Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. Januar 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 27. Januar 1908.
Liebes Fraulein Hadlich!
Obwohl ich eigentlich der briefschuldige Teil bin, vermute und fürchte ich doch fast, daß Ihr Befinden in dieser ungünstigen Jahreszeit nicht ganz günstig war, da Sie ja schon in Ihrem letzten lieben Brief (v. 13.I.) zu klagen Anlaß hatten. Bitte lassen Sie mich doch bald darüber hören! Mein Schweigen ist in der Unruhe der letzten Zeit begründet. Meine Mutter ist heute nach 5tägigem Liegen zum ersten Mal wieder aufgestanden. Ihre Krankheit war wie gewöhnlich mit einem völligen Auseinanderfallen des Haushaltes wie des Zusammenlebens verbunden und brachte eine unablässige Kette von Ärgernissen. Aber lassen Sie mich von diesem unangenehmen Kapitel schweigen.
Daß aus dem Zusammentreffen mit Hermann nichts wurde, habe ich um so mehr bedauert, als Sie sich in diesen Gedanken hineingelebt hatten. Etwas raten hätte ich ihm wohl kaum können; denn ich weiß nicht, ob man ohne weiteres in die Seminarien einer anderen Provinz aufgenommen
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| wird. Hierüber hätte er sich wohl zuerst Gewißheit verschaffen müssen. In seine Wandlung von Hegel zu Schuppe kann ich mich garnicht hineindenken. Ich weiß von mir selbst, daß der Mensch sich manchmal schuppt, aber diese Schuppung scheint mir doch zu sehr nach Hegels Schema Thesis - Antithesis. Aber Sie haben ganz Recht: Hermann will keinen Rat, selbst wenn man ihn geben könnte; also ist schließlich nur das vereitelte freundschaftliche Zusammensein vereitelt, das hoffentlich bei der Rückkehr zustande kommt.
Von der Casseler Zeit scheinen Sie mehr Unruhe als Erholung gehabt zu haben. In Heidelberg freuten Sie sich auf Cassel, in Cassel trösteten Sie sich mit der Heimkehr in ruhige Verhältnisse. Das ist so recht typisch für das Menschenherz, man enttäuscht sich so durch eine Hoffnung nach der andern durch bis ans Ende.
Es ist mir nicht besonders gegangen; ich hatte eine Halsentzündung, die mich wegen der vielen Sprechverpflichtungen jetzt ängstigte; sie ist noch einmal ohne Störung abgelaufen. Sie fragen nach dem Aufsatzthema. Ich finde allerdings, daß die Mädchen nicht heranwollen, habe aber jetzt
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| garnicht die Stimmung, um sie mit fortzureißen. Seit 14 Tagen erwarten wir täglich den Schulrat und die Revision; es ist natürlich, daß man da zu keinen freien Fortschritt kommt. Bisweilen auch mischt sich in meine große Liebe zu dieser Klasse ein Ärger über diese oder jene Äußerlichkeit, da ich jetzt sehr gereizt bin und anstelle des kollegialen Tones, mit dem ich in die Schule trat, und anfangs mich wohlfühlte, ein entschiedenes Selbstbewußtsein zur Schau trage; bisweilen sind sie mir eine Herde, ein servum pecus ohne Selbständigkeit und ausdauernde Treue, bisweilen wieder das einzige, woran ich mit glühendster Seele hänge. Bisweilen ist mir die Schule mehr als alles, bisweilen verwünsche ich die untergeordnete Position, für die ich meine Lebenskräfte hingebe. Ob das einmal aufblüht? Die Damen erreichen doch mit weit weniger Kapital dieselben Zinsen. Und wenn ich sehe, wie Erna Ewerts Wesen z. B. mich ästhetisch abstößt, ohne daß ich als Mann ein pädagogisches Mittel dagegen habe, kommt mir das Ganze leicht wie ein Fastnachtspiel vor, das ich mir selbst vorspiele.
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| Und doch, wie hänge ich an diesem Traum!
Bei den Steglitzer Vorträgen bin ich persönlich von dem Besuch natürlich unabhängig. Jeder wird fürstlich mit 10 M bezahlt. Aber der Besuch (zwischen 25 und 40 Hörer) ist im Verhältnis zu der Arbeit zu gering; denn über dies Thema gibt es nichts wissenschaftlich auf der Höhe Stehendes. Was ich vortrage, beruht im wesentlichen auf de meinem eigenen Studium. Das Publikum ist sehr dankbar und aufmerksam, besonders die Damen. Sollte ich mich in der Töchterschule zum Damenredner entwickelt haben? - Übermorgen kommt Nr. 4. Ich lege da das politische Testament Frdrs d. Großen zugrunde, das überhaupt erst seit wenigen Wochen publiziert ist.
Ich bin jetzt ernstlich auf Sicherung meiner Position bedacht. In Hamburg habe ich vorbereitende Schritte getan. Am Donnerstag mag in der öffentl. Sitzung der hiesigen Akademie verkündet worden sein, daß ich in die Humboldtausgabe eintrete. Leitzmann wenigstens, mit dem sich allmählich eine hübsche Arbeitsgemeinschaft herausbildet, schrieb es mir. Er hat die Sache bei der Einweihung des Nat. Theaters in Weimar mit Erich Schmidt besprochen. Wären meine umfangreichen Drucksachen herausgewesen, so hätte ich vielleicht während dieser Kombination
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| sogleich auch m. Habilitation hier durchdrücken können. Durch die Verzögerung bei den Kantstudien ist dieser Moment nun verpaßt. In der Akademiesitzung war ich nicht. Ich begann nämlich um dieselbe Stunde m. Privatlesezirkel. Sie sehen daraus wieder, wie dubiös mir mein eigentlich wissenschaftlicher Beruf ist. Jenes Ziel lockt mich weniger als die Schule. Wenn ich jetzt eintrete - und ich werde es bedingungslos müssen, tue ich es der Sicherheit und des Geldes wegen.- Natürlich kann ich nicht Töchterschullehrer bleiben. Aber gern würde ich Kerschensteiners Ideen über politische Erziehung in Berlin vorzubereiten u. zu organisieren mitwirken, wenn sich mir Persönlichkeiten irgendwie eine helfende Hand böten. Paulsen geht es aber besonders schlecht, und ich selbst habe keine überschüssige Kraft für unbesoldete Stellungen.
Troeltsch sandte mir neulich eine Aufsatz über Katholizismus und Reformismus, der mir wenig gefiel. Elsenhans hat m. Fechner in der Deutschen Litzeit. sehr nett recensiert.
Neulich war ich im Kloster [über der Zeile] Gesangaufführung - von dem ich nun 8 Jahre fort bin. Ich fand viel Herzlichkeit, aber wenig Wissen um mich bei den alten Lehrern. Wo sind diese 8 Jahre geblieben? Die Mehrzahl meiner
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| Kollegen ist angestellt oder dicht davor; 2 unterrichten sogar am Kloster selbst.
Neulich bekam ich eine Karte aus Tokio vom Professor Fujii. Dieser Mann beweist eine seltene Treue.
Mein Onkel unterzieht sich in dieser Woche dem 2. Teil seiner Operation. Wir haben seinen Geburtstag sogar recht fröhlich gefeiert, und ich habe der schönen Stunden vor 2 Jahren dabei lebhaft gedacht.
Fräulein Knaps geht es hoffentlich wieder gut! Bitte grüßen Sie herzlich!
Was Sie über die Selbständigkeit der Frau schreiben, ist ganz meine Idee. Aber sie gehen entweder darüber hinaus oder bleiben darunter. Der gesunde, graziöse Instinkt scheint vielfach verloren gegangen zu sein.
Mein Sommerreferat über Nietzsche ist nun gedruckt. Doch wird es wohl noch lange nicht erscheinen.
Ich lechze danach, etwas von Ihrem Ergehen, von der Kunst, den "Zeichenkindern", vom schönen Heidelberg überhaupt zu hören. Denn die Aussicht, es zu Ostern zu sehen, steht doch auf schwachen Füßen leider.
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Meine Eltern grüßen Sie herzlich ebenso wie Ihr
Herzlich getreuer
Eduard Spranger.