Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. November 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 13. Nov. 1907. nach 10 Uhr abends!
Lieber Herr Spranger.
Ich kann unmöglich wieder einen Tag hingehen lassen, ohne doch wenigstens den Anfang eines Briefes. Aber Sie werden ihm leider die, bei meiner Murmeltiernatur unvermeidliche Müdigkeit der späten Stunde wohl anmerken. Wie gern hätte ich Ihre lieben Briefe gleich beantwortet. Nun war ich inzwischen ein paar Tage bei lieben Menschen in Frankfurt, wo ich immer besonders gern bin, weil mich wirklich herzliche Beziehungen mit Eltern u. Kindern verbinden. - Am Sonntag Nachmittag waren wir auf der Gerbermühle, die
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| Sie vielleicht kennen? Sie liegt ja kaum ½ Stunde mainaufwärts so heimlich unter schönen, alten Bäumen. Auf einer großen Terrasse vor dem ersten Stock sitzt man im Sommer förmlich in den Bäumen drin u. sieht den Fluß hinunter über das breite Wasser u. die ebenen Ufer mit einzelnen Baumgruppen hin die schöne Silhouette der Stadt. Man kann auch am Ufer zurück gehen in der Abenddämmerung - gerade, wie an anderen Flüssen. Die historische Vergangenheit dieser Gegend u. allerlei Anklänge waren auf diesem Wege lebendig in mir.
Jetzt bin ich nun wieder in der täglichen Geschäftlichkeit, bei der ich doch so wenig wirklich schaffe. Ich wundere mich oft selbst über die Unermüdlichkeit, mit der ich meine Tage auszufüllen strebe, da mir doch nie das Glück eines tatsächlichen Erfolges zu Teil wird. Besonders bedrückt mich
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| ein Stillstand in den Fortschritten meiner Schwetzinger Schülerin, die ich mit bestem Willen nicht zu perspektivischem Sehen bringen kann. So phantasiebegabt das Kind ist, so wenig kann ich sie an exacte Beobachtung gewöhnen.
Wenn also von mir nicht viel Gutes zu melden ist, so höre ich mit umso größerer Freude von Ihren Erfolgen. Möchte sich in der Mitarbeiterschaft an der Humboldtausgabe alles nach Wunsch regeln! Sehr froh bin ich auch, wenn Sie nicht gewaltsam u. mit Hochdruck die schriftstellerische Tätigkeit fortsetzen; immer nach einer starken Concentrierung folgt eine Zeit der Ebbe. Aber im ganzen habe ich doch das Gefühl größerer Gleichmäßigkeit u. Stabilität bei Ihnen, sodaß Sie sicherlich keinen Grund haben, sich mit der Sorge vor einem
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| Versagen der Kraft zu quälen. Die periodische Schwankungen werden nicht ausbleiben, aber Sie wissen, daß der Tiefstand nur ein Sammeln zu neuer Spannkraft ist, u. wenn Sie ihn als das benutzen, werden Sie umso sicherer Herr Ihrer Mittel sein. - Der Ausspruch von Eucken freute mich sehr. Ich kann mir gut denken, wie solch eine Anerkennung neuen Mut u. Frische giebt. Im Grunde finde ichs allerdings nur in der Ordnung, daß er so denkt!
Fast "gekränkt" aber hat es mich, daß Sie mir zutrauen, ich könnte Ihnen ein völliges Aussetzen der Tätigkeit raten. Für ein paar Ferienwochen fände ich es allerdings wohl mal erwünscht. Aber nicht gewaltsam, mitten aus allen Pflichten. Was ich wünschte, ist nur ein Maßhalten, ein Beschränken
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| auf das durchaus Notwendige, auf das normaler Weise Mögliche. Sie sind in Ihrem Wollen unbegrenzt u. Ihr leidenschaftliches Streben will die Schranken der realen Möglichkeiten bezwingen, da ist es schwer, sich zu bescheiden, daß alles Wirken nur langsam Schritt um Schritt in diesen Schranken vor sich geht. Und wenn Sie zurück sehen auf dem Wege, so müssen Sie trotzdem mit dem Erreichten sehr zufrieden sein! Auch die Lehrtätigkeit an der Schule, so wenig sie pecuniär lohnend sein mag, halte ich für eine große Bereicherung. Freilich ist sie, so wie Sie es treiben, ein bedeutender Einsatz von Kraft, aber eben dadurch auch eine wirkliche Lebensbeziehung. Was Sie
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| über die persönliche Deutung der Welt sagen, verstehe ich wohl. Niemand kann als eine Wahrheit des allgemeinen Lebenszusammenhanges erkennen, was nicht in seinem eignen Inneren lebendig wiederklang. Diese Einheit, zu der das Denken die Erscheinungen knüpft, ist natürlich eine persönliche. Aber bei jener erstrebten, allseitigen Berührung mit der Außenwelt eben doch keine willkürliche, sondern eine objekiv bedingte. Je offener ein Sinn für den Reichtum der Welt u. für alles, was das Dasein zu sagen [über der Zeile] hat, je umfassender u. wahrer ist das Bild des Lebens, das ihm daraus erwächst. Nur im persönlichen Bewußtsein schließt sich die Einheit des klaren, geistigen Zusammenhanges.
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| In dieser großen, unerschöpflichen Wechselbeziehung liegt für uns der Wert des Lebens, in diesem Streben zum Ganzen der Sinn des Persönlichen.
Wie beneidenswert ist es, Menschen zu solchem "Leben" zu wecken. - Bei dem Collegium scheint allerdings das lebendige Wort, das Sie ausstreuen, auf das "Steinichte" gefallen zu sein. Das sind wohl noch große Kinder von der Sorte: "daß da Kirch bald aus wär, fan i <ein Wort unleserlich>"
- Als ich das letztemal schrieb, hatte ich eigentlich die vorjährige Liste Ihrer Klasse mitschicken wollen u. um die Bezeichnung der übrig Gebliebenen bitten. Nun haben Sie diesen Wunsch unausgesprochen erfüllt. (Ob wohl in diesem Jahr wieder photographiert wird?)
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Noch mehr, asl dieser Zufall frappierte es mich, daß Sie Ihr letztes Schreiben mit der Bemerkung begannen, Sie wollten einmal wieder mit mir "philosophieren". Ich hatte so lebhaft darüber nachgedacht, wie unser Briefwechsel naturgemäß in andre Bahnen gelenkt sei, u. wie es je mehr zu solch still beschaulichem Gedankenaustausch, oder fröhlichem Kampfe kommt. Mit einer gewissen Sehnsucht dachte ich an diese schöne Vergangenheit - u. da zaubert Ihr Brief sie wieder zurück.

14. Nov. Mein lieber Schulmeister wünscht, daß ich "meine Fragen über Fechner möglichst klar formuliere"! Das wird schwer halten. Aber versuchen will ich es gern. Die Idee, jeder Form von Materie
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| ein geistiges Moment zuzuschreiben, ist wohl berechtigt u. sagt mir durchaus zu. - Aber mit dem Begriff: Seele, verbindet sich für mich notwendig die Vorstellung von Selbstbewußtsein, Denken u. Wollen. Er sagt auch "das Wesen, das sich selbst erscheint". Aber ist das notwendige Beigabe jeder Empfindung? Nein, denn es gibt unbewußte Empfindungen, Reflexe. Oder eines gesetzmäßigen Handelns? Es gibt mechanische Bewegungen. - Wie wir aus der anorganischen Natur organische Centren auftreten sehen, so kennen wir eine "Schwelle" des Bewußtseins an der die Empfindung zu bewußter Einheit übergeht. Wie aus der einfachsten, einzelligen Lebensform sich ein kompli
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|zierter, zentralisierter Organismus entwickeln kann, so ist die Entfaltungsmöglichkeit der Seele in der organischen Materie gegeben* [Fuß] *dies klingt materialistischer als es gemeint ist; ich will sagen innerhalb, nicht causal, aber die Seele selbst ist doch nur jener differenzierte geistige Organismus, der sich um die persönliche bewußte Einheit zusammenschließt.
Wenn uns das Bild der organisierten Materie Schlüsse auf die geistige Gestaltung gestattet, so scheint nur gerade die Pflanze durch ihre räumliche Dezentralisierung gegen ein bewußtes Seelenleben zu zeugen. Es bliebe also für den Fechnerschen Seelenbegriff nur jenes unsichtbare Centrum organischen Lebens, das nach unsrer Erfahrung durchaus unbewußt sein kann.
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Ob das klar ist, u. einen Sinn hat, weiß ich nicht. Besser verstehe ich es nicht auszudrücken. Es ist mir das klare Denken ziemlich abhanden gekommen. Ich habe den Eindruck, daß doch nichts dabei heraus kommt.
Von Hermann hatte ich mehrmals ganz befriedigte Nachrichten aus Gr. - Geh. Rat Schuppe sei recht entgegen kommend. Das war Erdmann auch.
Hier schiche ich Ihnen nun endlich die wunderhübsche Waldaufnahme mit Ihrem Freund Ludwig wieder. Soll dies der Freund mit dem heiteren Temperament sein? Das würde man nicht von ihm denken, die tiefliegende Augen lassen den Ausdruck eher düster
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| erscheinen. Die Stirn u. diese Augen sind schön, aber sonst sind die Züge so weich, fast möchte ich sagen wenig männlich. Aber was kann man nach solch kleiner u. wenig scharfer Aufnahme sagen. Wo ist denn dieser Wald mit dem herrlichen, grünen Boden. Bei Berlin ist doch nur Sand!! - Den originellen Brief vom Schorschel Weise können Sie vernichten. Vielleicht macht er Ihnen Spaß. -
Und nun Schluß! Draußen ist es naß u. kalt. Nur selten waren noch schöne Momente, in denen die Sonne über den farbenglühenden Wäldern leuchtete. Sooft sind Herbst u. Frühjahr hier eigentlich besonders schön. Sie sollten doch einmal zu Ostern herkommen! Wie wärs wenn Sie das mal in Aussicht nähmen?
Grüßen Sie Ihre lieben Eltern recht herzlich. Hoffentlich sind sie alle gesund. In treuem Freundschaft    Ihre Käthe Hadlich.