Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Oktober 1907 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 27. Okt. 1907. Sonntag.
Lieber Herr Spranger.
Ihre gestrigen Zeilen haben mich erschreckt u. betrübt. Schon länger merkte ich, daß es Ihnen nicht gut geht, aber Sie schrieben nichts Näheres. Wollen Sie mir nicht das Recht teilnehmender Freundschaft gönnen? Es war doch bisher der Fall!? Bitte, schreiben Sie mir einmal wieder ausführlich, ich habe solch Verlangen danach. Von mir werden Sie gestern früh Nachricht bekommen haben. Der Brief war dumm u. stumpfsinnig,
[2]
| wie ich mich überhaupt seit länger fühle. Deshalb hatte ich auch immer mit dem Schreiben gezögert. Körperlich geht es mir aber seit dem Aufhören der unnatürlichen Wärme recht gut. Da hoffte ich im Stillen, es möchte bei Ihnen auch besser gehen mit dem Befinden. Und Sie schreiben doch, daß Sie viel Grund zur Zufriedenheit hätten. Giebt es denn garkein Mittel, sich wirksam im Gleichgewicht zu erhalten? Sie müssen es doch lernen! Bitte, überlegen Sie doch einmal ernstlich, woran es liegt, daß Sie immer so auf Kosten Ihrer Nerven leben. Es muß zu ändern sein, wenn Sie sich nicht unsinnig über
[3]
|arbeiten wollen. Und was käme dabei heraus? Sie wissen doch selbst, daß es nur für Ihre eigentlichen Ziele ist, wenn Sie "vernünftig" sind.
Worin äußern sich die rebellischen Nerven? Was tun Sie zur Besserung? Bitte, schreiben Sie mir ehrlich, es macht mir solche Sorgen. Wenn ich doch nur etwas tun könnte! Etwas Positives, Wirksames - statt all der fruchtlosen Bitten u. Ermahnungen. Es ist traurig, so machtlos zu sein!
Sehen Sie, ich habe es doch auch gelernt, mich mit meinen psychischen Lebensbedingungen einzurichten, u. wieviel Resignation ist dazu nötig! Und im Durchschnitt sind die Leistungen jetzt eher
[4]
| zuverlässiger als früher.
Was haben Sie da wieder für eine große Aufgabe übernommen, Sie Spezialist für Sozialpolitik! Ich gäbe was drum, wenn ich diese Vorträge hören könnte! Warum ist es auch so weit nach Berlin! - Hier haben wir dies Jahr garnichts derart, was uns lockte. - Eine gewisse Anregung verspreche ich mir von einem Freund des Georg Weise, der hier studiert, (Medizin) u. der mich gestern zum erstenmal besuchte. Mit Arnold Ruge u. mir klappt es immer weniger, wir sehen uns fast nie.
Wenn Sie doch nicht so schrecklich beschäftigt wären, ich würde so gern über den Fechner mit Ihnen reden. Aber Sie haben ja keine Zeit u. sind vielleicht froh, jetzt nicht mehr
[5]
| daran zu denken.
Haben Sie mal was von unsrer Schweizerin gehört? Uns hat sie bisher nicht geschrieben. Vielleicht hat sie keine Adresse. - Könnte ich Ihnen doch per Skizze die wundervolle Luft von da oben nach Berlin zaubern! Aber wenn Sie so unvernünftig arbeiten, dann würde es nicht mal was nützen. Sie hätten doch für die Oktoberferien eine wirkliche Pause machen sollen; es ist doch nicht ohne Grund, daß man den periodisch versagenden Kräften hie u. da eine Sammlung gönnen will.
Wollten Sie mir nicht gelegentlich mal die Namen Ihrer übriggebliebenen ersten Klasse mitteilen? ich kenne die
[6]
| Kinder doch auch ein wenig u. ich wüßte gern welches davon Ihre jetzigen Schülerinnen sind. War es auf der Sternwarte interessant? Wir wollten immer auch die hiesige einmal besuchen, es kam aber nicht dazu. Der Seismograph hat kürzlich das stärkste Fernbeben seit seiner Existenz verzeichnet. Ob es das in Kalabrien war, weiß ich nicht. Die Erde ist sehr unruhig u. wer weiß, ob diese Barometer, u. Electricitätsschwankungen nicht auch auf empfindliche Nerven wirken. Wenn es eine Telepathie gibt, müßten Sie wissen, wieviel ich Ihrer mit herzlichen Wünschen gedenke. Das hilft nur leider zu nichts! Aber Sie selbst können helfen, wenn Sie wollen, das weiß ich. Mit vielen Grüßen an Ihre Eltern u. Sie, wie immer
Ihre Käthe Hadlich.