Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. Dezember 1907 (Kassel)


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Cassel. Heiligabend 1907.
Mein lieber Freund.
Nun sind die festlich frohen Stunden vorüber, aber ich kann den Tag nicht beschließen, ohne Ihnen wenigstens noch ein paar Zeilen zu schreiben. Wie danke ich Ihnen für das schöne, sinnige Geschenk, das nur viel zu kostbar ist. Und doch ist ja der Inhalt, für den es mir Symbol ist, unendlich wertvoller. Wie wunderbar, wie heilig ist das Leben, ich will es halten in dieser edlen Schale, ich will es leben in einem reinen Herzen! Wie tief u. unergründlich die Quellen sind, das weiß ich so recht erst durch Sie. Ihr Maßstab ist in so vielem auch der meine geworden, u. wenn ich mir der Grenzen des eignen Wesens u. somit auch dieser "Anpassung" wohl bewußt bin,
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| so weiß ich doch auch, daß diese letztern viel größer ist, als Sie wissen. Sie haben mich gelehrt, den Inhalt des Lebens in seinen wahren Werten zu sehen, Sie haben für so vieles, was ich unklar suchte, die klare Form gegeben.
Wohl ist es ein ernstes Geschick, das uns verbunden hat, aber ich möchte es nicht um das glänzendste heitere Los eintauschen. Eins allerdings ist zu meiner Zufriedenheit durchaus notwendig: Das Gefühl, daß auch ich Ihnen helfen darf. Ihr lieber Brief aber u. die Verse haben einen so schweren, traurigen Ton, daß es mich quält u. bedrückt. Was kann denn nur mit der Klasse vorgefallen sein? Ist es so arg, wenn diese junge Dinger mal ein bißchen leichtsinnig oder faul sind? Es sind doch noch Kinder! Ich bin gewiß, nach den Ferien ists wieder anders. Daß die Kinder nicht entfernt ahnen, was Sie ihnen geben, ist wohl natürlich. Aber wenn die Wirkung
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| auch unbewußt ist, sie ist doch da. Mag das momentane Verständnis, der fehlende Ernst auch zuweilen enttäuschen, die Samenkörner, die Sie streuen, sind lebendig, voller Kraft. Ein Zweifel daran, kann nur die Folge einer augenblicklichen Verstimmung sein. Wie sehr aber solch Mangel an sichtbarem Erfolg bedrückt, weiß ich von meinen Erfahrungen in Schwetzingen. Doch ich habe da zum Schluß auch wieder Hoffnung geschöpft u. so glaube ich sicher, werden auch Sie den gewohnten Contact, das Bewußtsein Ihrer Kraft wiederfinden.
Wie mögen Sie den heutigen Abend verlebt haben? Und ob Sie wohl ein bißchen Gefallen an meiner Zeichnung fanden? - Hier war es stiller, alltäglicher als sonst. Unser Ältester fehlt uns - u. ich habe besondere Gründe, seine Abwesenheit zu bedauern. Ich hätte
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| so gern Klarheit mit ihm. Aber er blieb mir die Antwort auf einen sehr ernsten Brief schuldig u. ich weiß nicht, wie er dazu steht. Das ist ein Druck, den ich nicht abschütteln kann, u. auch sonst hatte ja das letzte Jahr manches Schwere gebracht. - Der Onkel ist mit seiner Frau in einem Sanatorium, u. wir haben sein 3 jähriges Bübchen hier bei uns. Es ist ein liebes Kind, aber er war schon krank als ich kam, u. hat uns auch Nachts ein paarmal rechte Sorge gemacht. Da ich schon recht ermüdet ankam, habe ich mich dabei nicht sehr erholt. Ich bin froh, daß ich wenigstens ohne Sorgen nach Heidelberg denken kann u. hoffe, daß auch Sie mir recht bald etwas leichteren Herzens schreiben. Bitte, machen Sie auch Ferien u. ruhen Sie aus! Grüßen Sie Ihre lieben Eltern herzlich. Innigen Dank u. viele Grüße sendet Ihnen in Freundschaft und Treue
Ihre Käthe Hadlich

[li. Rand S. 1] Ich bin so froh, daß die Kur Ihres Onkel gut verläuft, ich habe oft daran gedacht. Wie geht es Ihrer lieben Mutter?
[li. Rand S. 4] Der liebe, reizende Becher steht immer vor mir u. ich freue mich so daran!