Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Dezember 1907 (Kassel)


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Cassel. 30. Dez. 1907.
Mein lieber Freund.
Zum fünften Mal, seit wir uns kennen, beginnt ein neues Jahr. Ich muß es nachrechnen, um es zu glauben, daß wirklich schon eine so lange Zeit seitdem verging. Von Tag zu Tag spinnt sich das Leben weiter, kaum merklich in den Veränderungen, seltsam gleichförmig in Ebbe u. Flut. Immer mehr werden die äußeren Ereignisse nur das zufällige Ausdrucksmittel für das eigentliche, tief innere Dasein. Daß Ihnen dies tiefste, ursprüngliche Wesen immer klarer u. freier zum Ausdruck komme, daß der göttliche Quell in Ihnen immer ungehinderter in segensvoller Tätigkeit sich ergießen möge, das ist mein treuer, inniger Wunsch für Sie. - Wir haben uns in einer ernsten
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| Lebensauffassung gefunden, wohl nicht aus "Gewöhnung", sondern weil wir darin unsrer Natur gemäß leben. Wir haben einen gemeinsam erkämpften, durch manchen Konflikt erprobten Besitz, den wir füreinander u. miteinander erhalten u. erweitern wollen. So gehen wir weiter auf dem gewählten Wege, dessen Dauer u. mögliche Trennungspunkte wir nicht kennen, dessen Ziel, dessen Richtung aber mit leuchtender Gewißheit von höchstem Werte für uns ist. Die lebendigen Quellen an diesem Wege weiß mein Freund in edle, bleibende Form zu fassen u. ich versuche zuweilen den "farbigen Abglanz" festzuhalten! Und so fortan. -
Und solch ein köstlicher Lebensbesitz sollte doch Kraft haben gegen die Schatten, gegen die Not des Lebens, die freilich von den feinen, empfindlichen Seelen tiefer u. quälender empfunden wird, als von gröberem Stoffe. Mir leuchtet es aus dem kleinen Becher wie lauter
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| Sonnenschein entgegen, ich glaube all der Herzenglanz des Weihnachtsbaums hat sich darin gefangen. Es kommt mir vor wie ein Talisman gegen alle trüben u. schweren Stunden!
Höchlich amüsiert hat mich Ihre Beschreibung von der kolossalen Beherrschung Ihrer Neugier von Weihnachten. Und ebenso mußte ich über Ihre Idee lachen, ich könnte gekränkt sein, weil Sie auf die drollige Recension nicht antworteten. Das war mir wirklich nicht so wichtig u. wenn ich überhaupt Anlage hätte, gekränkt zu sein, so hätte ich manchmal viel mehr Veranlassung, wenn ich auf Fragen u. sonstige Dinge, die mir oft recht am Herzen liegen, nie eine Antwort kriege. Aber ich finde das so selbstverständlich, wenn Sie die Sache eben nicht beschäftigt, daß selbst Aennes Bemerkung, sie möchte nicht immer Briefe schreiben, "die ihn nicht
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| erreichten", nicht um den Glauben bringen kann, daß sie dennoch richtig ankommen.
Mit Freude habe ich gelesen, daß Sie meine Entscheidung über die Berufssache auch billigen. Es hat mich ernstlich beschäftigt, aber es schien mir nun einmal nicht das Richtige. - Wenn ich doch wüßte, was für Pläne Ihnen Hermann mitteilte. Ich hoffe sehr, daß Ernst Schwalbe jetzt zu Neujahr mal wieder in unserm Sinne an ihn schreibt. Ich glaube doch, daß es nicht ganz wirkungslos sein würde. - Heute soll Hermann mit seiner Braut für eine Woche herkommen. Sie werden mit mir empfinden, daß ich mit heimlichem Bangen an das erste Wiedersehen denke. Zurückzunehmen habe ich nichts; aber ob wir uns verstanden haben, weiß ich nicht. Ich bin zu Weihnachten mit einem freundlichen Gruß abgefunden. Ich hoffe so sehr, daß es zum Guten war, was ich ihm sagen mußte.
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Ihre Karte aus Musterhausen freute mich sehr. Die Zeichnung von Ihrem Freund Ludwig imponiert mir ungeheuer. Was stellt es den vor?
Hier ist heute auch herrliches Winterwetter, dicker Schnee u. Sonne. Ich hoffe, daß wir doch nach Erledigung der Neujahrspflichten noch öfters nach Wilh. Höh kommen. Und Sie werden hoffentlich auch noch recht viel in die Berliner Umgegend hinausziehen. Da giebt es so viel schöne u. interessante Stätten, die mir fremd sind u. die ich gern mal kennenlernte. Machen Sie mal Vorstudien für den Fall, daß ich auch wieder dorthin komme. - Ihre Osterpläne interessieren mich sehr. Ich denke, daß es wirklich sehr nützlich wäre, wenn Sie nach dem langen, anstrengenden Winter dann mal wieder einige wirkliche Ferientage machten u. auf mindestens eine Woche ohne Arbeit ins Neckartal kämen. Vor
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| absoluter Langeweile hoffe ich Sie ebenso zu bewahren, wie vor geistiger Anstrengung. Und im Frühling glaube ich unsre Gegend wirklich zur Erholung empfehlen zu können, was ich im Sommer mit gutem Gewissen nicht kann, zur Entrüstung gewisser auf Eberbach versessener Leute! Und in der noch unsicheren Jahreszeit wäre ein Zusammentreffen am fremden Ort weit weniger gemütlich, wie wir von Dresden wissen, wo wir die eigne, warme Stube schließlich doch vermißten. Also bitte, lassen Sie diesen Plan zu Wirklichkeit werden.
Sie fragen nach der Farbe des Steins. Die ist ganz natürlich, wohl ein Schiefer; nur in der unmittelbaren Umgebung der Blumen habe ich etwas nachgeholfen, sonst bemutzte ich nur das Vorhandene. Uns hatten die Nelken auch so gut gefallen, daß wir uns einen ganzen Strauß in die Stube stellten. Aber sie
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| erwiesen sich in solcher Nähe als unerträglich wegen des betäubenden Duftes.
Aber Sie werden viel lesen müssen in diesen Tagen, drum will ich Sie verschonen. Noch einmal: viel Glück zum neuen Jahre, u. dazu gehört mir, daß der Gleichklang in unsern Seelen fortwirken möge auch in Zukunft, tröstend, befreiend u. stärkend wie bisher.
Bitte geben Sie beliegende Karte ab u. nehmen Sie selbst herzliche Grüße in treuer Freundschaft von
Ihrer
Käthe Hadlich.