Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 08. September 1907 (Kassel)


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Cassel. Sonntag. 8. Sept. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Jeden Tag finde ich einen neuen Grund, Ihnen zu danken u. zu schreiben. Vor allem für den Fechner vielen Dank. Ich habe natürlich gleich zu lesen begonnen u. Sie haben Recht, daß mich diese Auffassungsweise sehr sympathisch berührt. Ja, wir suchen die unsichtbare Welt ewigen Lebens, die in dieser wandelbaren Hülle verborgen liegt, und in ihr ist unsere wahre Heimat. Aber nicht schmerzliche u. vergebliche Sehnsucht soll dieses Suchen begleiten, sondern freudige Gewißheit. Gibt uns das Leben nicht Offenbarungen in Fülle, wenn nur unser Herz offen ist, sie zu empfinden? Dank für die Widmung,
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| die ich doch vielleicht tiefer verstehe als Sie mir zutrauen. Denn im Grunde hänge ich ebenso wenig an der Realität, wie Sie, sondern an dem, was sie für mich bedeutet. - Die Novelle von Hahn ist eigenartig, trotz vieler Schönheiten im Grunde unbefriedigend. Mir erscheint die Handlungsweise dieses Mannes durchaus nicht so edel, wie er selbst es ansieht. Er hat ungerufen u. gewaltsam in ein junges, unerfahrnes Leben gegriffen, aber ohne das geringste Interesse an diesem Leben. Er hat es nicht an sich fesseln wollen, vielleicht schon ganz unbewußt deshalb, weil es so kampflos keinen Reiz für ihn hatte; aber was er will ist doch nur eine verfeinerte Art des Genusses. Versöhnend wirkt allein, daß das Mädchen stark genug ist, nicht nur zu überleben, sondern zu überwinden. - Auch in der Sprache finde ich merkwürdig
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| grelle, verletzend realistische Contraste.-
Doch genug davon. Ich schicke Ihnen die geliehenen Blätter bald zurück. Werden Sie nun auch für diese Glocke eine Novelle schreiben müssen?!
Seit ich hier bin, sind schon recht viele Eindrücke über mich hingegangen. Ich hatte mich so gefreut, als die letzten Nachrichten über den Onkel so viel besser lauteten. Hier war nun so ziemlich das erste, was ich hörte, daß durch schmerzliche Aufregung sein Befinden wieder viel schlechter sei. Sein Enkelchen, ein reizendes kleines Mädchen von zwei Jahren ist an Gehirnentzündung hoffnungslos erkrankt. Als Arzt weiß er ja nur zu genau, um was es sich handelt, u. daß eine Besserung nicht zu hoffen, nicht einmal zu wünschen ist. Tante Theresa, Onkels Schwester, die ihn bisher beständig pflegte, ist sofort
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| hingereist, so daß auch ich sie nur ganz flüchtig sehen konnte, u. gerade sie hatte ich besonders gern sprechen wollen nach all der schweren Zeit. - Onkel finde ich sehr gealtert. Es ist so traurig, wenn man einen Menschen immer in rastloser Tätigkeit kannte, ihn so fern von allem Leben in vergeblichem Kampf mit einer quälenden Schwäche zu finden. Er kann sich garnicht denken, wie er je wieder ins Leben passen könne, so kraftlos fühlt er sich noch immer. Es liegt wohl jetzt hauptsächlich an den versagenden Nerven, denn sein Aussehen, bis auf den nervösen Zug um die Augen, ist nicht schlecht. Aber umso schlimmer ist da dieser neue Stoß durch die schwere Sorge um die Tochter u. das sterbende Enkelchen.-
Hermann ist nun im Manöver. Hoffentlich übersteht er das nun auch noch
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| so gut, wie die bisherige Dienstzeit. Er sieht entschieden wohler aus als früher. - Aber mit der Zukunft ists dunkler, als je bisher. Als er bei einer Übung vor kurzem in Bonn war, erfuhr er, daß sich dort inzwischen 5 habilitiert haben. Ich wäre glücklich, wenn er nun ernstlich mit dem Oberlehrer anfinge u., wenn seine Kräfte reichen, von da aus weiter strebte. Aber einstweilen denkt er noch, in Greifswald oder Erlangen anzukommen. Und wenn er sich wirklich habilitierte, was soll denn dann werden? Das ist doch endlos, da er heiraten möchte.
- Kurt kam gestern von Witzenhausen, fidel, wie immer. Am 1. Oktober tritt er bei derselben Kompagnie ein, wo Hermann abgeht. Er nimmt die Sache weit weniger tragisch. Aber ob er sie mit ebenso viel Gleichmut im täglichen ertragen wird, wie
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| Männe, ist mir zweifelhaft. - Eine rechte Freude ist mir das allgemeine Vergnügen an meinen Parpaner Skizzen. Als Lietze mir wohlwollend auf die Schulter klopfte: fahre so fort, Kleine!, - da mußte ich wirklich lachen u. - dachte an ähnliche Randbemerkungen! - Gelegentlich werde ich sie Ihnen auch mal mitschicken.
Nachmittags bin ich fast täglich in Wilhelmshöh beim Onkel, der jetzt dort ganz allein ist. Viel Unterhaltung kann er nicht gebrauchen, u. es ist mehr, daß man ihm etwas holt, ihm Nachricht von seinem goldigen Bubi bringt, der in der Stadtwohnung ist, wo ich auch diesmal logiere. So habe ich mich schon recht mit dem Jungen angefreundet. Er ist klug u. lebhaft, eigensinnig, aber er hat einen so sonnigen Ausdruck, daß man
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| ihn einfach lieb haben muß.
Ob es in Berlin auch so unbeständiges Wetter ist? Hier ist eine Schwüle, wie sie in dem rauhen Klima ganz selten ist. Wie mag es da erst in Heidelberg sein! Große Erholung erwarte ich unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade vom hiesigen Aufenthalt. Wenn ich nur nichts einbüße. Denn ich habe doch ein Gefühl der Verpflichtung, mit den in Parpan gesammelten Kräften recht lange auszukommen. -
Wie steht es damit bei Ihnen? Können Sie mir dauernd so Gutes melden, wie bisher? Ich hoffe es herzlich. Ich weiß, wie schön es ist, mit innerer Befriedigung, ohne Überspannung der Kräfte zu arbeiten. Möchten Sie es ungetrübt genießen.
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| Gern wüßte ich auch, ob Sie aus meinem Urteil über die Schweizerin nun nicht mehr eine ganz unberechtigte Verurteilung herauslesen? Das lag mit meinem Willen auch schon das erstemal nicht in meinen Worten. Aber Worte sind so unzureichend u. Mißverständnisse so häufig, wie quälend.
- Mit besonderem, stillen Glücksgefühl denke ich daran zurück, daß das Zusammensein in Parpan für m. Freundin u. mich nur den Eindruck eines unerschütterlichen Einverständnisses zurückgelassen hat. Wir waren dessen nicht immer so sicher, denn wir sind doch auch wieder sehr verschieden.
Ich weiß, daß Sie dies mit mir empfinden, daß auch wir uns immer verstehen, auch wo wir verschieden denken. Wir suchen ja gemeinsam "die unsichtbare Welt!"
Mit herzlichsten Grüßen für Sie u. Ihre lieben Eltern
Ihre Käthe Hadlich.