Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Dezember 1907 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Dez. 07.
Lieber Herr Spranger.
Mir ist, als müßte ich um Entschuldigung bitten für meinen letzten, so nichtssagenden Brief. Wenn Sie zwischen den Zeilen gelesen haben, so werden Sie wissen, wie wenig er der Ausdruck meiner innerenStimmung war. Noch immer ist diese quälende Müdigkeit nicht vorüber: nur wenn irgend etwas von außen mich ablenkt, empfinde ichs weniger.
Vorhin war Schwalbe bei uns, der immer Sonntags hier eine Vorlesung hält u. dann den Abend mit uns zubringt. Er ist ja jetzt Prosector
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| in Karlsruhe. Er bietet mir immer halb scherzend, halb ernstlich die Stelle einer Hilfsassistentin an, für die er eine Dame sucht. Ich habe immer sehr gern mit ihm gearbeitet u. ich würde eine solche, wenn auch geringe feste Anstellung sehr wünschenwert finden, aber ich kann mich nicht dazu entschließen. Ich mache es mir stets zum Vorwurf, daß ich nicht entsprechend verdiene, daß ich ohne angeerbte Mittel nicht leben könnte. Ich rede immer davon, daß ich ernstlich für den Erwerb arbeiten wolle, aber wenn sich eine reale Gelegenheit bietet, günstig mir nur möglich, dann - will ich nicht. Das ist so inconsequent. Aber ich kann mich nicht entschließen. Mein Leben ist hier so tief verwurzelt, die Trennung vor allem von Aenne würde ich als unersetzlichen Mangel empfinden. Mein
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| Dasein ist sehr eng, nach außen von verschwindender Bedeutung u. ohne "Stellung" in der Welt, aber mir ist es in sich reich u. bedeutungsvoll. Ich suche aus meinen Stunden zu machen, was ich vermag, ich hoffe immer von neuem in meinem bescheidenen Talent doch nach eine Form des Audrucks, eine Sprache für mich zu finden. Die Gelegenheit an geistigen Interessen Anteil zu nehmen, bietet sich mir wie von selbst, u. im Herzen lebe ich mit geliebten Menschen. Das ist ein Kreis, der sich ganz still u. ohne bewußte Absicht allmälig aus meiner Wesensart heraus gebildet hat u. den allseitig u. harmonisch auszufüllen, im Gleichmaß der Kräfte, Strebungen u. Pflichten, mein stetes Bemühen ist. Selbst dazu reicht es nicht immer,
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| würde aber meine Gesundheit eine so stramme Berufsanspannung dauernd aushalten? Ich bin noch immer alle dann u. wann ernstlich krank gewesen, u. wenn ich auch durchschnittlich weniger ein Versagen zu fürchten habe, als früher, weil ich Überanstrengung vermeide, so ist die positive Kraft doch sehr gering. Dadurch ist mir die Möglichkeit der Betätigung eng. Will ich einen vollen Beruf, ein Handwerk, so müßte dieser Kampf um die Existenz auch die ganze Existenz bedeuten; will ich ein Leben, wie es mir wertvoll scheint, frei, verinnerlicht u. vertieft, so muß ich mir nach außen genügen lassen an dem kleinen Kreis lebendiger geistiger Beziehungen in denen ich meine Wesensart auswirken kann. Beides ist mir nicht gegeben. Sichtbar
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| ins Breite u. Weite zu wirken, vermag ich nicht. Ich schätze die Fähigkeit zu geordneter Berufsausübung als den Ausdruck einer Tüchtigkeit, die mir abgeht. Ich bin eigentlich nie müßig u. doch scheint mir, als schaffte ich nichts u. der Ertrag ist gering.
Aber es käme mir vor, wie ein gefährliches Experiment, wollte ich das gemütliche Heim, den kleinen, aber gesicherten Kreis hier aufgeben, um vielleicht nach kurzem dort zu erkennen, daß meine Kräfte nicht reichen oder daß die Stellung durch eine etwaige Berufung von Ernst den Hauptwert fur mich verlöre. Ich hoffe, ich kann die Ablehnung verantworten? Wäre es hier, so würde ich es ohne Zweifel versuchen.
Sie glauben nicht, wie ich oft unter diesem Gefühl mangelnder Lebens
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|tüchtigkeit leide. Es ist traurig, daß die Erkenntnis der eignen Mängel durchaus nicht immer die Möglichkeit der Überwindung giebt. Sie können sich keinen Begriff machen, lieber Freund, wie quälend eine solche Unfähigkeit der Realität gegenüber ist. Sie ist mir "der farbige Abglanz" u. doch, nur "am farbigen Abglanz haben wir das Leben!"
Mir ist, als wenn es mir ewig ungenützt durch die Finger rieselte; ein wunderbarer Traum aus meiner Kinderzeit scheint mir oft wie eine sinnvolle Vorbedeutung. -
Was ist das Leben mehr, als ein ewig vergebliches Sehnen! Aber diese Sehnsucht ist eben sein tiefster Inhalt. Mag es Erfüllung oder nur Erlösung im Tode finden, es trägt uns dies Sehnen von Stunde zu Stunde, von
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| Tag zu Tag, vorwärts, aufwärts - - - einem Ziele zu? In immer wechselnden Gestalten erscheint uns dieses Ziel, aber immer mehr treten diese äußeren Bilder zurück vor der Erkenntnis der tiefsten Zusammenhänge unsres Wollens. Es ist eine göttlliche Stimme in uns, die uns leiten u. zum Frieden führen kann, zur Selbstüberwindung. Nur in der Erlösung vom Individuellen haben wir Teil am Ewigen, Göttlichen - darum kann ich an die Ewigkeit des einzelnen, individuellen Lebens nicht glauben; aber seinen ewigen Gehalt fühle ich. Ist es nicht bezeichnend, daß alles, was uns über die Schranken des Individuellen hebt, als göttlich empfunden wird: Andacht, - Erkenntnis, vor allem die Liebe?
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Es kommt mir manchmal vor, als hielten Sie mich für atheistisch, weil ich für dies Höchste, Heiligste keine individuell begrenzte Vorstellung finde - oder suche. Einen individuellen Zug hat sie dennoch in der notwendig vorgestellten Tendenz u. Willensrichtung dieser Kraft. Aber weil ich dies schaffende Wirken so gut in jeder noch so kleinen "Kunstform der Natur" bewundere, wie im menschlichen Geist, muß ich es darum etwa weniger anerkennen? Gerade an mir selbst habe ich so tief diese von innen heraus gestaltende Kraft erfahren, die über meinen Willen u. meine Einsicht hinweg mein Leben bestimmte. Ich weiß aus Erfahrung, daß "Pflicht" nicht ein kaltes, von äußerem Zwange diktiertes Gesetz ist, sondern daß wir darin nur unserem eigensten Wesen gemäß handeln.
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| Kann man das alles erleben, ohne an eine höhere Bestimmung des Daseins zu glauben? Nur in der Form einer eigentlichen Vollendung kann ich diese nicht denken, sondern in der einer immer klareren Zielsetzung. Aber Leben ist keine Vollendung, Erfüllung ist Stillstand - oder Tod. Wenn wir in der Naturwissenschaft die Erscheinungen in ihrem mechanischen Zusammenhange als causale Kette aufrollten u. vor dem letzten, unerklärlichen Rätsel stehen, - wenn wir in dem Gewirr persönlicher Wünsche u. Ansichten die bestimmende Kraft des "Gesetzes" in uns fühlen, so berühren wir das Göttliche u. haben Teil daran. Aber ich habe weder das Bedürfnis, es mit Begriffen umschreiben noch im Gefühl ergründen zu wollen, noch kann ich seine Existenz als eine von der Realität gesonderte, persönliche
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| denken. Mir scheint daß sein, der Welt immanentes Wirken, das sich über die körperlichen Dinge hinweg zu einer Welt des Geistes steigert u. formt, das sich in allem Gestalten des Lebens als unerschöpfliche Kraft u. unerbittliche Gesetzmäßigkeit dokumentiert, zu seinem Bilde werden kann für jeden, der es sehen will. Ist es wirklich der einzige Weg zur Befreiung den Menschen auf eine jenseitige Welt der Vollendung zu weisen, u. hebt es ihn nicht über das Beschränkende der irdischen Existenz, wenn er sie als Glied des göttlichen Weltzusammenhanges sieht? Der Wert des Zieles besteht doch nicht in der Möglichkeit eines endlichen Erreichens, sondern in der des Richtungnahme, die es dem Leben giebt. - - Es ist eigen, daß immer von Zeit zu Zeit die Fragen
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| in mir so lebendig werden, in deren Deutung ich mich stets im Kampf mit Ihnen fühle. Ich bin überzeugt, daß es einen Standpunkt darüber geben muß, von dem aus unsre so fest gewurzelten Überzeugungen sich versöhnen. Ob wir ihn nicht finden können? Denn daß wir in wunderbarer Weise wesenverwandt sind, das wissen wir ja.
Werde ich vor Weihnachten noch einmal von Ihnen hören? Wohl kaum. Am Freitag ganz früh fahre ich, mit Aufenthalt in Frkft., nach Haus.
Hier wird es noch lebhaft zugehen. Stunden u. Weihnachtsvorbereitungen, Besuche u. degl. - - Morgen hat sich Arnold Ruge angesagt zum Kaffee. Wie viel lieber wäre mirs, wenn Sie das sein könnten! - Sehr nett war es neulich mit dem jungen
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| Möllendorff, der ein begeisterter Zoologe u. Empirist ist. Er brachte mir Schriften seines Onkels Willamowitz mit, griechische Dramenübersetzungen u. eine Sammlung von Vorträgen, deren Vorwort, Widmung an seine Pförtner Lehrer, mir außerordentlich gefiel. Diese begeisterte Dankbarkeit gegen die Bildner seiner Jugend klingt aufs schönste zusammen mit Ihren pädagogischen Idealen. Wenn doch Hermann davon einen Funken hälte! Haben Sie von ihm gehört?
Nun aber, mein lieber Bruder, will ich schlafen gehen, denn es ist schon recht spät, u. morgen muß ich früh zum Zahnarzt. O - das ist ein trauriges Kapitel! - Hoffentlich sind Sie alle gesund, u. wenn Sie sonst keine Zeit haben - schreiben Sie mir mal eine Karte. Mit den herzlichsten Grüßen
Ihre Käthe Hadlich.