Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9./14. September 1907 (Kassel)


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Cassel. 9. September 1907.
Lieber Herr Spranger.
Ich weiß zwar noch nicht, ob ich diesen Brief absenden werde, aber ich möchte heut nun mal mit Ihnen plaudern. Vielleicht denke ich, es wird nicht der Mühe wert sein, Ihre Zeit damit in Anspruch zu nehmen, vielleicht denke ich, es ist ja schnell gelesen und schließe ihn doch. Wollen sehen!
- Hermann ist im Manöver, Kurt wieder in Witzenhausen, Mutter und die Töchter - machen einen Besuch. Da bin ich ganz allein. Ich würde gern zum Onkel gehen, aber der sah heute seinen Bubi oben in Wilh. Höh, das ist genug Besuch. Nur hinsichtl. von der kleinen Patientin lauten die Nachrichten immer gleich, trostlos. Zum Glück scheint das Kind wenigstens nicht viel zu leiden.
So ist also mein Hiersein wesentlich anderen Inhaltes, als ich gehofft hatte. Im Grunde sehne ich mich nach der Arbeit und habe nicht das Gefühl, gesundheitlich Vorteil von dem Bummelleben
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| hier zu ziehen. Ich habe auch hier beständig den nervösen Druck, von dem nur die Höhenluft befreit. Die ersten Tage hier waren allerdings auch sehr aufregend u. unruhig.
Von meiner Freundin hatte ich aus H. gute Nachrichten. Den Schluß hatte sie entschieden bei meinem letzten Brief an Sie abgeschrieben, so verblüffend ähnlich war er dem. - Bei Abschreiben fällt mir die Schule ein, u. daß ich so garnicht weiß, was Sie jetzt dort vorhaben. Jetzt ist es also auch nichts mit Hermanns Lehrtätigkeit am Seminar in Bonn. Wenn er jetzt doch an das Probejahr ginge! Es tut mir ja furchtbar leid für ihn, aber er braucht damit doch noch nicht definitiv zu verzichten. Können Sie, wenn sich die Gelegenheit macht, nicht auch zureden? Ich habe hier mit Mutter gesprochen, aber sie lehnt jede Einmischung ab, Kurt sieht ihn nicht vor Oktober u. er muß sich nun doch bald entscheiden. Mir widerstrebt es, ihm jetzt ins Manöver zu schreiben, besonders da er mich
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| ja garnicht weiter fragt. Aber mir kommt es ganz unheimlich vor, aufs Geratewohl sich in Erlangen zu habilitieren, Jahre daran zu nagen, wo er doch selbstverständlich auch heiraten möchte.
Am Fechner studiere ich eifrig. Mit seinem Seelenbegriff bin ich aber noch nicht so recht im Klaren. Er nennt Seele die inwendige Einheit, die der äußeren, körperlichen entspricht, ein andermal: Das Wesen, das sich selbst erscheint. Ihr Vorhandensein leitet er aus der Nachweisbarkeit von Empfindungen ab. Aber ist Selbstbewußtsein zu jeder Empfindung notwendig? Giebt es nicht erfahrungsgemäß unbewußte Eindrücke, Reflexhandlungen? Die Einheit, die er meint, dieser Centralpunkt organischen Lebens ist doch nicht notwendig selbstbewußt?
Sehr beschäftigt hat mich im Gedanken auch noch die kleine Novelle von Hahn. Ich lese im Ganzen so selten derartiges, daß es mir
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| verhältnismäßig tiefen Eindruck macht. Ein Künstler, der er doch entschieden ist, will mit solcher Arbeit doch nicht nur einen bildmäßigen Ausschnitt des Lebens geben, sondern auch etwas Bestimmtes damit sagen. Was aber ist hier die eigentliche Idee? Ich habe die Meinigen nach ihrem Urteil ausgeforscht u. habe bei dem weiblichen Teil z. T. Verständnis für die eigenartige Schönheit der Vorstellung u. modernen Empfindungsweise, aber durchwegs Ablehnung der männlichen Charaktere gefunden. Kurt wurde auch ihm gerechter, ist aber erstaunt u. befremdet über das Ideal von Askese, das er ihm zu vertreten scheint.
- Ich fürchte mich in letzter Zeit immer ein bißchen, einem raschen, gefühlsmäßigen Urteil bei mir zu trauen, seit Sie mir vorwarfen: ich moralisiere! Mir blieb zunächst nur der beklemmende Eindruck einer rohen,
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| zerstörenden Kraft, die gleichgültig über eine Seele hingeht. Das erträgt man von äußeren Schicksalen u. elementaren Leidenschaften, aber nicht von einer so reflectierten Natur. Mir erscheint dieser "befreite" Mensch nicht von sich selber frei, also selbstlos, sondern nur lebensmatt, das Heil im kampflosem Schauen suchend.

14. Sept. Damit ich Ihnen wenigstens ein Zeichen des Gedenkens senden kann, will ich Ihnen nun doch das angefangene Geschreibsel schicken. Denn sonst, fürchte ich, komme ich hier in Cassel nicht mehr dazu. Obgleich ich ja eigentlich nichts tue, gehen die Tage sehr schnell hin, teils bei Mutter und den Schwestern, teils beim Onkel. Gestern kam noch die Tante, bei der ich damals in Berlin wohnte, u. heute holen wir nun an der Bahn die armen Hünfelder ab, die ihr kleines Mädchen morgen, am Sonntag, hier begraben.
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Gerade heut u. morgen ist Hermann beim Manöver in Hünfeld und wollte sie dort besuchen. Wie anders ist das nun alles!
Ob Kurt nochmal herkommt, ist wohl unbestimmt. Ich muß Mittwoch zurückreisen. Das Zusammensein in No. 34 war diesmal besonders nett. Ich hatte dort [über der Zeile] früher oft das Gefühl, daß jeder sehr seiner Wege ging u. das war jetzt durchaus nicht der Fall - daß ich mich über Hermann beunruhige, ist doch natürlich. Ich möchte ihm durchaus nicht eine kampflos gemächliche, verflachende Existenz wünschen, aber nach dem Urteil aller ist doch der Weg, den er möchte, der denkbar aussichtsloseste u. unvernünftigste, da es sich für ihn doch notwendig um baldmöglichste Gründung einer selbständigen Stellung handeln muß. Könnte er beliebige Zeit daran wagen, wäre ja alles gut.
- Was Sie über "die Schweizer" sagen, traf
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| genau mit meinem Urteil über diesen speziellen Fall zusammen. Ob man das aber so verallgemeinern darf, ist mir doch zweifelhaft. Jedenfalls war meine Erfahrung im vorigen Jahr eine ganz andere.
Daß ich in Parpan versäumte, Ihnen für die Gibson-Recension zu danken, tut mir herzlich leid. Ich habe sie gelesen, sie war mir aber schwer verständlich. - Ebenso wird mein Verstand wohl nicht ausreichen, die Fehler in den Fechner-Anmerkungen zu entdecken, wenn es nicht directe Druckfehler sind. Das Buch lese ich mit Eifer, wenn auch häufig mit allerlei Zweifel und Widerspruch.
Ich freue mich, wenn wir beide wieder etwas mehr Ruhe zum Schreiben haben werden, u. ich danke Ihnen, daß Sie mir trotzdem Nachricht schickten. Nun verzeihen Sie auch das zusammengestoppelte Schriftstück u. sehen Sie auch den guten Willen.
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Hoffentlich bringt Ihnen Kügelgens Besuch recht viel Freude u. sind Ihre Besorgnisse um die anderen Freunde unbegründet.
Grüßen Sie Ihre verehrten Eltern vielmals, u. seien Sie selbst herzlich gegrüßt von
Ihrer Käthe Hadlich.