Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22./24. Oktober 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22./24. Okt. 1907.
Lieber Herr Spranger.
Bis zum Datum bin ich vorgestern nur gekommen. Ob es heut viel weiter reichen wird, hängt vom Zufall ab, ob ich wieder gestört werde. Aber ich hoffe es nicht, denn es scheint mir wie eine Ewigkeit seit ich Ihnen zuletzt geschrieben habe u. ich weiß garnicht, wie ich mich nun auf all das besinnen soll, was ich Ihnen doch mitteilen wollte. - Wie mag es Ihnen inzwischen ergangen sein? Sind die Nerven jetzt wieder besser? Ich bin, eine Erkältung abgerechnet, sehr zufrieden, fühle mich arbeitsfähig u. frisch,
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| soweit das überhaupt bei mir möglich ist. Aber obgleich ich eigentlich nie müßig bin, ist der positive u. sichtbare Erfolg meiner Tätigkeit immer äußerst gering. - Daß meine Reiseerinnerungen Ihnen [über der Zeile] z. T. gefielen, hat mich sehr gefreut. Ich bin erstaunt, wie genau Sie alles erkannten; Sie haben garkein Recht, sich über ein schlechtes optisches Gedächtnis zu beklagen. Ich glaube nicht, daß ich etwas so bestimmt lokalisieren könnte, wenn es mich nicht zufällig gerade interessiert hat. Sie haben kaum einen Irrtum dabei, u. Ihr Urteil trifft mit meiner Ansicht ganz zusammen. Das einzige, an dem ein bißchen was ist, ist das Buolsche Haus mit dem Nebelhintergrund. Haben Sie eigentlich
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| auch so viel Schnee auf den Bergen gesehen? Dann amüsierte mich auch der Fortschritt bei der 2. Abendbeleuchtung auf dem Rothorn, (dem abgegrasten Exerzirplatz!). Leider wurde ich nicht fertig, da natürlich Abendbrotstunde war u. das Wetter umschlug. So geht es immer! -
Was Sie aus den unreifen Aufsätzen herauslesen, ist mir fabelhaft. Ich hatte sie eigentlich nur zum Scherz mitgeschickt, u. nur der letzte hatte mir durch den Gegenstand u. die Stimmung Erinnerungswert. Ich weiß, daß ich in jener Zeit ganz unempfänglich für Poesie, [über der Zeile] wenigstens Lyrik, aber verschlossen u. zu Weltschmerz neigend war. Überhaupt steht meine Kindheit u. Jugend unter dem Eindruck großer innerer Vereinsamung, aber in den
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| kindlichen Aufsätzen finde ich nichts davon.
Was mögen Sie mit Ihrer ersten Klasse inzwischen fertig gebracht haben? Haben Sie Freude an den Leistungen? Ich finde es ganz beneidenswert, was diese Mädchen durch Ihren Unterricht fürs Leben mitbekommen. Das ist lebendiger Besitz, während man bei uns kaum je über totes Wissen hinauskam. Dem "Kollegen", der die Aufsätze korrigierte, verdanke ich eigentlich noch am meisten bleibende Anregung, aber er war ein unsympathischer, frivoler Mensch; Literaturgeschichte bestand z. B. hauptsächlich im Ergehen über Goethes Liebesepisoden.
Ist es nicht eine Verbesserung, daß Sie jetzt von 9 - 11 Stunde haben, oder müßten Sie sonst nicht um 8 dort sein?
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Gibt es im Kunstwart überhaupt Illustrationen zur Veranschaulichung des Laokoon? Wären nicht z. B. die Reproduktionen von Skulpturen durch die Steglitzer Phot. Gesellschaft, solch graue Platindrucke zu 50 cf das Stück geeigneter? - Ich freue mich, daß auch wir vorhaben, den Laokoon zu lesen. Bitte, lassen Sie mich da auch ein wenig an Ihren Erklärungen Teil nehmen. Ich las ihn einmal vor langen Jahren ohne allen Erfolg. Aber jetzt wird das ja besser sein.
Humboldts Briefe, die ich so tropfenweise schon seit Monaten für mich lese, nehmen mich mehr u. mehr für ihn ein. Besonders seit dem Jahre 30 kommt es ganz selten vor, daß es mich durch den
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| Ton erhabener Selbstsicherheit reizt, oder durch den Anschein gnädiger Herablassung, es ist eine so wahre, tiefe Ergebenheit in das Geschick, solch wahre Harmonie u. Ausgeglichenheit, daß man ganz ergriffen davon ist.
Sie haben eine Humboldt-Arbeit für die Kantstudien beendet. In welcher Beziehung steht diese nun eigentlich zu Ihrer Humanitätsschrift? Können Sie dann unausgesetzt so angestrengt schreiben? Sie wissen doch, die Arbeit der "guten Stunde" wiegt zehnfach auf, was man der Zeit der Ermüdung abringen mag. Halten Sie Maß? - Mir ist, als hätte ich ½ Jahr nichts von Ihnen gehört!
Die "falsche" Karte mit den Falschzielern amüsierte mich. Ich erinnere mich des
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| Bildes von Dresden her, aber ich mag es nicht. Umso lieber denke ich an so manches andre dort, u. wenn ich still bei der Arbeit sitze, tauchen liebe Erinnerungen auf. Meine Beschäftigung ist ja keine eigentliche Gedankenarbeit u. wenn sie auch meist eine gewisse Concentration fordert, so können doch zwischendurch die Gedanken auch wieder ihre eignen Wege gehen. - Wie dicht u. wie eng ist doch der Schein um uns, durch den wir die "Welt" sehen. Wir waren dieser Tage in einem Vortrag von Leo Erichsen, der sich Psychologe nennt u. der durch wunderbare Übung eine geradezu unglaubliche Fähigkeit im Rechnen u. des Gedächnisses erworben hat. Dann ließ er sich in einer Art von Selbsthypnose von einem Herrn aus dem
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| Publikum einfache Vorstellungen (Zahlen, Farben, geometrische Figur) lediglich durch intensives Denken übertragen. Ist das möglich? oder Zufall? Jedenfalls machte die Sache nicht den Eindruck beabsichtigter Täuschung. Und haben wir nicht schon selbst wunderbare u. unerklärliche geistige Wirkungen erlebt? "Unser Wissen ist Stückwerk, wann aber kommen wird das Vollkommene -" wird es kommen? Es hat keinen Wert, darüber zu grübeln. Aber den Reichtum dessen, was uns hier schon sich offenbart, will ich fassen, so viel ich kann. Humboldt spricht so schön davon, wie dies nicht allein im Wissen geschieht, sondern im Denken, im geordneten, selbständigen Verarbeiten des Aufgenommenen. Wasser auf
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| meine Mühlen ist es, daß auch er "nicht an einer Hoffnung jenseits des Grabes hängt." - Bisweilen weiß ich wirklich nicht, inwieweit seine positiv religiösen Vorstellungen nur in Rücksicht auf seine Leserin bibeltreu sind, denn kann er tatsächlich z. B. die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen? -
Nach Ihrem Fechner habe ich mich eifrig umgesehen, habe ihn aber bisher nur in einem hiesigen Schaufenster entdeckt. - Die Blätter für die "Fortbildung" haben ein recht gebildetes Ansehen. Hoffentlich ist ihnen ein kräftiges Leben beschieden. Ich freue mich sehr auf Ihren Aufsatz darin. Soll ich Ihnen dies erste Exemplar zurückschicken? Es folgt dann nächstens mit dem Heldengedicht
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| auf die Landpartie. Dies Epos ist ja kostbar.
Von meinem stillen Dasein ist Heiteres kaum zu berichten. Aber von dem Besuch meines Bruders werden Sie doch hören wollen. (Sie haben übrigens das Familiengrüppchen ganz mit Stillschweigen übergangen. Ich fand es solch gutes Bild.) Die Tage mit Hermann u. Gerta waren hübsch, aber kurz. H. hatte sich seinen Freund Sanborn aus München mit seiner jungen Frau auch hierher bestellt u. so war von einem eigentlichen Sprechen garkeine Rede. Ich habe aber zu meiner Freude mit Gerta wirkliche Beziehungen gefunden, u. da sie bei mir wohnte, sie auch etwas allein gesprochen.
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| Ich empfinde es als eine große Verantwortung von Hermann, daß er dies reizende, junge Wesen an sein Schicksal gebunden hat, u. nun so garkeine Anstalten macht, sich auch eine Stellung zu begründen. Er will sich fürs erste in Greifswald ansiedeln, will sich mit den 2 Philosophen dort bekannt machen u. ihre Übungen besuchen, sowie für sich arbeiten, um sich dann zu habilitieren. Daneben hofft er durch Unterricht Verdienste zu finden. - Im übrigen tut er so, als wenn er sich für eine eventuell ihm passend scheinende Gymnasiallehrstelle nur zu melden brauche, um angenommen zu werden. Aber er hat im Grunde nicht die geringste Lust dazu.
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Ist das nun wirklich ein so trostloser Beruf? Kann man nicht als Lehrer immer Gutes wirken, wenn man nur will? Und haben nicht alle, die es später weiter brachten, auch mal mit dem "Drillen" angefangen? Wenn ich nur wirklich von Hermanns ausgesprochener Veranlagung zur acad. Laufbahn überzeugt sein könnte!
Wie ich hier so unter dem Eindruck seines Wesens stand, mußte ich ja auch denken, warum sollte es ihm bei so viel Liebe zur Sache denn nicht gelingen; aber kaum ist er fort, so wachsen die Zweifel u. die Sorgen von neuem.
Dieser Brief ist das Porto nicht wert, drum will ich wenigstens eine Drucksache mitschicken! Außerdem recht herzliche Grüße für Ihre verehrten Eltern u. Sie von
Ihrer Käthe Hadlich.