Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./2. Oktober 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Okt. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Sie werden nicht erwarten, daß mein Brief eine ebenso lange Pause läßt, als es der Ihrige tat. Habe ich doch Zeit zum Schreiben u. empfinde solche Unterbrechung der gegenseitlichen Mitteilung schmerzlich. Wenn ich Sie erfüllt und befriedigt in erfolgreicher Tätigkeit weiß, dann warte ich nicht; aber Sie deuten auch anderes an u. das hat in der Ferne u. in so unbestimmter Form etwas unendlich Beunruhigendes für mich. Diese schwülen Herbsttage lasten auf den Nerven u. lähmen die Spannkraft. So schön es diese ganze Zeit hier war, lebe ich doch immer, wie unter einem Druck.
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| Mir ist es, als ob das Leben darin bestände, mühevoll u. ohne Ende durch tiefen Sand zu waten. Man fühlt wohl die Qual, aber was wird damit erreicht? Wohl denen, die damit zu Ende sind.
Freilich, wenn man jung, mit einem beneidenswerten Einsatz reicher Kräfte in lebendigem Schaffen steht, wie Sie, dann hat man kein Recht zur Klage. Es möchte wohl die Ungeduld der stetigen Entwicklung im Fluge vergreifen, aber auch der langsamere Weg der Entfaltung in dieser Wirklichkeit ist ein tiefer, heiliger Segen. Diese Sicherheit Ihres Weges, geleitet von der Macht einer inneren schöpferischen Triebkraft, sehe ich immer mit staunender Bewunderung. Sie mögen es selbst nicht immer si einheitlich empfinden, aber mir ist es
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| von je mit durchsichtlicher Klarheit mit der Überzeugungskraft gesetzlicher Notwendigkeit erschienen. - Daher meine Zuversicht für Ihre Zukunft, die Ihnen vielleicht im Gegensatz zu meiner Sorge um Hermanns Schicksal als Teilnahmlosigkeit erscheinen könnte.
Und Sie haben nicht nur die bedeutende richtungsgebende Veranlagung, sondern einen klaren, practischen Blick für die realen Verhältnisse. Wenn ich über die, mir vielfach unklare geistige Begabung meines Bruders nicht urteilen möchte, - so weiß ich sicher, daß er ungewöhnlich unpractisch ist. Wenn unüberwindliche Hindernisse Ihre academischen Pläne kreuzen sollten, so würden Sie den Beruf des Lehrers mit ganzer, freudigen Seele ergreifen, Hermann wird es als minder
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|wertigen Notbehelf betrachten. Ich verstehe, daß Sie ihm über diese Dinge nicht schreiben wollen, u. zweifle selbst, ob es erfolgreich sein würde. Im Grunde aber weiß ich, daß Sie mit mir darüber einig sind, daß es das einzig Ratsame für Hermann wäre, ohne Aufschub in die Lehrerlaufbahn einzulenken, denn die bei Ihnen noch mangelnden Heiratsabsichten sind eben doch sehr ausschlaggebend, Ohne Kapitalopfer würde Mutting ihren Ältesten keinesfalls noch länger erhalten können u. wer kann denn sagen, ob es dabei mit einem Jahre abginge? - Das Brautpaar wird in der nächsten Woche für ein paar Tage herkommen, da hoffe ich Gelegenheit zu einer Aussprache über alles zu finden. -
Ja, Aussprache! Dazu sehe ich für uns vorläufig garkeine Möglichkeit. Vor Berlin mit den unzähligen Verwandten fürchte
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| ich mich geradezu. Denn einer derartigen Vielseitgkeit bin ich nicht gewaffen u. der mir wichtigste Zweck würde sehr große Schwierigkeiten dabei finden. Drum lassen Sie uns die Geduld zum schreiben nicht verlieren. Ich will Sie gewiß nicht um Nachricht quälen, aber Ihnen versichern, daß ich selbst schlecht Geschriebenes oder wenn es Ihnen bequemer wäre, Bleistiftschrift sehr gut lesen kann.
Ihr Brief berichtet wieder von einer unglaublich inhaltreichen Zeit. Es ist, als wären die Tage bei Ihnen doppelt so lang, als hier. Was ist aber bei Ihnen in der Schule für eine Vergnügungssucht! Wie leid tut es nir, daß Sie von Ihren Chef schon wieder unangenehme Eindrücke hatten, u. vor allem, daß nun Frl. Naumann nicht mehr mit Ihnen arbeitet. Hoffentlich bekommen Sie eine recht feine neue IIa.
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Von meiner unglaublichen Kindlichkeit in jenem Alter habe ich mich kürzlich mal wieder durch ein altes Aufsatzheft überzeugt. Vielleicht würden Sie auch mal darüber lachen, wenn ichs mitschicke!? Ich wurde dran erinnert durch Ihre Erwähnung des Schönhauser Schloßgartens, mit dem für mich so viele schöne Kindheitserinnerungen verknüpft sind. Darum hat für mich dies Fleckchen Erde besonders viel zu sagen. Warum es aber an sich beredter sein sollte, als die Alpenwelt, kann ich nicht verstehen. - Eigentümlich geht es mir mit dem Fechner. Obgleich ich in vielen Einzelseiten in natürlicher Übereinstimmungmit ihm bin, u. in anderem die logische Consequenz seiner Ausführungen einsehe, fühle ich mich doch im Allgemeinen nicht überzeugt.
Mag sein, es liegt vielfach an den Grenzen
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| meiner Vorstellungsmöglichkeit. -
Wie sehr habe ich in letzter Zeit gerade unter den Grenzen, der Enge meiner Lebensmöglichkeiten gelitten. Wenn es auch in keiner Richtung zu etwas Ganzem, wirklich Tüchtigem reichen will! Seit ich nach Haus kam, voll Verlangen nach geregeltem, tätigem Leben haben die zersplitternden Anforderungen von außen u. die innere Abspannung noch kein Ende genommen. Mit welcher Sehnsucht denke ich an das Freiheitsgefühl in Parpan!
Sehnsucht - das ist wohl überhaupt der Grundton des Lebens. Ein Streben u. Suchen, das nur selten in stiller, gedeihlicher Arbeit ausklingt - das nur in seltenen Weihestunden sich in Harmonie löst.
Ob dieses unendliche Sehnen eine endliche Erfüllung findet, diese Endlichkeit der
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| Weg zur Unendlichkeit ist - wer weiß es? Sie weisen jede immanente Denkweise ab u. ich kann an ein "Jenseits" nicht glauben! Und doch glauben wir beide ein Höchstes - wie man es auch nennen mag - zu kennen, uns ihm durch die unermüdliche Ausgestaltung unseres Wesens zu nähern. In diesem unwandelbaren Grund ruht der einzige, bleibende Halt dieses flüchtigen, aus dem Dunkel emportauchenden Menschenlebens. Dieses Verhältnis des Einzelnen zum Geist des Alls ist Religion, Quelle des Lebens, die nie versiegt. Sie sagten einmal: "Philosophie ist die Ahnung von den verborgenen Quellen des Lebens." In der Religion strömt diese Quelle unmittelbar durch unser Empfinden, ob wir auch nicht wissen woher u. vergebens nach einem
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| Ausdruck dafür suchen. Die theistische Form hat immer etwas Trennendes, Individualisierendes, bringt einen notwendigen Dualismus, mit dem ich mich nicht befreunden kann. Es bleibt für mich eine anthropomorphe Vorstellung dessen, was wir nicht vorstellen, nur fühlen können. Muß ein Glaube sich immer an dogmatische Begriffe knüpfen? - Ich habe für Begriffe so wenig übrig u. ganz traurig bin ich darüber, wie wenig ich von den philosophisch-geschichtlichen Beziehungen verstehe, die Sie als eine wertvolle Entdeckung bezeichnen. Aber wenn mir der Sinn für exakte Begriffe abgeht, so muß ich mich eben mehr auf das gefühlsmäßige Verstehen beschränken. Es ist doch auch ein weiter Kreis des Lebens, der einem darin geöffnet ist, u. dies ist,
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| wohl vor allem die Welt, in der ich lebe. Besonders dankbar denke ich in dieser Beziehung an meinen letzten Casseler Aufenthalt zurück. Ich weiß, daß Sie dieses Bedürfnis nach seelischem Contact, dieses Verlangen nach Gemeinsamkeit verstehen. Es ist uns beiden eigen. Es ist Glück u. Qual des Daseins.
Mit Freude empfinde ich, wie Sie in der Schule dies notwendige Echo finden, wie es Ihre Wirksamkeit steigern muß. Immer aber, wenn ich von Ihrer aufs Aus<-unleserl.> gespannten Tätigkeit höre, möchte ich Sie bitten, Maß zu halten. Es rächt sich, wenn man mehr vorausgebt, als der Tag an Kräften ersetzen kann, wenn man Schulden auf die Zukunft macht. Das ist wirklich keine übertriebene Ängstlichkeit von mir, u. wenn es Ihnen langweilig u. unbequem erscheint,
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| denken Sie, daß meine Mahnung die Folge eigner bitterer Erfahrung ist u. - folgen Sie ihr doch hie u. da einmal.

2. Okt. Heut habe ich endlich die erste Stunde nach den Ferien gehabt. Mit Privatstunden ist das immer so eine Bummelei. - Es sind 3 neue Schüler u. ich hatte Freude dran. Hoffentlich lernen sie recht was. Solch eine Stunde, wenn sie gelingt, kann mir für lange die gedrückte "sandige" Stimmung nehmen. Und doch bin [über der Zeile] ich auch dazu nicht immer fähig, wenn die Kräfte durchaus nicht wollen. Sie können sich ja überhaupt garkeine Vorstellung davon machen, wie ich jeden Zoll breit wirklichen "Lebens" einer lähmenden körperlichen Unfähigkeit abringen muß. Die 3 Wochen Parpan waren für Aenne u. mich doch eigentlich nur so eine Art
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| Erholungsleck oben drauf, es hätte länger sein müssen, um gründlich zu wirken. Dann kam gleich Cassel mit so manchen seelischen Erregungen u.s.w. - Aber ich war doch im Grunde froh, gerade in dieser Zeit dort gewesen zu sein.
Inzwischen haben wir nun hier in Sorge u. Bangigkeit den Tode des geliebten Landesherren nahen sehen. Es ist jedem, als hätte er ihn persönlich verloren, als ginge nun eine sonnige, sorglosere Vergangenheit unter, da seine schirmende Hand fehlt. Werden Sie auch eine Denkfeier in der Schule haben, werden Sie ihm vielleicht zum Gedächtnis reden? Wie bedauern wir, daß wir die alten Herrschaften auf der Mainau nicht sahen. Ich schicke Ihnen das Bild mit, das wir dort mitnahmen; ich finde es so gut. - u. dann folgt nun noch allerlei zur Ansicht: Reiseerinnerungen, Mutter mit ihren 4 Kindern nebst Garten,
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| eine Aufforderung von Ada Thönes zum Vereinsbeitritt an mich, die Sie vielleicht auch interessiert, die geliehenen Hefte u.s.w.
Auf die Skizzen habe ich Zahlen geschrieben, u. dann erzählen Sie mir mal, wenn Sie viel Zeit haben, was Ihnen davon gefällt. Hoffentlich macht Ihnen die ganze Sache auch mit dem Wiedereinpacken nicht mehr Last, als das Vergnügen wert ist. Schreiben Sie mir doch dann auch, ob Sie die verschiedenen "Hörner" u. Gegenden kennen! Ein andermal schicke ich dann noch [über der Zeile] 2 oder 3 andere, die hier nicht gut im Format dazu gingen. Wenn Sie es in 8 oder 14 Tagen wieder schicken, ists früh genug.
Es freute mich so von Ihrer lieben Mutter zu hören, daß die Sommerreise doch recht guten Erfolg gehabt habe. Es ist
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| doch wirklich einfach Pflicht, das nun auch möglichst zu erhalten. Sehr freut es mich auch, daß das Zusammensein mit H. v. Kügelgen so genußreich für Sie war. Wie es dem Leutnant Nieschling geht, schreiben Sie nicht. Warum, wie lange, wo war er im Sanatorium? Gerade während des Manövers? Ist er jetzt wohler, auch psychisch frischer? - Was haben Sie nur für nervöse Freunde! Auch dieser Herr (Dr?) Ludwig. Ist das denn ratsam, bei versagenden Nerven an einen See zu gehen? Wenn sich nicht eine südliche Sonne darin spiegelt, macht das doch ohnehin melancholisch. Hat er sich überarbeitet? Hat er nicht von Natur ein heitres Temperament?
Sie werden entsetzt sein, über so viele Fragen u. ich weiß ja auch, daß es zu anspruchsvoll wäre, unbedingt Antwort zu erwarten. Ich
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| kann ja auch oft zwischen den Zeilen lesen.
Daß Sie mit der Unterbringung des pädagogischen Aufsatzes nun doch zufriedener sind, als es anfangs schien, freut mich sehr. Was haben Sie doch in diesen 2 Monaten wieder geleistet u. fertig gebracht!
Seit gestern spielt nun Kurt Soldat! Hermann zeigt sich auf dem Bildchen in einem Moment, wo der Hauptmann sagt: Einjähriger, wollen Sie mit dem Kinn durch die Wand! - Im Übrigen, es muß doch ein merkwürdiges Leben sein, solch Jahr. Oft komisch, oft schauderhaft, - aber es hat ihm doch gut getan, er ist strammer u. kräftiger geworden.
Als Kurt vor meiner Abreise nochmal in Cassel war, erzählte er von einem Besuch in Groß-Allmerode bei der Versamm
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|lung der "Erweckten". Es ist dort seit Jahren ein dunkler Pietismus, Hunderte von Leuten kommen dort zusammen u. lassen sich von einem fanatischen Geistlichem in der Versammlung förmlich hypnotisieren, bis sie zum Teil in hysterische Krämpfe ausbrechen, die dann Zungenrachen genannt werden. Ist da nicht wirklich Reform des Religionsunterrichts dringend notwendig?
Nun will ich aber wirklich diesen endlosen Brief schließen. Es ist ja der reine Wasserfall! Lassen Sie sich die Stimmung nicht verwässern, - u. lassen Sie sichs gut gehen. Aenne grüßt herzlich. Auch von mir recht herzliche Grüße an Ihre verehrten Eltern u. Sie.
Wie immer
Ihre
Käthe Hadlich.