näher zu kommen fühlte, weil Sie es vermittelt hatten. Darum nahm ich das Fehlschlagen auch tragischer, als ich sonst wohl getan hätte. Aber all das ändert doch nichts an dem, was Sie an ihr hatten, u. was mir im Verkehr mit ihr immer gegenwärtig war; u. keinesfalls möchte ich dieses von der Natur nicht zu innerem Glück befähigte Wesen auch noch um die Freude bringen, von Ihnen zu hören.
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- Von unserer Rückreise brachte Ihnen die Karte von der Mainau ein Zeichen des Gedenkens. Der Bodensee war wundervoll u. die stille, üppig blühende Insel hat uns sehr entzückt. Großherzogs haben wir leider nicht gesehen. Sie haben mehr Glück gehabt.- Der gute, alte Pestalozzi soll sie noch extra von mir grüßen. Er ist ja keine Schönheit, aber der schlichte Ausdruck wahrer Güte u. Liebe in dem Denkmal hat es mir angetan.
Morgen fahre ich nun nach Cassel weiter. (Adresse Wilhelmshöher Allee 34. III) Onkel soll doch endlich etwas Fortschritte in der Besserung machen. Leider war es dort fast immer kalt u. regnerisch.- Hermann geht am 7. ins Manöver, da werde ich ihn gerade noch treffen. Hörten Sie direct von ihm?
Eine wirkliche Freude war es mir, die
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| Bekannte vom vorigen Jahr in Romanshorn zu treffen. Auch Aenne gewann schnell Fühlung mit dem tüchtigen, liebenswürdigen Mädchen u. ganz rührend ist mir ihre treue Anhänglichkeit für mich. Sie überschätzt auch sehr. Aber das ist ja immer Mahnung u. Verpflichtung zum Streben! Möge es nicht vergeblich sein.
Ist die Novelle von Hahn gedruckt? u. wo kann ich sie mir eventuell verschaffen? Möchte ich weiter so Gutes von Ihnen hören, wie bisher. Sagen Sie mir, daß die Gesundheit Stand hält - die reale Basis! Lassen Sie die Melancholie nicht groß werden, das Leben ist doch so reich u. unbegrenzt für Ihre schaffende Kraft u. alle Sehnsucht muß zum Antrieb werden im Kampfe. Ist das Ziel nicht dennoch das ganze Leben wert?-
Recht herzliche Grüße an Ihre Eltern, ebenso von Aenne für Sie. Nochmals innigen Dank von
Ihrer Käthe Hadlich