Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Dezember 1907 (Kassel)


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Weihnachten 1907.
Mein lieber Freund.
Zum erstenmal aus Cassel, glaube ich, kommen meine Weihnachtsgrüße für Sie u. Ihre verehrten Eltern. Draußen ist Sturm u. Regen, als wär es November u. eine eigentliche Weihnachtstimmung will noch nicht aufkommen. Und doch ist alles auch hier in der Vorbereitung für das Fest. Ob Ihnen wohl mein Bildchen Freude machen wird? Sie kennen seine Vorgeschichte u. ich weiß, es kann Ihnen viel von dem erzählen, was mich bei der Arbeit bewegte. Und das Datum seiner Entstehung war zufällig der für
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| uns so bedeutungsvolle Todestag des geliebten Großherzogs. Wieviel Gemeinsames für uns beide ist mit den paar bunten Kreidestrichen festgehalten - ich möchte sie darum auch nur in Ihren Händen wissen. Denn nur mit Mühe habe ich sie vor dem Verkauf im Kunstverein gerettet. Daß das Bildchen unter Glas u. Rahmen steckt, kommt auch davon, daß ichs ausstellte. Sonst erschien es mir wohl prätentiös. Denn es ist doch im Grunde etwas unbequem, so treulicher Abnehmer für die Produkte einer kunstbeflissenen Freundin zu sein. Damit Sie doch etwas Geschmack an der Sache finden, habe ich die beiden Kästchen als Raumfüllung dazugetan, aber beißen Sie sich an dem Stein nicht die Zähne
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| aus! Der ist wohl besser als Briefbeschwerer zu verwenden. Er stammt aus unsrer Sommerfrische u. hat eine ganz bewegte Vergangenheit. In der Nähe des Steinbruchs auf der Lenzerheide fand ich ihn bei dem ersten Zusammensein mit "unsrer Schweizerin". Sie entriß ihn mir lebhaft u. trug ihn nach Haus, wie ich vermute, meine Absicht damit erratend. Dann war ich ein paarmal ernstlich verstimmt über das sonderbare Fräulein u. da wollte ich eigentlich den Stein fortwerfen. Aber - was kann der Stein dafür, u. was konnte im Grunde sie selbst dafür? Nun scheinen mir die kleinen, losen Bergnelken ein nettes Symbol dieser Episode - u. Sie freuen sich vielleicht dieser lose verschlungenen Beziehungen, der solide Stein aber, der dauerhafte Grund soll uns das bedeuten, was wir in
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| allem Wechsel der Dinge bewahren wollen. Wie dankbar empfinde ich diesen unvergänglichen Besitz. Seine Bedeutung für mein Leben ist so tief u. voll heiliger Kraft. Ich weiß, Sie müssen dasselbe empfinden, wir leben ja gemeinsam! Am ruhelosen Strom der Zeit suchen wir den Weg, aber nicht hoffnungslos, sondern in der Gewißheit des Zieles. Mein Glück aber ist es, wenn diese Gemeinschaft Ihnen Trost u. Hülfe sein kann. Verleben Sie die Feiertage gesund u. freudig mit Ihren lieben Eltern. Lassen Sie mich von Ihren Plänen hören, daß ich Sie doch in Gedanken begleiten kann, da leider ein Zusammentreffen unmöglich ist. In treuer Freundschaft sendet Grüße u. gute Wünsche von ganzem Herzen
Ihre Käthe Hadlich.