Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 9. Dezember 1907 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 9. Dez. 07.
Mein lieber Freund.
Immer, wenn eine Nachricht von Ihnen kommt, möchte ich am liebsten sogleich antworten u. im Eindruck des Gelesenen festhalten, was es an Gedanken in mir auslöste. Aber es kommt selten dazu u. dann gehen die Tage darüber hin u. wenn ich auch mit diesen Gedanken weiter lebe, so finde ich den Ausdruck schwerer u. ungenügender. Auch heut bin ich so müde, daß Sie Nachsicht haben müssen. Aennes Sprichwort: "ich bin nicht zum "Schaffe" geboren", ist auch stark auf mich anzuwenden. Es waren ja zwar auch im
[2]
| letzten Monat allerlei ernste Aufregungen, teils persönlich, teils indirect, u. das kann ich noch weniger vertragen. Wie wohl haben Sie mir da mit Ihrem lieben Brief u. den schönen Versen getan. Mit welcher Freude, einem wahren, tiefen Glücksgefühl habe ich auch den pädagogischen Aufsatz gelesen, der so warm u. unmittelbar Ihre Wesens- u. Denkart zum Ausdruck bringt. Diese begeisterte Stimmung des lebendig Schaffenden muß doch in jedem, der Empfindung hat, wecken u. zünden. Das sind Ziele u. Ideale, die dem wirklichen Leben angehören, man fühlt die eigne Erfahrung in allem, die sich zu klarer, fruchtbringender Erkenntnis läuterte. Ich kann nicht verstehen, inwiefern diese vertiefte u. allseitig lebensvolle Auffassung des
[3]
| Lehramtes dem Herausgeber Bedenken machen konnte. Ob es die Kritik an Herbart ist? Sie ist doch wahrhaftig in berechtigten Grenzen. - Was kann es dagegen Höheres geben, als dieses Bilden der Seelen zu freier Menschlichkeit! Mit welcher Freiheit schildern Sie den wunderbar lebenzündenden Vorgang echter erziehlicher Wirkung. Dies göttliche Feuer ist freilich nur wenigen anvertraut; ich kenne es bei niemand in solcher Kraft u. Schönheit, wie bei Ihnen. Ich muß an die Goetheschen Worte denken: "- forme Menschen nach meinem Bilde,". Wohl hat dies prometheische Schaffen seine tiefe Tragik in dem Problematischen des erreichbaren Einflusses,
[4]
| des sichtbaren Erfolges. Aber seine sonnengleiche Kraft ist auch ein hohes u. heiliges Glück. Wie sehr ich dies alles mit Ihnen empfinde, brauche ich nicht zu sagen - Sie wissen es. Wir beide wissen, daß ein wunderbares, selbstverständliches Verstehen zwischen uns ist, auch wenn der Ausdruck oft ein verschiedener ist. Das kann man nicht suchen u. nicht wollen, das steigt aus den metaphysischen Tiefen, von denen Sie sprachen. Und warum sollte eine solche aus dem geistigen Grunde des Lebens stammende Verwandtschaft weniger reales Recht für sich haben, als die äußerliche, die so oft die innere nicht bedingt? Mir ist sie Wirklichkeit, die mich täglich mit Dankbarkeit gegen das Geschick erfüllt.
[5]
| Die gegenseitige Förderung, auf welchen Gebiet auch immer, (Sie nennen es das erziehliche Moment) ist auch mir der Maßstab jeder Beziehung. Dieses "Helfen zu leben" war auch der Grund meiner Freundschaft mit Aenne, u. diese haltende Kraft hat ihr Leben durch alle Stürme behauptet. Daß eine solche Wirksamkeit nur in geringem Maße zwischen Ihnen u. jenem Briefschreiber bestand, spürt man an seiner Verständnislosigkeit für Ihr Wesen u. Streben. Dennoch schien mir eine treue Anhänglichkeit u. schmerzliche Enttäuschung aus den Zeilen zu sprechen, so daß ich hoffte, es sei doch eine Verständigung noch möglich. Und daß Ihr stellenweise zu forciertes Arbeiten Ihren Freunden
[6]
| u. - Verwandten Sorge macht, ist Ihnen doch wohl nichts Neues Nur ist es seltsam, das als persönliche Kränkung aufzufassen. -
Ganz erstaunlich ist es mir, wie Sie es in der Husrede fertig bringen, sich dem jugendlichen Hörerkreis anzupassen. Es ist garnicht, als wäre das Ihr Stil! - Und dann wieder die kritische Schärfe u. kühle Verstandeshöhe der Recensionen. Sie setzen, dem Publikum der Schriften entsprechend, immer ein geistiges Niveau voraus, zu dem ich mich nicht aufschwingen kann. Ob ich eben besonders geisteslahm bin, oder es sonst nur weniger empfunden habe, weiß ich nicht. Ich hoffe, in den Weihnachtsferien soll es mal wieder besser werden.
[7]
| Wenn das Wetter so trübselig bleibt, werden Sie wohl besser tun, in eine größere Stadt u. nicht in den Harz zu gehen. Schade ist es, daß Cassel Ihnen zu weit ist. Aber wer weiß, ob Sie es dort fänden, wie ich es wohl möchte. Darum kann ich Ihnen nicht zureden u. hoffe um so mehr auf Ostern.
- Die Aufsatzthemata imponieren mir ungeheuer. Was müssen Sie für kluge Mädels haben! Lächerlich finde ich diese Schikanen des Collegiums. Da fehlt jetzt Frl. Naumann.
Ob Sie wohl etwas von Hermann hörten? Er war, glaube ich 2 - 3 Tage zu einer Hochzeit in Berlin. Mir schreibt er schon länger nicht. Ich hatte ihm sehr ernstlich meine Sorgen über seine
[8]
| Zukunftspläne ausgesprochen. Ob wir uns in Cassel treffen werden, weiß ich nicht. Er wird ja wohl nach Bonn gehen. - Ich kann ihn oft so schwer verstehen!
- Sie fragen nach dem Augenarzt. Ich kenne ihn natürlich nicht u. konnte auch niemand danach fragen. Wir waren s. Z. bei Prof. Horstmann in der Potsdamer Str. - Daß die Operation des grauen Stares mißglückt, kommt, so viel ich weiß, kaum vor. Ist Ihr Onkel an beiden Augen erkrankt? Wird er sich sogleich zur Operation entschließen? Wie herzlich wünsche ich guten Erfolg. Hoffentlich ist er recht geduldig, das ist so wichtig. Bitte, berichten Sie mir wieder.
Und wie ist es mit der Klebearbeit für Ihren Freund Kügelgen? Wollen Sie mir die nicht anvertrauen? Solche Kunstfertigkeiten schlagen doch mehr in mein Fach. Das Papier heißt Zanders deutsches Büttenpapier, (glatt zum Federzeichnen). <li. Rand> Ich muß aufhören, denn ich habe kein Papier mehr. Aenne lässt <li. Rand S.7>für das gelbe Heft danken u. grüßt Sie herzlich. Bitte grüßen <li. Rand S. 6> Sie auch von mir Ihre Eltern. Hoffentlich sind sie wieder gesund? <li. Rand S. 5> Mit treuen Grüßen auch für Sie Ihre Käthe Hadlich.
[über Gruß] <in schlechter Schrift> Verzeihung, das war das Löschblatt!
[Kopf S. 5] Die Husrede u. 2 Briefe - haben sie Zeit bis Weihnachten?
[li. Rand S. 4] Von m. Vetter Hans hatte ich einen vergnügten Brief. Er hat den Assessor gemacht.