Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Februar 1908 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 7.II.08.
Liebe Freundin!
Für Ihre lieben tröstenden Zeilen innigsten Dank. Ich weiß wohl, daß ich zu dem reizbaren Geschlechte gehöre, und habe mich deshalb gewöhnt, die Zähne aufeinanderzubeißen, so daß so leicht keiner etwas merkt, wie mich die Erlebnisse ergreifen. Aber diese beißende und darum oft bissige Gebärde darf ich vor Ihnen ablegen, um mein wirkliches Inneres zu zeigen. Ich müßte lügen, wenn ich gerade heute Fassung und Ruhe heucheln sollte, an einem Tage, der vielleicht durch kleine Vorgänge über meine Zukunft entscheidet.
Daß ich gegenwärtig ganz kaput bin, ist allerdings wahr. Aber ich empfinde es doch als Glück, daß sich solche Schwächezustände nicht mehr als spezifisches Kopfleiden zeigen; denn so kann ich sie durch einige Tage Mäßigung beseitigen. Nicht aber können wir beide ein andres beseitigen: das seelische Leiden am Leben; und ich glaube, das ist bei uns heute nicht mehr Sentimentalität, sondern Lebensstimmung selbst. Immer mehr
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| komme ich zu der Überzeugung, daß uns an dieser Welt überhaupt nichts gewiß ist, als ihr ungeheures Minus. Ich müßte also Pessimist sein, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß dieses Minus nicht auftreten könnte, wenn es kein Plus gäbe, und daß das Plus doch das eigentlich Ursprüngliche ist. An diesem Glauben halte ich fest; er bewirkt aber, daß ich das Minus überall besonders deutlich empfinde.
Ich deutete Ihnen schon an, daß ich über meine Zukunft in diesen Tagen entscheiden kann und muß. Wenn ich nun hier von der Schule rede, so höre ich ringsum den Wunsch, sie als eine gering bezahlte, sehr zeitraubende, anstrengende und oft ärgerbereitende Position bald fallen zu lassen. Es ist mir aber, als sollte ich damit - wie ich noch einmal sage - von meiner Jugend und der Jugend überhaupt Abschied nehmen. Wenn ich jemals in diese Welt zurückkehren sollte, so wäre es nur als gescheiterte Existenz, d. h. nach Aufgabe der akademischen Hoffnungen. Gern führte ich diese Nebenstellung noch lange fort; denn Sie wissen, wie mein Herz und mein Lebensnerv daran hängt.
Um eine Art Entscheidung herbeizuführen, bat ich den Direktor, einmal zu mir zu kommen
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| (da der Schulrat anscheinend ausbleibt) und die Klasse zu prüfen. Ich glaubte auf alles bestens vorbereitet zu sein. Er griff diesen Gedanken gern auf und hat ihn heute bereits ausgeführt. - Ich habe dies Jahr noch wenig glückliche Wendungen erlebt und hätte mich über einen Erfolg in diesem bescheidenen Wirkungskreise herzlich gefreut. Stattdessen ergab sich ein Fiasko. Keine der 3 Parteien hat m. E. Schuld. Es lag in der Natur der Sache. Er fragte anders als ich, und so waren die Mädchen bald in Verwirrung. Sein Eindruck war ungünstig. Die Sache begann desperat zu werden bei der Laokoonprüfung. Anfangs bestach mich die feine didaktische Art, mit der er dieses Thema behandelte (und ich füge hinzu, daß sein ganzes Auftreten mich wieder durchaus mit Hochachtung erfüllt hat.) Aber seine Grundanschauung war falsch. Darauf beruhte auch ihre Einfachheit. Er führte den Unterschied v. bildenden und poetischen Künsten zurück auf den Unterschied von Körpern und geistigen Vorgängen. Das ist durch keine einzige Stelle bei Lessing zu beweisen. Ich war von dem Unterschied <Raum und Zeit< ausgegangen, der allein richtig ist. Sie können sich
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| aber die Verwirrung denken, die damit unter den Mädchen begann. Nachher freilich versagten sie auch bei dem absolut zu Fordernden in trostloser Weise.
Ich hatte dann eine lange, durchaus freundschaftliche Besprechung mit dem Direktor, aus der hervorging, daß er sich wohl vieles anders gedacht hatte, als ich es mache. Ich ehre seine Ansicht und seine Erfahrung; denn hier handelt es sich nicht um meine Auffassung und Art, sondern um Forderung der Schule. Daß ich diese in s. Sinne nicht erfüllt habe, konnte ich mir nach allem nicht verschweigen. Daraus folgt aber - da eine Vermehrung meiner Anstrengungen so wenig denkbar ist als eine nennenswerte Vermehrung meiner didaktischen Fähigkeiten - eigentlich mein Abgang. Obwohl es sich nur um ½ Jahr handeln kann, wird mir dies noch immer schwer. Und es schmerzt mich tief, daß all die verschwendete Kraft nicht das erzielt hat, was doch eigentlich das Ziel war. Das ist für mich geradezu tragisch.
Ich habe die Mädchen natürlich nichts merken lassen; denn sie sind nicht schuld. Am Nachmittag war der Lesezirkel. Welche Empfindungen in mir und welche unbeschreibliche Ausgelassenheit! (So freilich habe ich sie selbst bei den direktorialen Partien
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| nicht erlebt!) Ich habe mich natürlich ganz in denselben harmlosen Ton gestimmt, aber darum nur um so mehr den Reiz dieses jugendlichen Verkehrs empfunden. Was nun den Sieg behalten soll, Ehrgeiz oder Liebe, werde ich in den nächsten 8 Tagen zu entscheiden haben.
Und eine zweite Blüte ist mir bei dieser Gelegenheit geknickt worden. Der Direktor erzählte mir, daß Frida Pütters Vater dissident ist. Ich bin kein Gewissenstyrann und ahne nicht, welche individuellen Erlebnisse (hoffentlich sind es wenigstens solche!) den Mann dahin geführt haben. Aber das Idealbild, das ich mir von dieser mir besonders lieben Familie gebildet habe, ist dadurch getrübt. Denn dadurch muß in diese sonst so rein kindlichen Seelen ein Riß gebracht sein. Was heißt überhaupt dissident bei einem Manne so einfacher Bildung? Will er weiser sein als die Größten? - Es ist, als sollte dieser Tag mich mit nagenden Zweifeln überschütten. Denn natürlich muß ich diesem Rätsel weiter nachforschen; aber das Stück Hirtenpoesie, wohin ich mich in stürmischen Stunden gern zurückzog, ist damit fort.
Und nun die Kehrseite. Ich bin also tatsächlich - wie ich ebenfalls heute Nachmittag
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| las - Heilgehilfe bei der Akademie geworden. Beim Jahresbericht der Humboldtausgabe ist vorgelesen worden: "Empfindliche Versäumnisse in Gebhardts nachgelassenem Katalog der Briefbestände des Staatsarchivs heilt jetzt revidierend und ergänzend Herr Dr. Spranger, dem sich dabei auch die Notwendigkeit ergeben hat, kleine Supplemente zu den politischen Denkschriften zu liefern. Neben ihm sind wir (.... folgen Namen v. Briefstiftern) verpflichtet."
Dies also wäre der Ersatz. Ich frage Sie, ob das bei der Richtung meiner Persönlichkeit ein Ersatz sein kann. Die Antwort ist einfach "Nein", und folglich ist dieser neue Fortschritt innerlich nur ein neuer Verzicht. Wie gut verstehe ich von solchen Erlebnissen aus Rousseau!