Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Januar 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 10.I.08.
Liebe Freundin!
Ich sehe voraus, daß dies kein Brief werden wird; da ich aber auch die Arbeit der nächsten Woche*) [re. Rand] Montag: Colleg u. Geburtstag des Onkels. Dienstag: Konferenz. Mittwoch Vortrag. Donnerstag: Schulrevision vermutlich! voraussehe, will ich unsre Unterhaltung im neuen Jahr, so kurz sie sein mag, nicht länger hinausschieben. In den nächsten Tagen hoffe ich ein Paket zu senden, das enthält: 1) Rohde- Nietzsches Briefwechsel - angelesen - mit herzlichem Dank zurück. Zum zusammenhängenden Lesen komme ich in diesem Quartal sicher nicht. Es ist aber außerdem etwas in diesem Briefwechsel, was ich nicht goutiere; so eine Dunstwolke Nietzscheweihrauch, und da mich dies Phantom ebensowenig blendet, wie jede andere Form von Weltschmerz, so beißt mich auch dieser Rauch mehr in die Augen, als daß ich in Bewunderung geraten könnte. Das sind für mich ganz prinzipielle Fragen. Wir haben schon am 31. VIII. 03 davon gesprochen, daß es ein bewußtes Blindmachen geben muß, garnicht in dem Sinne willkürlicher Weltdeu
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|tung, sondern in dem Sinne eines kräftigen Fertigwerdens mit der Welt. Nietzsche hat so etwas auch gewollt, und es ist doch nichts dabei herausgekommen als Menschenverachtung. Wenn das einer reichen Natur passiert, so dreimal pfui darüber. Alles was mich in dieser Überzeugung wankend macht - denn auch ich habe verzagte Stunden - halte ich mir als Gift fern. Die Einleitungen der Frau F. N. verderben mir in der Regel schon den Appetit selbst für das Schöne, was folgt. - Besagtes Paket enthält ferner 2) einer Reihe schöner Originalbriefe, die Ihnen am besten von meinen Neujahrseindrücken erzählen werden. Hinzufügen muß ich allerdings, daß die nachträgliche Gratulation des Direktors und die fehlende der Klasse mir insofern schmerzlich waren, als ich den Kontrast zum vorigen Jahre empfand und doch zugleich die Ausgabe an Kraft, die mir gerade die Schule als meine Liebhaberei zum Schluß von 1907 gekostet hatte. 3) Eine Recension, die ich freilich zurückerbitte und nur deshalb beilege, weil sie a) das letzte Dokument meiner Arbeit in Churwalden ist, und b) mich zum ersten Male auf dem Gebiet der Ästhetik zeigt.
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| 4) die Weihnachtsnummer der Glocke, die aber noch immer nicht eingetroffen ist und daher den Abgang des Paketes verzögert.
Nun zum Text. Meine herzlichsten Wünsche haben Sie nach Heidelberg geleitet und Ihren Aufenthalt in Cassel, ihr Zusammensein mit Hermann nicht minder begleitet. Zugleich muß ich konstatieren, daß Ihr letzter Brief (worauf ich schon lange aufmerksam bin) keine direkte Frage enthält, ausgenommen die eine, was mir Hermann über seine Pläne geschrieben hat. Hierauf erwidere ich, daß ich vor Neujahr überhpt nichts von Hermann gehört habe, und daß mir sein Neujahrsbrief zwar seine Absichten, aber nicht seine Aussichten klar gemacht hat. Denn - vorbehaltlich einer besseren Belehrung - eine Habilitation in Greifswald, an deren Gelingen ich nicht zweifle, scheint mir eben gar keine Basis für irgendwelche Zukunft abzugeben. Ich hoffe immer noch, morgen oder übermorgen mit H. hier eine Stunde zusammenzusein, und dann werden wir ja wohl dieses Thema berühren.
Am 8.1. habe ich meine Vorträge in Steglitz
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| vor einem Publikum von ca 25 Leuten begonnen, nicht ohne Verstimmung, daß man mich zu einem so unrentablen Arbeitsaufwand veranlaßt hat. Trotzdem hatte ich das sichere Gefühl (– ich täusche mich darin nicht leicht, weil ich im allgemeinen eher schwarz sehe) einer starken Wirkung, und ich war selbst erstaunt, wie verändert meine Redeweise durch den neuen (politischen) Gegenstand war. Ich habe eine große Neigung, öffentlich zu reden, und bin jetzt im Freisprechen absolut sicher. Denn selbst die spezifizierte Disposition, die ich in der Hand hatte, konnte ich bei der Dunkelheit des Pultes nicht benützen. Wenn ich also später ein größeres Auditorium habe, kommt es auf m. Rechnung und nicht die des Vereins, trotz der ekelhaften Reklame, die er wöchentlich im Steglitzer Blättchen macht.
Wie viel glücklicher aber bin ich doch eigentlich in der Schule! Obwohl ich meine Herzlichkeit absichtlich zurückdämmte, war ich doch sofort wieder drin. Ich lache jetzt darüber, daß ich überhaupt an eine Rivalität der religiösen Dame gedacht habe. Die Jugend strebt nach Gesundheit, und wenn ich sie für mich selbst auch manchmal nicht habe, so gebe ich den Mädchen doch nur gesunde, reale Ideen.
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| Ich lasse jetzt unter dem Titel: "Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach ihrer Bestimmung" einen Aufsatz machen, in denen die Berufsarten der Frau geprüft werden sollen, wie weit sie Raum für die spezifisch weibliche Stärke (selbstlose Hingabe) bieten. Anfangs waren sie ganz stumm, teils weil sie nichts von modernen Berufen wußten, teils weil sie sich scheußlich genierten. Durch einen kalten Ernst aber brachte ich ihnen schon jetzt näher, was die Frage für sie bedeutet. Ich halte sie für durchaus brennend. Zum Schluß werde ich sie auf den Gedanken hinausführen, daß nur diejenigen Berufe für sie geeignet sind, die ganz oder doch teilweise eine Ausweitung ihres ursprünglichen Berufes in der Familie bedeuten.
Eine wunderliche Verkettung von Beziehungen entdeckte ich neulich. Ihr Herr Vater hat die Schwester meines Vaters in entscheidender Stunde in Pankow, wo sie damals wohnte, behandelt, und, wie sie behauptet, geradezu ihre Erhaltung bewirkt. Ich stehe der Familie sonst fern; es war mir aber doch ein lieber Gedanke. Wenn ich nicht irre, ist es um 1872 gewesen.
Durch diese wenigen Zeilen möchte ich mir nur
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| das Anrecht erschleichen, recht bald etwas aus dem Heidelberger Land zu hören. Möge es etwas recht Fröhliches und Freundliches sein! Mein Gedenken selbst bemessen Sie bitte nicht nach dieser Kürze. Es gehört Ihnen 1908 noch mehr als schon je! Bitte grüßen Sie Frl. Knaps herzlich von mir. Meine Eltern gedenken Ihrer stets herzlich. Mein Vater war einige Tage leicht erkrankt (Fieber.) Das Wetter ist hier wechselvoll wie die Launen des Schicksals. Dabei aber fällt mir eine herrliche Nachmittagspartie über das Eis des Teglersees und Tegelort, dann auf der Havel bis Heiligensee und humoristisches Ende in Hermsdorf ein. (mit dem Getreuen Ludwig.)
Stets in herzlicher Gesinnung
Ihr
Eduard Spranger.